Teil I - Kapitel 3 b*

3K 131 10




»Ach Ashley«, seufzte die Krankenschwester und setzte sich auf den Stuhl, auf dem die Ärztin gesessen hatte. Auf einmal fiel mir auch der Name der Schwester wieder ein: Karla.

»Ich kann nicht mehr Karla«, flüsterte ich heiser. Tränen schossen in meine Augen. Ich war am Ende meiner Kräfte angelangt. Ich wollte nicht mehr, dass mein Nachbar mich anfasste. Ich wollte nicht mehr leiden. Ich wollte dieses Leben beenden. Denn es war alles meine Schuld und ich wusste nicht, was ich sonst tun könnte, um dem Leiden zu entkommen.

»Hat er dich wieder... hat er dir wieder etwas angetan?«, fragte Karla vorsichtig. Sie klang traurig und gleichzeitig ängstlich. Warum machte es sie traurig, wenn ich beschmutzt wurde? Ich war selbst schuld. Wäre ich nicht ich, wäre ich anders, dann wäre es nie passiert.

Ich schüttelte den Kopf, denn er hatte mich nicht mehr angefasst, seit ich es meinem Therapeuten erzählt hatte.

Sie atmete erleichtert aus.

»Du weißt, dass das nicht deine Schuld ist oder?«, fragte sie. Ich nickte, weil ich mich fühlte, als müsste ich nicken. So viele Leute versuchten mir einzureden, dass es  nicht meine Schuld gewesen war. Aber Ted hatte etwas anderes gesagt und seine Worte wogen mehr als die der anderen. Es klang für mich logischer, dass es meine Schuld war als der Gedanke, dass ich nichts dafür konnte.

»Das ist gut, denn wenn eine Person dafür nichts kann dann du. Egal, was er gesagt hat. Du bist nicht schuld«, sagte sie mit Nachdruck und sah mir tief in die Augen. Ich begann an dem Verband zu spielen und nickte wieder.

Auf einmal legte Karla ihre Hand auf meine und stoppte somit meine Bewegung. Ich sah sie an. Ihr Blick machte mir für einen Moment die Hoffnung, dass ich vielleicht doch nicht so schlecht war, wie ich mich fühlte. Sie schien es wirklich zu kümmern, wie es mir ging. Doch das Gefühl hielt nicht.

»Sie macht das nur, weil sie es muss«, sagte meine innere Stimme gehässig und ich senkte den Blick wieder, denn ich konnte ihrem nicht stand halten.

Die Tür ging wieder auf und die Ärztin kam mitsamt meinen Eltern herein. Ich schnappte nach Luft, denn es waren mir zu viele Menschen für zu wenig Raum. Ich verkrampfte mich, als ich das Schluchzen meiner Mutter hörte. Sie klammerte sich an den Arm meines Vaters dessen Augen ebenfalls gerötet waren.

»Ashley, ich habe mit deinen Eltern besprochen, dass ich dich stationär aufnehmen werde. Ich halte es für sicherer«, sagte die Ärztin. Ihre Stimme klang auf einmal fürchterlich autoritär.

Ich fühlte mich wieder gleichgültig. Sämtliche Gefühle waren verschwunden. Ich fühlte mich nur noch leer.

»Oh, Ashley«, mein Vater klang schwach und müde. Er sah aus, als wäre er mit den Nerven am Ende. Mit seiner freien Hand strich er sich immer wieder durch die Haare.

»Wie lange muss ich bleiben?«, fragte ich monoton.

»Erstmal diese Nacht. Morgen früh sehen wir dann weiter. Bist du damit einverstanden?«, fragte die Ärztin überflüssigerweise. Ich unterdrückte ein sarkastisches Lachen und nickte nur. Wenn ich mich weigern würde, würde ich mit Zwang eingewiesen werden, das wusste ich bereits mit meinen elfeinhalb Jahren. Ich erhob mich langsam von der Liege und richtete meinen Blick auf den Boden.

»Dann wollen wir mal«, bestimmte die Ärztin. Karla strich mir noch einmal über den Arm, dann gingen wir los.

Wir gingen wieder den langen Flur entlang, verließen das Gebäude, gingen über einen gepflasterten Weg entlang, dessen Rand ein paar alte Bäume säumten und betraten dann wieder ein kleines, zweistöckiges Gebäude. Die plötzliche Hitze erschlug mich. Mir wurde schummrig und ich lehnte mich kurz an eine Säule, die in der Mitte der Halle stand, in der wir uns befanden.

Spindeldürr! - #Wattys2017Lies diese Geschichte KOSTENLOS!