Besitz

63 2 5


  „Ich will ihn haben."

Er hörte diese Worte am dunkelsten Punkt seines Lebens, als er schon längst aufgegeben hatte.

Er hatte nicht einmal damit gerechnet, dass er sein Leben überhaupt behalten durfte. Die Brandmarkung, die ihn auf Lebzeiten zu einem Schuldsklave von Artem Karvash machte, besiegelte fast sein Schicksal. Und im Grunde war er selbst davon überzeugt, dass es eine gerechte Strafe gewesen wäre, eine Rückzahlung für das, was er getan hatte. Vielleicht war er deshalb so überrascht, dass ihm vergönnt war weiter zu leben. Und auch das entsprach im Grunde nicht den Tatsachen; letztendlich erlaubte ihm Anssi simpel nicht, zu sterben.

Vielleicht war es eine Gnade, dass Anssi seinen Willen gegen den alten Karvash durchsetzte und Tarn für sich beanspruchte. Aber es kam Tarn bestimmt nicht wie eine vor. Der herbeigeholte Arzt wagte es nicht einmal, ihm mehr als eine leichte Betäubung zu geben, aus Angst, dass er sonst nicht mehr erwachen würde. Und während er mit konzentriertem Gesicht die eitrige Brandwunde auf Tarns Schulterwunde ausschnitt, stand Anssi mit verschränkten Armen neben ihnen, sah mit kalter Gelassenheit zu und hielt Tarn mit Schlägen ins Gesicht wach, wenn er drohte ohnmächtig zu werden. Am Ende dieser Tortur, nach einer Ewigkeit der Qualen, beantwortete der Arzt Anssis Frage danach, ob Tarn leben würde mit einem vagen: „Vielleicht? Schwer zu sagen. Ich würde keine Wetten darauf abschließen. Ihr solltet die Nacht abwarten."

Und obwohl er vor Schmerzen halb ohnmächtig war, hatte Tarn gelacht. „War die Sache wirklich den ganzen Ärger wert?", hatte er gemurmelt, und Anssi hatte nur kalt gelächelt. „Das werden wir noch sehen. Bis dahin verbiete ich dir, zu sterben."

Anscheinend hatte er schon damals Befehle von Anssi entgegen genommen, denn er starb nicht - nicht in dieser Nacht, und nicht in den folgenden Nächten, in denen er wach lag, weil er vor Schmerzen nicht schlafen konnte, und das Schicksal um seinen Tod anbettelte. Er wurde gesund, gegen alle Wahrscheinlichkeit und alle Vorzeichen.
In den qualvollen Wochen, in denen er sich wieder aufrappelte und seine Wunde zu einem wirren Geflecht von Narben heilte, war er ein Gefangener. Es dauerte einen Monat, bis er stark genug war, sein Bett zu verlassen und sein neues Leben beginnen konnte. Nicht als Prostituierter, wie Karvash es vorgesehen hatte, denn der hatte ihn an seinen Günstling verschenkt. Ab dem Moment, an dem Anssi ihn unter seinen Schutz stellte, war Tarn wieder das, was er immer gewesen war: Ein Pferdeknecht.

Artem Karvashs Bordell war nicht gerade das, was man ein Zuhause nennen konnte, das begriff Tarn schon bevor er gesund genug war, um aufzustehen. Er sah es in der Art, wie sich die Diener duckten - es gab keine offene Grausamkeit, aber auch keinen Spielraum für Fehler. Karvash war ein kalter und gleichgültiger Herr, doch in seinem Schatten hielt sich das teure Anwesen passabel. Er war nicht klug genug, alle seine Ausgaben und Geschäfte im Auge zu behalten, aber er hatte ein Händchen dafür, die richtigen Leute zu finden, die es in seinem Namen taten, und alle von ihnen waren kühle, unnahbare Männer wie er selbst. In Folge dessen lief alles unter seiner Hand wie eine gute geölte Maschinerie, aber die Atmosphäre des Hauses wurde ebenfalls davon bestimmt. Abweichungen wurden schwer bestraft, und selbst wenn die Regeln gerecht waren und die Bedingungen gut, wagte niemand sich zu wohl zu fühlen.
Umso erstaunlicher war es, dass Karvash nichts zu teuer und kein Aufwand zu hoch war, um seine Lieblinge zu versorgen. Karvash war ein Pferdenarr und suchte immer nach fähigen Männern, die sich um seine Tiere kümmerten. So kam es, dass Tarn bereits am ersten Tag, an dem er überhaupt wieder aufrecht stehen konnte, mit einem sauberen Stapel schlichter Kleidung versorgt und in die Ställe beordert wurde. Anssi hatte sich zwar seit dem Tag, an dem Tarns entzündete Wunde behandelt worden war nicht blicken lassen, und doch schien er unsichtbar im Hintergrunde die Fäden gezogen zu haben. Er hatte in Erfahrung gebracht wie Tarn sich nützlich machen könnte, aus welcher Quelle er diese Information auch bezog, und zielsicher dafür gesorgt, dass er eine Chance erhielt seinen Wert unter Beweis zu stellen.
In gewissem Sinne war auch das eine Ironie; nachdem Tarn geglaubt hatte mit seinem alten Leben abgeschlossen zu haben, stand er, nach einem konfusen Irrweg durch das weitläufige Anwesen und dem Umweg über mehrere Nebengebäude, unvermittelt wieder mitten darin. Ohne dass er es wollte war er heimgekehrt zu dem, was er kannte.

