Teil I - Kapitel 4 a*

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Die Zeit verging, sie flog an mir vorbei. Ich würde bald auf eine neue Schule wechseln und in die siebte Klasse kommen. Meine Noten waren so schlecht, dass ich auf eine Hauptschule gehen sollte. Ich fürchtete mich davor. Neues machte mir Angst. Meine Klassenkameraden nahmen mich auf Grund meiner Narben nicht mehr an, wie sollte es dann auf einer neuen Schule sein? Dort würde ich sofort zur Außenseiterin werden. Aber wenn ich ehrlich war, wollte ich auch nicht dazugehören. Ich wollte alleine sein. Keiner sollte zu nah an mich herankommen. Es war ein Schutz vor weiteren Verletzungen. Ich ging nur selten zur Schule, aber wenn ich es tat, dann bereute ich es. Meine Klassenkameraden zeigten auf mich und gaben mir fiese Spitznamen. Sie wussten nicht, was mit mir passiert war. Sie waren nur Kinder und konnten es auch sein, während ich zu schnell erwachsen werden musste. Tatsächlich fühlte ich mich deutlich älter als ich war.

Eines Abends setzten sich meine Eltern mit mir zusammen. Sie wollten etwas mit mir besprechen.

Ich war neugierig und gleichzeitig wollte ich es nicht wissen, denn ich ahnte, dass es nichts Gutes zu verheißen hatte.

»Was ist los?«, fragte ich und versuchte, ruhig und neutral zu klingen, doch meine Stimme war zu schrill und aufgeregt.

»Wir werden umziehen, Ashley. Wir können es nicht mehr verantworten, dass du mit diesem Mann in einem Haus wohnst«, platzte mein Vater sofort mit der Neuigkeit heraus. Ich erstarrte. Ich wusste nicht, was ich fühlen sollte. Meine Gedanken überschlugen sich. Einerseits war ich erleichtert, dass ich nun von Ted endgültig wegkommen würde. Er tat mir zwar nichts mehr an, aber ich traute mich meistens nicht, das Haus zu verlassen, weil ich zu große Angst davor hatte, ihn zu treffen.

»Die neue Wohnung ist direkt in der Nähe der Schule«, versuchte mir meine Mutter die Entscheidung schmackhaft zu machen. Tatsächlich freute es mich irgendwie, dass wir umziehen würden, aber es fiel mir schwer, das anzunehmen.

Mir fehlten die Worte, aber ich fühlte mich auch nicht nach sprechen. Es kam alles so plötzlich.

»Nächste Woche werden wir umziehen«, fügte mein Vater hinzu. Ich wollte etwas sagen, doch ich konnte es nicht. Ich hatte keine Worte mehr.

Ruckartig schob ich meinen Stuhl nach  hinten und stand auf. Ohne darüber nachzudenken lief ich in mein Zimmer, knallte die Tür zu und schmiss mich auf mein Bett. Tränen liefen meine Wangen hinunter. Ich schluchzte und hatte mühe, Luft zu bekommen. Ich wusste nicht warum, aber der Gedanke wegzuziehen war schlimmer als die Angst, Ted im Flur zu treffen. Diese Angst war vertraut. Sie gehörte dazu. Was würde ich ohne sie tun?

Die Woche verging schnell. Zu schnell. Ich sprach kein Wort mehr. Wenn meine Eltern mich etwas fragten, sah ich sie zwar an, aber sprechen konnte ich nicht. Selbst wenn ich gewollt hätte, hätten mir die Worte gefehlt. Mein Kopf war leer und immer wenn ich einen Gedanken hatte, konnte ich ihn nicht aussprechen, da ich blockiert war.

Ich sollte meine Sachen einpacken, doch auch das schaffte ich nicht. Ich stand starr vor den Kartons und konnte nichts tun.

»War es eine Fehlentscheidung?«, hörte ich meine Mutter meinen Vater leise fragen, als sie mich dabei beobachteten, wie ich vor einem Karton stand und ihn nur anstarrte, mich dabei nicht regte.

»Ich weiß es nicht. Ich weiß gar nichts mehr«, gestand mein Vater. Es brach mir das Herz. Meine Eltern klangen so verzweifelt. Ich wusste, dass sie alles taten, damit es mir besser ging. Aber mir würde es nie besser gehen. Ich würde bis an das Ende meines Lebens leiden. Ich glaubte, mich sowieso in ein paar Jahren umzubringen. Ich hatte kaum etwas, wofür es sich zu leben lohnte. Warum also kämpfen? Wofür? Außer dafür, meine Eltern nicht noch schlimmer zu verletzen.

