Teil I - Kapitel 3 a*

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»Ashley, was mache ich nur mit dir?«, der Chirurg sah mich mit traurigem Blick an. Ich war nun das vierte Mal diese Woche in der Rettungsstelle zum Nähen der Wunden, die ich mir selbst zufügte. Wenn ich ehrlich war, dann war mir alles egal. Es war mir egal, was mit mir passierte. Wie es weiterging.

Ich fühlte mich taub und stumpf. Sämtliche Lebensfreude war mir geraubt worden.

»Ashley, ich möchte, dass du heute noch mal mit der diensthabenden Psychiaterin sprichst, ist das ok?«, er sprach mit mir, als wäre ich ein Kleinkind. Aber auch das war mir egal. Ich zuckte mit den Schultern. Wenn er wollte, dass ich mit ihr sprach, dann würde ich das tun. Ich war nicht mehr diejenige, die über mein Leben bestimmte. Nein, ein grausamer Mensch bestimmte nun über mein Leben und ruinierte es Stück für Stück.

Er ließ mich nicht wieder zurück in den Wartebereich gehen. »Ich mache mir Sorgen, dass du dann einfach verschwindest. Deine Eltern sind schließlich noch nicht da«, begründete er seine Entscheidung. Ich war stumm, brachte es nicht über mich, etwas zu sagen. In meinem Kopf schienen keine Gedanken zu sein. Nur der Wunsch zu sterben war da. Er war groß, übermächtig. Lähmte mich.

Wie immer waren meine Eltern bereits benachrichtigt worden. Da sie jedoch nicht schnell genug hatten kommen können, hatten sie dem Chirurgen per Fax erlaubt, mich zu behandeln. Nun musste ich auch noch auf sie warten. Ich fragte mich, wie sie diesmal reagieren würden. Traurig? Wütend? Würden sie resignieren?

Der Arzt verließ den Behandlungsraum. Eine Schwester kam raus und schob mich in den Flur. Ich wusste, dass sie es tat, um mich besser im Blick zu haben. Ich nahm es ihr nicht übel. Denn vermutlich hätte ich mir tatsächlich ein paar Butterflies mitgenommen, oder ein paar der Rasierer, die in einem Schrank lagen. Ich hatte es in der Vergangenheit bereits getan und wusste genau, wo welche Gegenstände lagen.

»Möchtest du etwas trinken?«, fragte die Schwester mich sanft. Ich kannte sie bereits gut. Wir unterhielten uns öfter, wenn ich hier war. Die Gespräche mit ihr taten mir gut. Sie war immer nett, hatte keine Vorurteile und nahm mich öfter in den Arm.

Ich schüttelte den Kopf: »nein danke.« Meine Stimme klang monoton und gleichzeitig schwach.

»Ach Ashley, was ist los?«, fragte sie weiter. Ihr Gesicht verzog sich schmerzhaft und ich meinte, ein paar Tränen in ihren grünen Augen zu sehen.

»Ich hasse mich so sehr«, flüsterte ich. Es war mir peinlich, das auszusprechen. Sie seufzte, strich mir sanft über den Arm und ging dann in ein anderes Behandlungszimmer.

Gedämpfte Stimmen drangen an mein Ohr, doch ich konnte nicht verstehen, was sie sagten.

Der Geruch nach Desinfektionsmittel lag in der Luft. Ich sah Leute vorbeigehen, die mich interessiert musterten. Vermutlich fragten sie sich, was ich hier alleine machte.

Die meisten Ärzte, die an mir vorbeiliefen kannte ich bereits. Sie lächelten mir zu, doch ich konnte das Lächeln nicht erwidern. Ich schaffte es nicht.

Einige Leute liefen eilig vorbei, sie wirkten gehetzt und in ihren Gesichtern las ich die Angst.

Es lenkte mich von meinen Sorgen ab hier zu sitzen und die Leute zu beobachten. Ich wusste nicht warum, aber es beruhigte mich. Vielleicht war es, weil es mir das Gefühl gab, nicht die einzige auf der Welt zu sein die litt. Vielleicht war es aber auch, weil ich mir sagte, dass andere ein viel schlimmeres Los gezogen hatten als ich.

»Hallo Ashley«, vernahm ich auf einmal eine Frauenstimme neben mir. Ich zuckte vor Schreck zusammen und wandte meinen Kopf nach links. Eine korpulente, blond haarige Frau mit braunen Augen stand dort und schenkte mir ein Lächeln. Erneut schaffte ich es nicht, es zu erwidern. »Ja?«, fragte ich, da ich sie noch nie gesehen hatte.

»Ich bin die diensthabende Psychiaterin, wollen wir uns einmal unterhalten?«, fragte sie sanft. Ich zuckte mit den Schultern. Wenn sie es unbedingt wollte, warum nicht? Mir blieb sowieso nichts anderes übrig.