Eines musste man Karvash lassen, seine Ställe waren so sauber und ordentlich, dass Tarn auf den ersten Blick nicht einmal etwas zu tun fand, als er sie zum ersten Mal betrat. Das Nebengebäude schien, im Gegensatz zu den uralten Mauern des Hauptanwesens, neueren Ursprungs zu sein, oder es war schon einmal abgerissen und von Grund auf neu aufgebaut worden. Alles sah gut gepflegt aus, frisch gereinigt oder gut in Stand gehalten wie die aufgehängten Geschirre. Und seltsamerweise war der Stall auch völlig menschenleer, aber da es Mittagszeit war, machten die Knechte vermutlich gerade eine Pause. Tarn hatte schon mitbekommen, dass zumindest das in Karvashs Haushalt üblich war. Und im Grunde war es ihm so Recht; er wollte sowieso alles zunächst allein erkunden.

Tarn sah sich um, so neugierig, wie es seine verletzte Schulter zu ließ, und während er sich an den Perden vorbei bewegte, konnte er sein Staunen kaum verbergen. Die Tiere waren ausnahmslos schön, kräftig und gesund, und wie es schien auch alle von sanftem Gemüt. Er trat an mehrere heran, streichelte Hälse und Nasen und blickte in sanfte braune Augen, und für einen Moment vergaß er sogar seine Schmerzen. Routiniert musterte er die Gelenke, erlaubte sich sogar einen schnellen Blick auf die Zähne, prüfte, welche der Hengste kastriert waren. Anscheinend züchtete Karvash, denn längst nicht alle Hengste waren kastriert, und eine der Stuten war trächtig und in einem eigenen Pferch von den anderen separiert.
Ohne Bedenken betrat er den Pferch der Stute, und nachdem er sie beruhigt und sich ein wenig vertraut mit ihr gemacht hatte, tastete er sie vorsichtig ab und spürte die Bewegungen ihres Jungen. Sie würde tatsächlich bald abfohlen, in zwei, höchstens drei Wochen, und so gesund und zufrieden, wie die Stute aussah, konnte das eigentlich nur gut gehen. Schön. Er lächelte und streichelte das glänzende Fell, und die Stute schnaubte leise und zufrieden.

„Na, wie lang gibst du ihr noch?" Tarn schrak zusammen, und er war froh, dass er die Stute damit nicht aufstörte. Langsam wandte er sich zu der tiefen, freundlichen Stimme um, die ihn angesprochen hatte. Es war ein grob wirkender Mann um die vierzig, mit unauffällig braunem Haar, das bereits schütter zu werden begann. Er stand am Eingang des Pferchs, hatte die Arme vor dem Körper verschränkt und betrachtete ihn. Obwohl er einen ziemlich abgerissenen Eindruck machte, schien er sich viel auf sich selbst einzubilden, denn er wirkte ziemlich selbstsicher. Sein Blick war wachsam und intelligent, und Tarn war vom ersten Moment an auf der Hut. Der Kerl sah wie einer aus, der ihm Schwierigkeiten bereiten oder sich in seine Belange einmischen würde, und beides konnte er überhaupt nicht leiden.

Auch deshalb murmelte Tarn nur halblaut: „Woher soll ich das wissen?" Das fehlte noch, dass er sich am ersten Tag zu sehr hervor tat. Am Ende wurde ihm doch nur die ganze Drecksarbeit aufgehalst, darauf konnte er gern verzichten. Außerdem hatte er nicht vor, mehr Worte als nötig mit diesem Neuankömmling zu wechseln. Für einen Moment hatte er sich fast wohl gefühlt, ganz allein und ohne störende Menschen. Pferde waren, so lange man sie gut behandelte und sich ihnen gegenüber durchsetzte, angenehme Zeitgenossen. Von Menschen konnte man das nicht behaupten. Er hoffte nur, dass sich sein ungebetener Besuch bald wieder verziehen würde, oder zumindest den Stallmeister holte, damit er sich diesem vorstellen konnte. Aber mit einem abgerissenen Kerl wie dem, der sich für wichtig hielt, hatte er nun wirklich nichts zu schaffen.