Manchmal wachte ich morgens auf und hatte neue Wunden. Ich konnte mir jedoch nicht erklären, woher diese stammten. Ich wusste nur, dass sie da waren. Mir fehlte dann die komplette Erinnerung an den Vorabend. Es machte mir angst, so die Kontrolle zu verlieren.

»Kommst du, Schatz?«, rief meine Mutter mich. Die Sachen waren bereits in dem Transporter. Nur noch ich fehlte. Ich stand in meinem Zimmer und betrachtete die neue Wunde an meinem Arm. Sie zog sich über meinen Unterarm. Die Wundränder waren leicht ausgefranst. Ich muss wütend gewesen sein, als ich sie mir zuzog.

Schritte kamen näher und ich zog schnell den Ärmel über die Wunde. Meine Mutter musste sie nicht sehen, ich wollte es nicht.

»Kommst du bitte Ashley?«, sie klang flehend und verzweifelt. Es war ihr Tonfall, der dafür sorgte, dass ich mich in Bewegung setzte. Ich stoppte nicht wie üblich hinter der Tür und lauschte sondern lief eilig durch den Flur zum Auto. Mein Herz begann zu rasen, ich schwitzte.

Als ich jedoch im Auto saß, war ich wieder ruhig. Mein Vater hatte sich einen Transporter geliehen. Die restlichen Möbel wurden von einem Umzugsunternehmen zu unserer neuen Wohnung gebracht. Sie war ein Dorf entfernt.

Meine Eltern konnten so weiterhin ihre Kneipe leiten und ich war näher an der Schule. Für mich gab es nun keinen Grund mehr, zurück in das alte Dorf zu kehren. Außer die Sehnsucht. Doch wonach sehnte ich mich?

Nach der Angst?

Nach den Qualen, denen ich mich noch immer aussetzte? Ich wusste es selbst nicht.

Von der Fahrt bekam ich nicht viel mit. Sie dauerte nicht lange, aber ich erschrak, als wir plötzlich vor einem weißen Mehrfamilienhaus anhielten und meine Eltern verkündeten, dass wir angekommen waren. Das Haus wirkte in Ordnung. Die Fassade strahlte weiß, vermutlich war es ein neu erbautes Haus.

Ich öffnete die Tür des Transporters und sprang heraus. Meine Füße trugen mich automatisch in Richtung des Hauses. Vor der Tür blieb ich jedoch stehen und wartete auf meine Eltern, die sich erst erstaunt ansahen, ehe sie mir folgten und die Tür aufschlossen.

»Es ist die erste Wohnung links im ersten Stock«, sagte meine Mutter und hielt mir die Tür auf. Ich schwieg weiterhin, da ich nicht wusste, was ich sagen sollte.

Meine Mutter erzählte mir etwas, während wir die Treppen hinauf stiegen, doch ich schaffte es nicht, zuzuhören. Meine Sicht verschwamm und ich hatte Mühe, überhaupt zu laufen. Ich wollte stehen bleiben und mich in eine nicht vorhandene Welt retten, in der es nur mich und Sicherheit gab.

»Das soll dein Zimmer werden, ist das in Ordnung?«, ich hatte nicht mitbekommen, dass wir die Wohnung betreten hatten. Wie lange waren wir schon hier drinnen?

Ein paar Kartons standen in dem fast rechteckigen Zimmer. Neben dem Fenster war eine kleine Nische, in die mein Bett genau passen würde. Die Wände waren, wie sollte es anders sein, weiß gestrichen. Der Boden war mit PVC in Laminatoptik ausgelegt. Unter anderen Umständen hätte ich es vielleicht schön gefunden.

»Der LKW mit den Möbeln kommt bestimmt gleich«, sagte meine Mutter und legte mir die Hand auf die Schulter. Ich nickte und starrte aus dem Fenster. Ein paar Vögel saßen in einem Baum, der direkt vor dem Haus stand. Zudem blickte man auf eine weite Fläche mit Feldern. Es wirkte idyllisch und ruhig, doch ich wusste nicht, ob ich es genießen könnte.

Ich hörte, wie meine Mutter seufzte und dann wegging.

Spindeldürr! - #Wattys2017Lies diese Geschichte KOSTENLOS!