Teil I - Kapitel 3 c*

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»Der Arzt hat gesagt, dass ich duschen darf. Kann ich dann auch Handtücher und Duschgel bekommen?«, fragte ich etwas selbstsicherer. Gloria sah mich beinahe abschätzig an.

»Natürlich. Ich bringe dir die Sachen gleich und zeige dir dann, wo die Dusche ist.« Sie bemühte sich zu verbergen, dass sie mich nicht mochte, aber sie schaffte es nicht. Ich spürte es und fühlte einen Stich im Herzen. Wahrscheinlich ekelte sie sich vor mir, weil ich so schmutzig und eine Hure war.

Sie verließ das Zimmer wieder, um die Sachen zu holen. Ich nutzte die Zeit um mir meine Jeans und den Pullover anzuziehen. Es war eine einfache, hellblaue Jeans und ein schwarzer Pullover, der mit einem großen Pferdekopf bedruckt war. Ich mochte Pferde, fand sie toll. Sie waren so groß und gleichzeitig elegant. Im Fernsehen konnte ich stundenlang Pferdefilme sehen, diese waren das einzige, das mich wirklich mit Freude erfüllte. 

Die Tür ging wieder auf und eine jüngere Version von Gloria kam herein. Sie hatte ähnlich stumpfe Haare, war fast genauso korpulent, wirkte jedoch aufgeschlossener.

»Hallo Ashley, ich bin Elisabeth, ich bin hier Schülerin. Schwester Gloria hat mir gesagt, dass du gerne duschen möchtest. Komm einfach mit«, sie klang fröhlich. Ich mochte sie obwohl ich entschieden hatte, alle hier nicht leiden zu können, bis auf den Arzt. Und für Elisabeth würde ich ebenfalls eine Ausnahme machen.

Vielleicht war Gloria auch die einzige, die so unfreundlich war.

Ich folgte Elisabeth den Gang entlang. Am anderen Ende befanden sich zwei Türen. Auf der einen war ein Mädchen, auf dem anderen ein Junge. Ich schloss daraus, dass dies beides die Türen zu den Badezimmern war.

Elisabeth deutete auf die Tür mit dem Mädchen: „da kannst du duschen."

Ich nickte und öffnete die Tür.

Es gab verschiedene Duschkabinen. Ich fühlte mich etwas wie im Schwimmbad. Meine Kleidung legte ich auf einen kleinen Holzschrank.

Das heiße Wasser fühlte sich gut auf meiner Haut an. Ich schloss die Augen und stellte mir vor, wie der ganze Dreck von meinem Körper gewaschen wurde. Es half etwas.

»Alles gut bei dir Ashley?«, vernahm ich auf einmal Elisabeths Stimme. »Ja, warum?«, fragte ich verwundert. »Du duscht bereits seit einer halben Stunde und deine Eltern sind da«, informierte sie mich. »Ich komme«, rief ich ihr zu und drehte das Wasser ab. Ich war beinahe etwas traurig, dass ich bereits aufhören musste zu duschen, denn ich fühlte mich noch immer schmutzig.

Schnell trocknete ich mich ab und streifte mir meine Kleidung wieder über. Ich wollte so schnell wie möglich nach Hause um weiter duschen zu können.

Als ich meine Eltern sah, fiel mir ein Stein vom Herzen. Ich war nicht mehr das fröhliche Mädchen von früher, doch auf einmal hatte ich das Bedürfnis sie zu umarmen. Ich wollte nie wieder an diesen Ort  zurück.

Ich folgte dem Impuls und schloss erst meine Mutter und dann meinen Vater in meine Arme. Die beiden wirkten überrascht, erwiderten jedoch die Umarmung.

»Können wir los?«, fragte ich hibbelig. Meine Mutter nickte. Mein Vater hatte bereits den Arztbrief erhalten und griff nach meiner Hand. Diese Geste gab mir Sicherheit und ich verweigerte sie das erste Mal seit langem nicht.

»Tschüss«, verabschiedete ich mich in die Runde, doch es schien mich keiner zu hören. Gloria schimpfte gerade mit einem Kind. Ein anderer Mann tippte etwas in einen Computer. Lediglich Elisabeth sah auf und nickte mir zu.

Wir gingen den kurzen Flur wieder entlang, die Treppen hinunter, verließen das Gebäude und gingen dann zum Auto.

Keiner von uns sagte ein Wort, die Atmosphäre war angespannt. Es war etwas Neues, dass ich in der Psychiatrie gelandet war. Das musste erst einmal verdaut werden.

Zuhause nahm ich mir sofort neue Kleidung und stellte mich wieder unter die Dusche.