Der Knecht, der sich zu ihm gesellt hatte, wartete ab, ob das seine einzige Antwort bleiben würde, und ergriff dann selbst erneut das Wort: „Du scheinst dich mit Pferden auszukennen. Sieht man auf den ersten Blick. Tarn, oder?" „Kann sein", antwortete Tarn und wandte sich wieder der Stute zu, streichelte ihren Hals und die Nase. Wenn es nach ihm ging, sollte dieser Kerl ruhig so viele Fragen wie er wollte, er würde ihn sowieso ignorieren.

Doch wenn er geglaubt hatte, sein Gesprächspartner würde sich von seiner Einsilbigkeit beeindrucken lasse, dann hatte er sich gründlich getäuscht. Der Knecht dachte gar nicht daran, locker zu lassen, sondern gesellte sich zu ihm und streichelte ebenfalls den Hals der Stute, die sich ihm zutraulich zu wandte. Wer auch immer der Kerl war, er schien die Pferde genauso zu lieben und zu schätzen wie Tarn, man sah es in seinem Blick. Es hätte Tarn fast etwas Respekt abgerungen, wenn er sich nicht so vehement dagegen gewehrt hätte.

„Kann sein?", fragte der Andere jetzt mit einem Lächeln. „Wenn das nicht dein Name ist, gebe ich dir selbst einen. Fällt mir bestimmt einer ein. Zum Beispiel байстрюк." Tarn stutzte nur einen Moment, und fast hätte er den Mund geöffnet und zugegeben, dass er kein Wort verstanden hatte, aber dann hielt er sich zurück. Stattdessen sagte er einsilbig: „Ich soll hier arbeiten." Sein Gegenüber schnaufte amüsiert. „Man hat dich schon angekündigt, байстрюк", erklärte er und benutzte den Spitznamen, was auch immer er bedeutete, mit großer Zufriedenheit. „Hat mich ziemlich überrascht; sonst teilt uns Karvash neue Knechte zu, und nicht seine Prostituierten. Also nehme ich an, dass du entweder sehr viel Glück oder sehr viel Pech hattest, je nachdem, was du vorhattest in diesem Haus zu werden." Er verschränkte erneut selbstsicher die Arme und ordnete an: „Ich denke, um die Tiere kennen zu lernen teile ich dich für die nächsten Tage zum Ausmisten ein, байстрюк. Sollte dich jedenfalls nicht überfordern. Mit Pferden kennst du dich ja nicht aus, da sollten wir klein anfangen, was?"

Es war eine Herausforderung. Keine bösartige, aber sie war trotzdem deutlich. Tarn runzelte die Stirn, und unbewusst ahmte er die Geste seines Gegenübers nach, verschränkte ebenfalls die Arme vor dem Körper. „Ich nehme keine Befehle von irgendwem an", knurrte er gereizt, ohne jedoch die Stimme zu erheben. „Habt ihr in diesem Dreckloch keinen Stallmeister?"

Der Knecht lachte laut auf, ein dröhnender, uriger Laut, der seltsam vertrauenerweckend war, dann sagte er: „Oh doch, und der steht genau vor dir. Mein Name ist Jefrem! Und wenn du mir jetzt noch einmal deinen sagst, dann werde ich dich den anderen auch nicht als байстрюк vorstellen." „Was soll das überhaupt bedeuten?", spie Tarn, um seine Überraschung zu überspielen. Er hätte niemals angenommen, dass ausgerechnet dieser abgerissene, schlecht rasierte Kerl vor ihm der Stallmeister war. „Bastard", antwortete Jefrem vergnügt, und in seinen Augen funkelte es verräterisch. Er hätte dieses Spiel weiter durchgezogen, einfach nur, weil Tarn sich stur stellte, und er hatte seinen Spaß daran. Den gönnte Tarn ihm aber beim besten Willen nicht, deshalb antwortete er mürrisch: „Ich heiße Tarn." Jefrem nickte zufrieden. „Gut, dann stelle ich dich den anderen vor, und da man mir schon erzählt hat, dass du verletzt bist, belassen wir es heute bei leichter Arbeit. Komm. Wir wollen sehen, was du hier ausrichten kannst."

Er hatte kaum geendet, als die anderen Knechte angetrabt kamen und sie im Herannahen neugierig musterten. „He, Jungs", verkündete Jefrem gut gelaunt, und seine kräftige, schwielige Pranke landete auf Tarns schmaler Schulter und zog ihn mit sich. Es war eine grobe Geste, aber es mangelte ihr nicht an Herzlichkeit. Tarn wusste nicht, warum er die Hand nicht abschüttelte. Er verabscheute Jefrems Art jetzt schon, und besonders seine laute, kräftige Stimme, als er für alle hörbar sagte: „Wir haben hier endlich jemand, der im Gegensatz zu euch Schwachköpfen was von Pferden versteht. Vielleicht, weil er so ein sturer Esel ist. Tarn heißt er."

Er hasste das alles. Er wusste gar nicht, warum seine Mundwinkel nach oben zuckten.