»Gut, dann komm bitte mit«, forderte sie mich auf. Sie klang freundlich. Unter anderen Umständen hätte ich sie vielleicht wirklich gemocht.

Ich sprang von der Liege und lief ihr hinterher. Wir gingen einen langen Flur entlang. Der Boden war mit grauem Linoleum belegt. Die Wände waren einmal weiß gewesen, schienen nun aber leicht gräulich. An den Decken waren längliche Lampen angebracht, die ein künstliches, weißes Licht strahlten und alles unwirklich scheinen ließen. In regelmäßigen Abständen hingen Bilder die Untersuchungen darstellten oder über eine bestimmte Krankheit informierten an den Wänden.

Doch all das bekam ich nur am Rande mit. Ich fühlte mich taub, abgestumpft und dachte daran, wie ich mich verletzen konnte. In meinem Kopf liefen verschiedene Szenarien ab. Ich wollte mir eine Glasscherbe in die Pulsader rammen, doch ich hatte keine.

Unruhig kratzte ich mir über den verbundenen Arm. Ich rammte meine Fingernägel in den Verband und genoss den stechenden Schmerz, auch, wenn ich ihn kaum wahrnahm. Ich hatte es verdient zu leiden. Ich war schmutzig. Eine Hure.

Es kam mir vor, als wären wir eine Ewigkeit gelaufen, als die Ärztin vor einer Tür stehen blieb. Sie drehte sich lächelnd um und schloss den Raum auf.

»Geh ruhig vor«, bat sie mich und deutete auf das kleine Zimmer. Ich öffnete die Tür,  trottete in das Zimmer und setzte mich auf die Liege die dort stand.

Der Raum war tatsächlich sehr klein. Es passte ein kleiner Schreibtisch rein, auf dem ein moderner Computerbildschirm stand. Zudem standen zwei Stühle neben dem Schreibtisch. Und die Liege.

Mehr war nicht in dem Zimmer.

Die Wand war strahlend weiß gestrichen und der Boden bestand aus orangem Linoleum. An der Wand war ein Bild von einer Strandlandschaft.

Ich fühlte mich unwohl. Die Wände waren mir zu nah. Ich wusste nicht, wo ich hinsehen sollte. Obwohl der Raum eher kahl war, fühlte ich mich von den Reizen erschlagen.

Mein Blick wanderte zu meinen Händen. Meine linke Hand ruhte noch immer auf dem Verband. Meine rechte Hand lag auf meinem linken Bein. Ich fühlte mich verkrampft.

»Wie geht es dir jetzt Ashley?«, fragte die Ärztin. Sie hatte sich einen Stuhl genommen und zu der Liege gestellt. In meinem Kopf waren auf einmal tausend Worte, die beschrieben, wie ich mich fühlte. Doch alles, was ich sagen konnte war: »nicht gut.« Es war nicht gelogen und dennoch untertrieben. Mir ging es deutlich schlechter als „nicht gut". Sie sah mich an und nickte.

»Möchtest du mir erzählen, warum du dich verletzt hast?«, fragte sie weiter. Sie klang vertrauenerweckend doch alles in mir sträubte sich dagegen mit ihr zu reden. Ich verbot es mir selbst, denn ich hatte es nicht verdient. Ich durfte nicht mit ihr reden, denn jemand wie ich verdiente keine Hilfe. Mir durfte es nicht gut gehen, mir musste es schlecht gehen.

Ich spürte einen schwachen Schmerz und bemerkte, dass ich meine Fingernägel wieder in die genähte Wunde drückte. Ich wollte den Verband abmachen und die Fäden aus der Haut reißen.

»Ich musste mich bestrafen«, antwortete ich gleichgültig und begann, ins Leere zu starren. Meine Sicht verschwamm und meine Augen blickten starr auf einen Punkt. Ich fühlte mich schlagartig besser. Sicherer.

»Möchtest du dir denn etwas antun?«, fragte sie behutsam. Ich spürte mich nicken. Ja, ich wollte mir etwas antun. Ich wollte meine Existenz auslöschen.

Sie nickte ebenfalls, als es auf einmal klopfte.

Die Tür ging auf und die Krankenschwester betrat das Zimmer.

»Ihre Eltern sind da«, informierte sie die Ärztin. »Gut, kannst du einmal hier bei ihr bleiben? Ich möchte mit den Eltern sprechen und sie nur ungern alleine lassen«, bat die Ärztin die Schwester. Diese nickte und die Psychiaterin erhob sich auf Grund ihrer Körperfülle schwerfällig.

»Bis gleich Ashley«, verabschiedete sie sich und ging schnellen Schrittes aus dem Zimmer.

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