Ich schrubbte meine Haut solange, bis sie rot und wund war.

Der Verband an meinem Arm war vom Wasser durchtränkt, weswegen ich ihn abmachte und die genähte Wunde betrachtete. Sie war leicht gerötet. Ich strich über die Stelle. Die blauen Fäden pikten leicht. Es beruhigte mich, die Wunde und die Fäden zu sehen.

Als ich mit Duschen fertig war, trocknete ich mich ab und zog mich wieder an. Ich hatte mir eine dunkle Hose und einen grauen Pullover der mit Blumen bedruckt war ausgesucht.

Mir war alles recht, was meine Arme bedeckte. Ich schämte mich vor meinen Eltern für die Narben. Jede neue Wunde war mir im Nachhinein peinlich.

Als ich aus dem Bad trat, überkam mich das Verlangen nach draußen zu gehen.

»Ich gehe spazieren, Mama«, rief ich, als ich vor der Haustür stand, eine Jacke und Schuhe hatte ich bereits angezogen. Ich informierte meine Mutter mehr, als dass ich sie fragte. Ich wusste zwar, dass sie mich am liebsten den ganzen Tag bewachen würde, mir aber alles erlaubte, um etwas wiedergutzumachen, für das sie nichts konnte. Meine Eltern machten sich Vorwürfe, weil sie nie etwas bemerkt hatten. Ich jedoch wusste, dass sie nichts dafür konnten, denn ich alleine war schuld.

Ein Schatten legte sich über meine Laune, als meine Gedanken in diese Richtung abdrifteten. Ich wünschte mir, ein normales Kind zu sein, das draußen mit anderen Kindern spielte und keine Angstattacken bekam, wenn es den Hausflur betrat.

»Ist gut«, antwortete meine Mutter.

Ich öffnete die Tür und lauschte eine Weile, ob ich Schritte hörte. Erst, als ich sicher war, dass keiner sich im Flur aufhielt trat ich hinaus und schloss die Tür.

Ich schlich die Treppen hinunter, vorbei an Teds Haustür und trat ins Freie.

Dort atmete ich tief durch. Die frische Luft strömte in meine Lungen, doch ich freute mich nicht darüber, dass ich lebte. Ich fühlte mich wieder stumpf. Der Wunsch zu sterben drängte sich in mir auf.

Ich könnte mich auf die Straße stellen und auf ein Auto warten. Oder von einer Brücke stürzen. Es gab viele Möglichkeiten, aber ich hatte es noch nicht über mein Herz gebracht. Ich hatte Angst, dass meine Eltern noch mehr leiden würden.

Auf einmal hörte ich Schritte vor mir und stellte fest, dass ich die ganze Zeit auf den Boden gesehen hatte.

Alarmiert hob ich den Kopf, obwohl ich bereits wusste, dass es nicht Ted war. Seine Schritte würde ich überall wiedererkennen.

Es war Karen. Sie sah aus wieder der lebendige Tod. Ihre Haut war blass und die Ringe unter ihren Augen waren tiefer als sonst. Als sie mich sah wurden ihre Augen größer und ich glaubte Schuldgefühle in ihrem Gesicht erkennen zu können.

Auf einmal wurde mir bewusst, dass er ihr das gleiche angetan hatte. Die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. Ich schnappte erschrocken nach Luft. Das Bedürfnis sie zu umarmen kam in mir auf. Gleichzeitig wollte ich sie anschreien, dass sie ihr Schweigen brechen sollte, damit man Ted verhaften könnte.

Das Verfahren lief noch. Jedoch gab es bis auf meine Aussagen keine Beweise gegen ihn. Man konnte nicht nachweisen, dass er es gewesen war. Und von Unterhaltungen meiner Eltern, denen ich heimlich gelauscht hatte, wusste ich, dass er einen sehr guten Anwalt hatte. Die Chancen standen denkbar schlecht. Er hatte auf alles geachtet. Selbst das psychologische Gutachten würde nicht ausreichen, damit er verurteilt werden würde.

Karens Augen waren leer und stumpf, so wie meine es geworden waren. Ihr Körper war zu sehr geschunden. Ich spürte, dass es ihr egal geworden war, was mit ihr passierte. Ihr wäre es genauso egal wie mir, wenn sie sterben würde. Ich wusste nun, woher die Narben auf ihrem Körper stammten und weshalb sie dort waren. Und ich verstand sie plötzlich sehr gut. Sie hatte sich aufgegeben. Es war vergebens, sie würde nicht reden.

Ihr Mund formte etwas, doch ich verstand es nicht. Dann war sie im Hausflur verschwunden. Ein kalter Schauer lief meinen Rücken hinunter.

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