Sein erster Tag war eine Tortur. Nicht, weil Jefrem ihn schinden wollte, sondern weil er körperlich überhaupt nicht in der Lage war, mitzuhalten. Er war gewohnt hart zu arbeiten, und umso mehr entsetzte es ihn, dass er nach nur einem Monat Ruhe all seine Kraft eingebüßt zu haben schien. Die geringste Anstrengung trieb ihm die Schweiß auf die Stirn, ließ seine Schulter pochen. Er kämpfte verbissen mit seinen Aufgaben und musste neidisch dabei zusehen, wie die anderen Knechte um ihn herum das Doppelte schafften, oder in manchen Fällen sogar das Dreifache. Besonders Mischa, ein Knecht etwa in Jefrems Alter, schien ein menschlicher Ochse zu sein. Er packte Heuballen, die andere zu zweit greifen mussten, und trug sie völlig ohne mit der Wimper zu zucken durch die Gegend.

Jefrem verordnete Tarn irgendwann Zwangspausen, und er hasste sie von der ersten bis zur letzten Minute. Er hasste die Erleichterung, wenn er die Chance bekam sich auszuruhen, und er hasste die qualvollen Schmerzen, wenn er sich zwang weiter zu arbeiten. Er hasste, wie oberflächlich freundlich alle waren, und wie wenig Jefrem auf Disziplin achtete. Besonders hasste er es, als einer der schmächtigeren Knechte, ein Mann namens Viljo, sich einen Moment zu ihm setzte. Er grinste und meinte aufmunternd: „Mach dir nichts draus. Du schlägst dich gut, vor allem für den ersten Tag." „Verzieh dich", knurrte Tarn zur Antwort. Von seinem Vater oder einem der Knechte unter ihm hätte er sich dafür eine Ohrfeige gefangen, aber Viljo hob nur abwehrend die Hände. „Schon gut", sagte er nachsichtig und entfernte sich. Schwach, dachte Tarn abfällig, und er presste die Lippen aufeinander.

Obwohl sie ihr Tagewerk ohne größere Anstrengung beendeten, fiel Tarns Urteil am Ende des Tages vernichtend aus. Er konnte sich nicht vorstellen, wie der Stall so gepflegt aussehen konnte, wenn Jefrem völlig ungeeignet war, irgendetwas zu organisieren. Er verteilte kaum Aufgaben, sondern vertraute darauf, dass jeder wusste was er zu tun hatte oder ihm vorschlug, was zu tun sein könnte. Er überprüfte nur selten etwas, als glaube er, wenn er dem faulen Pack den Rücken zu drehte würden sie weiter arbeiten. Die Knechte diskutierten sogar mit ihm, stellten sein Urteil in Frage, und im Gegenzug fragte er sie sogar selbst nach ihrer Meinung. Tarn ballte die Fäuste, als er es sah. Er wäre fast aufgesprungen um ihm zu sagen, dass es so nicht gehen konnte. Wo war der Respekt, wo waren die festen Regeln? Jefrem war schwach, er hatte seine Knechte nicht unter Kontrolle, selbst wenn sie sich oberflächlich zu fügen schienen.

Er war froh, als Jefrem auf ihn zu trat und ihm mit ruhiger Stimme befahl: „Die Arbeit ist für heute erledigt. Anssi wollte, dass du nach der Arbeit zu ihm kommst. Vielleicht berichtest du deinem Herren, was du heute geschafft hast." „Und was soll ich ihm darüber sagen?", fragte Tarn mit ätzendem Sarkasmus in der Stimme, und Jefrem betrachtete ihn einen Moment, bevor er eine Spur nachdenklich sagte: „Kannst ihm ruhig sagen, dass du gut arbeitest. Wenn das auch deine Meinung ist."
Tarns Hände zuckten, und für einen Moment hätte er ihn gern angeschrien, dass das überhaupt keine Rolle spielte. Seine Meinung konnte nicht zählen, er war ein Untergebener, ein Arbeiter. Aber er lächelte nur bitter und nickte schwach, und damit war er entlassen.

Er brauchte fast eine halbe Stunde, bis er sich zu seinem Ziel durchgefragt hatte, und eigentlich hätte er nervös sein müssen. Das wenige, das er während seiner Gefangenschaft an Informationen aus den Dienern heraus geholt hatte deutete darauf hin, dass er zwar Karvashs Sklave war, aber der Mann, der sich ihm als Anssi vorgestellt hatte, jetzt über ihn zu bestimmen hatte. Es half nicht gerade, dass er keinen von beiden öfter als zweimal zu Gesicht bekommen hatte. Er wusste weder, was von ihm erwartet wurde, noch wieso ihm überhaupt noch Aufmerksamkeit zuteil wurde. Er arbeitete schließlich, war das nicht alles, was sie überhaupt mit ihm anfangen konnten?
Diese Fragen hätten ihn unruhig machen müssen, aber stattdessen fühlte er sich nur müde und gleichgültig. Und tief unten, begraben unter allen anderen Gefühlen, brodelte Ärger in ihm, aber er hielt ihn unter Verschluss. Er hatte sich schließlich von Anfang an keine Illusionen gemacht, was ihn hier erwartete. Er war von einer Hölle in eine neue gewechselt. Was spielte es für eine Rolle, was mit ihm geschah?

Letztendlich hatte er den Großteil des Bordells abgegrast, einen üppigen Ziergarten durchquert, eine Orgie gestört, ein Dutzend Räume durchkämmt und Anssi immer noch nicht gefunden. Als letzter Ort blieb sein Zimmer, in das er sich manchmal schon früh zurückzog. Das hatte ihm zumindest eine junge Dienerin, eine graue Maus mit einer verblichenen Haube, unter Stottern erklärt, als er sie auf einem der Gänge erspäht und am Arm gepackt hatte. Der Raum befand sich im ersten Stock des Hauptgebäudes, und nachdem er entnervt, aber höflich geklopft hatte, wurde er tatsächlich herein gerufen.

Er hatte von Anssis Wohnquartier nicht weniger als Prunk erwartet, aber der Luxus der sich ihm darbot spottete jeder Beschreibung. Es war, als wäre er aus dem schlichteren Teil der Welt in einen Königspalast gestolpert. Glänzendes Holzmobiliar, teure Tapeten, schwere Vorhänge, Spiegel, Ziergegenstände und teure Stoffbespannung, so weit das Auge reichte, alle in weiß, creme und gold gehalten. Der großzügige Raum wurde von einem ausladenden Bett dominiert, und eine weitere Tür führte vermutlich in ein Ankleidezimmer, doch trotzdem machte das Zimmer nicht den Eindruck, ein reines Schlafzimmer zu sein. Der Raum beherbergte sowohl Bücherregale als auch Sofas und Sessel, die zu einer Sitzgruppe zusammengestellt waren, und einen Schreibplatz. Es hätte deplaziert wirken müssen, als hätte sich der Hausherr nicht entscheiden können, zu welchem Zweck er den Raum nutzen wollte, aber da alles aufeinander abgestimmt war und die einzelnen Bereiche sich strikt von einander trennten, war das Gegenteil der Fall. Der Raum wirkte aufgeräumt und wurde tagsüber vermutlich durch die bodentiefen Fenster enorm aufgehellt. Jetzt, kurz vor Einbruch der Dunkelheit, sorgte ein Dutzend Öllampen und Kerzen für Beleuchtung.

In all diesem Prunk saß Anssi, entspannt zurückgelehnt in einem Sessel und las in einem Buch, selbst Teil des Gesamtkunstwerks.
Tarns Erinnerung an seine Gefangenschaft war, auch dank seines Fiebers und der Schmerzen, stark verschwommen, und er wäre nicht überrascht gewesen, wenn er seinen ersten Eindruck von Anssi hätte revidieren müssen. Bei ihren ersten Begegnungen hatte er schön und makellos gewirkt, zu perfekt, um nicht das Produkt seines Fiebers zu sein. Doch der Eindruck blieb auch jetzt, bei klarem Verstand und im hellen Licht der Öllampen der gleiche.
Anssi war sehr groß, sehr schlank und hatte eine androgyne Erscheinung. Dieser Eindruck wurde durch sein langes blondes Haar und das schmale Gesicht verstärkt und durch seine teure Kleidung noch mehr in Szene gesetzt. Das einzige, das Tarn stutzen ließ war die Tatsache, dass er trotz des warmen Wetters eng anliegende Handschuhe aus hellem Leder trug - bis auf sein Gesicht war sein Körper so vollständig verhüllt.
Er reagierte zunächst gar nicht auf Tarn, bis er die Seite beendet hatte, das Buch zu schlug und aus der Hand legte. Erst dann wandte er ihm seine Aufmerksamkeit zu und betrachtete ihn einen Moment kritisch. Was er sah schien ihn nicht unbedingt zu überzeugen.

„Da bist du ja, ich habe mich schon gefragt, wann du auftauchst", begann er. „So wie es aussiehst, hat Jefrem dich nicht geschont. Aber dich zu waschen bevor du hier rein spazierst war dann wohl zu viel verlangt?", fragte er spöttisch, und Tarn zuckte mit den Achseln. „Ich hatte nur den Befehl her zu kommen", sagte er laut und fügte gedanklich ein rotziges »du Arschloch« hinzu. Natürlich war er dreckig und verschwitzt, er hatte den ganzen Tag gearbeitet. Was bildete sich der Kerl ein? Dachte er ernsthaft, dass jeder auf seinem Hintern sitzen und faulenzen konnte? Er hatte sich nicht mit seiner Verletzung durch diesen endlos langen Tag gequält, um sich diesen Dreck anzuhören. Er wusste noch nicht einmal, wofür er hierher zitiert worden war.

Anssi ließ sich nicht von seiner Feindseligkeit beeindrucken, sondern lächelte nur spöttisch. „Egal, jetzt bist du einmal hier. Wasch dich. Nebenan ist eine Waschschüssel." Tarn stutzte und suchte in dem Gesicht seines Gegenübers nach einem Zeichen dass er scherzte, aber Anssi sah ihn nur auffordend an und wies ihn mit einer Hand auf die Tür, die zu dem Nebenraum führte. „Hier? Jetzt?", fragte er perplex nach, und Anssi seufzte. „Nein, du sollst dich nach draußen stellen und warten bis es regnet. Natürlich hier und jetzt. Denkst du ich fasse dich in diesem Zustand an?" Tarn starrte ihn nur sprachlos an, und als Anssi begriff, dass er nicht damit gerechnet hatte, setzte er hinzu: „Was denn, dachtest du ich rufe dich hier her um eine Konversation zu führen? Ich dachte, ich hätte mich damals klar genug ausgedrückt. Ich will dich haben. Also, zieh dich aus und wasch dich, oder komm später wieder, wenn du bereit bist." Er trommelte ungeduldig mit den Fingern auf den Einband seines Buches, das immer noch neben ihm lag, und fügte hinzu: „Und entscheide dich gleich, ich vergeude meine Zeit ungern mit sinnlosem Geplänkel. In den Minuten, die du mit deinen Gestammel verschwendet hast, hätte ich lesen können."

Tatsächlich kämpfte Tarn mit seiner Überraschung. Natürlich erinnerte er sich an Anssis Worte, er hatte sie mehrmals wiederholt. Ich will ihn haben. Aber dass er das so wörtlich gemeint hatte, hatte er nicht geahnt, auch wenn sein Gegenüber jetzt keinen Hehl daraus machte, und auch das warf ihn aus der Bahn. Er hatte sich selbst immer für offen gehalten und nie lange darum herum geredet, wenn er an jemand interessiert war, aber Anssi setzte dem ganzen noch einen drauf. Er fragte nicht einmal mehr, er ordnete nur an, als wäre allein der Gedanke, dass jemand seine Avancen ausschlagen könnte absurd. Es war zu gleichen Teilen Arroganz und Desinteresse an Tarns Meinung, und allein das wäre Grund genug gewesen, ihn stehen zu lassen.

Dennoch hatte die Vorstellung für Tarn einen gewissen Reiz, ganz davon abgesehen, dass es eine interessante Erfahrung war mit jemand ins Bett zu steigen den er gar nicht kannte. Jetzt sah Anssi vielleicht gelassen aus und sonnte sich in seiner Überlegenheit. Er war kurz angebunden, beinahe unnahbar, aber wie lange würde das anhalten, wenn Tarn ihn aus seiner Kleidung holte und auf dem riesigen Bett durchvögelte, bis er genau so verschwitzt und dreckig war wie Tarn jetzt? Er wäre nicht der erste gewesen, der sich großspurig als der Überlegene gab, nur um dann die errötende Jungfrau zu spielen. Und rein körperlich gab es, zumindest auf den ersten Blick, nun wirklich nichts an ihm auszusetzen. Im Gegenteil, Tarn ergriff eine tiefgreifende Neugierde, warum er seinen Körper so sorgfältig verhüllte.
Es war genug Anreiz fürs erste zuzustimmen. Wenn sich diese blonde Halbgott als langweilige Randepisode heraus stellte, was machte das schon? Dann taugte er eben als Zeitvertreib, bis sich jemand anders fand.

Kurz entschlossen nickte Tarn und antwortete gelassen: „Gut, warum nicht", und ging ohne weiteres Zögern in den Nebenraum. Er hatte eigentlich erwartet, dass Anssis Augen ihm folgen würden, möglicherweise überrascht, oder zumindest interessiert. Aber der griff sein Buch, klappte es an der selben Stelle wieder auf und las weiter. Entweder war er wirklich an dem Inhalt darin interessiert, oder er demonstrierte Gelassenheit, um sich überlegen zu fühlen. So oder so war es Tarn egal. Wie gelassen Anssi jetzt auch vorgab zu sein, er würde bestimmt nicht mehr so eiskalt und unnahbar sein, wenn Tarn mit ihm fertig war.

Der angrenzende Raum war schmal und deutlich schlichter. Tarn entzündete eine der Lampen und sah sich einen Moment um, aber es gab nicht viel zu sehen außer einem Diwan, einem Waschtisch mit einer Wasserschüssel und einer Karaffe und ein paar sauberen Tüchern zum Abtrocknen.
Er zog sich aus und warf seine dreckige Kleidung nachlässig zu Boden, dann goß er sich Wasser ein und begann damit, sich den Schweiß und Dreck des Tages vom Körper zu waschen, und das war tatsächlich angenehm. Hätte er nicht den Befehl dazu bekommen, hätte er vermutlich tagelang in der selben Kleidung gesteckt und sich eine ordentliche Dreckschicht zugelegt, darum kam er jetzt herum. Und da er sich vorstellen konnte, dass Anssi keine Nachlässigkeit diesbezüglich zuließ, wusch er sich gründlicher als sonst, spülte sich sogar die Haare aus.

Er griff gerade nach einem Tuch um sich abzutrocknen, als Anssi herein trat und sich gelassen an den Türrahmen anlehnte, das Buch immer noch aufgeschlagen in der Hand. Sein Blick glitt forschend über Tarns nackten Körper, und der grinste in sich hinein. So viel zum vorgespielten Desinteresse, das hatte ja nicht lange angehalten. Er wollte gerade etwas sagen, als Anssi mit einem hintergründigen Lächeln zitierte: „Der ersten Unschuld reines Glück, wohin bis du geschieden? Dein Edengarten blüht nicht mehr; Verwelkt durch Sündenhauch ist er, durch Menschenschuld verloren."

Tarn stutzte einen Moment, ohne zu wissen, was er dazu sagen sollte. Die Worte klangen gut aus Anssis Mund. Seine gelassene und wohl modulierte Stimme schien geradezu dafür gemacht zu sein, Gedichte vorzutragen, und im Gegensatz zu sonst hatte er nicht einmal einen spöttischen Unterton heraus gehört, der sonst ständig präsent zu sein schien. Doch ohne es zu wollen zuckte Tarn innerlich zusammen, als er das Wort Sünde hörte. Es war ihm zu nah, selbst wenn sein Vater tot war und nicht mehr über ihn richten konnte.
„Und diesen Quatsch liest du da drin?", fragte er deshalb gereizter, als er eigentlich wollte und deutete mit einem Kopfnicken auf das Buch, doch Anssi lächelte nur nachsichtig. „Dieser »Quatsch«, wie du es nennst, sind die Worte eines Philosophen. Nicht, dass ich erwartet hätte, dass du etwas von Lyrik verstehst. Ich fand es nur passend." Tarn schnaubte spöttisch und rieb sich energisch die Haare trocken. „Passend? Passend wozu?"

Anssi stieß sich vom Türrahmen ab, warf das Buch nachlässig auf den Diwan und stellte sich direkt vor ihn, und Tarn unterdrückte den Impuls, zurück zu treten. „Natürlich passend zu dir. Wie alt bist du, achtzehn?" Tarn schluckte unbehaglich, weil er diese Frage nicht erwartet hatte, und weil sie ihm bewusst machte, dass Anssi trotz seiner Schönheit und seines jugendlichen Aussehens älter als er sein musste. Wie viel älter konnte er nicht sagen, aber es spielte auch keine Rolle; er spürte plötzlich deutlich, dass er unterlegen war.

„Fast achtzehn", antwortete er mit rauer Stimme. „Erst siebzehn, und trotzdem völlig ohne Schamgefühl", sagte Anssi und ignorierte seine nach oben korrigierte Angabe spöttisch. Er hob die Hand, um durch Tarns feuchtes Haar zu streichen, durchkämmte es mit seinen Fingern, ließ sie dann über seinen Hals gleiten, die Schultern entlang. Tarn erschauderte, und er war sich so stark wie selten bewusst, dass er völlig allein war, völlig nackt und im Grunde ausgeliefert, und sein Herz hämmerte in seiner Brust. Warum hatte er plötzlich das Gefühl, in die Höhle eines Raubtiers gelaufen zu sein? Und schlimmer noch, warum fürchtete er sich nicht?

„Als ich dich das erste Mal sah, da war mir klar, dass du keinen Funken Unschuld mehr im Leibe hast", fuhr Anssi fort, „Und bestätigt hast du es mir gerade eben." „Ich habe gar nichts getan", knurrte Tarn defensiv, aber Anssi lachte nur, strich mit seinen Fingern tiefer, über seine nackte Brust. Das Leder seiner Handschuhe war weich und hatte seine Körperwärme angenommen, aber es war seltsam unpersönlich, und Tarn wünschte sich, er würde sie ausziehen. Ihn wirklich berühren.
„Du hast nicht einmal protestiert, als ich dir gesagt habe, dass ich dich will. Was habe ich in den letzten Jahren schon für langweilige Ausreden gehört, über Sünde, Verantwortung, Moral... Geschwätz, das du mir erspart hast. Du hast nicht einmal gezögert." Er umkreist Tarn, bis er hinter ihm stand, ließ seine Hand über seine Schulter seinen Rücken hinunter wandern, trat so nah an ihn heran, dass sein Atmen seinen Nacken streifte, senkte die Stimme fast zu einem Flüstern. „Jetzt stehst du hier, nackt, vor einem fremden Mann, und hast nicht einmal Angst. Sag mir, wieviele Männer hast du dir schon genommen?", fragte er und schlang die Arme um Tarns Oberkörper, ließ seine Hände hinabgleiten zu seinem Bauch, und er erzitterte unter der Berührung.

„Ich weiß nicht... zwei Dutzend vielleicht?", mutmaßte er, aber er konnte sich kaum noch auf seine oder Anssis Worte konzentrieren. Von einem Moment auf den anderen war seine Erregung erwacht; derartig heftig und abrupt war er noch nie hart geworden. Es ärgerte ihn regelrecht; er hatte sich vorgenommen, Anssi aus der Fassung zu bringen, und jetzt war er es, der um Fassung rang und wie Wachs in den Händen dieses arroganten Kerls war. Dabei hatte er ihn noch nicht einmal wirklich berührt, nur auf ihn eingeredet. Wie schaffte er es, in so kurzer Zeit so nah an ihn heran zu kommen?
Tarn drehte sich um, um die Arme um seine Taille abzuschütteln und wenigstens ansatzweise das Gefühl zu haben, noch Herr der Lage zu sein, und spürte doch, dass er das keinesfalls war, als er in Anssis grauen Augen sah. Der lächelte immer noch gelassen und wirkte völlig unbeeindruckt von der Zahl Tarns früherer Liebhaber, stattdessen stellte er sachlich fest: „Also nicht allzu viele. Nun gut, man kann nicht alles haben. Zumindest fange ich nicht ganz von vorn an."

Tarns erster Reflex war, wütend dagegen zu halten, aber bevor er überhaupt den Mund öffnen konnte, wurde er gepackt und näher gezogen. Anssi küsste ihn, drückte ihn eng an sich, und Tarns Widerstand schmolz wie Schnee in der Sonne. Er fühlte sich so heiß und erregt wie lange nicht mehr, und er hätte fast aufgestöhnt, als Anssis Hand der Linie seiner Wirbelsäule folgte, immer tiefer hinunter bis zu seinem Gesäß. Er hob reflexartig die Hände, schlang sie um die schmale Taille seines Gegenübers, fühlte die Wärme des fremden Körpers durch den Stoff.
Er verstand es nicht; wie konnte dieser arrogante Mistkerl ihn mit ein paar Berührungen so reizen? Und wie konnte er selbst gleichzeitig so wütend sein und doch alles geschehen lassen? Es wurde nicht besser dadurch, dass Anssi von ihm ab ließ und immer noch völlig gefasst fort fuhr: „Aber das macht nichts. Nach dem dritten oder vierten Mal wirst du schon merken, worauf es ankommt."

Allein dafür hätte Tarn ihm gern ins Gesicht geschlagen; was bildete der Kerl sich ein? Dass mit ihm zu schlafen eine einmalige Erfahrung war, auf die man sich erst vorbereiten musste? Bissig konterte er: „Oder du suchst dir jemand anderen, der deinen hohen Ansprüchen genügt." Seltsamerweise amüsierte sich Anssi darüber, und es war fast, als würde er ein wenig nachgeben. „Nichts da", antwortete er erstaunlich milde und strich erneut durch Tarns Haar, küsste ihn wieder, raubte ihm den Atem. „Ich sagte doch, dass ich dich will."

Und das erste Mal, ohne dass Tarn wusste warum, drangen die Worte bis in sein Innerstes vor. Zerrten an ihm, lenkten ihn sogar von seiner Erregung ab. „Warum ich?", fragte er und fühlte sich plötzlich verloren, weil er ahnte, dass die Antwort auf diese Frage banal war. Er war einfach da, zur rechten Zeit am rechten Ort. Es hatte nichts mit ihm zu tun. Es hatte nie etwas mit ihm zu tun. Und trotzdem, getrieben von vager Hoffnung, fragte er: „Warum ausgerechnet ich?"
„Weil du schön bist", antwortete Anssi, völlig ohne Ironie. Seine Finger fuhren spielerisch über seine Armmuskeln, seine Schultern. „Stark. Und nicht dumm. Hast du dich hier mal umgesehen? Vermutlich noch nicht. Karvash hat keinen Sinn für Schönheit, das wirst du noch merken. Allein der Gedanke es mit einem dieser Halbaffen zu treiben, die er hier hält, widert mich an. Ich habe dich ausgesucht. Ist das so abwegig? Und wenn ich etwas will, dann bekomme ich es normalerweise auch", schloss er, und jetzt klang er wieder so arrogant wie zuvor.

Was für ein Arschloch, dachte Tarn, aber irgendwie musste er auch lächeln. Vielleicht war es eine Illusion, oder nur Schauspiel, aber er hatte fast das Gefühl, dass sich Anssi ihm ein wenig öffnete. Ein schwachsinniger Gedanke, den er schnell verbannte. „Du bildest dir wirklich ein, dass du hier herum stolzieren und die Regeln machen kannst, was?", fragte er provokant, und Anssi lachte. „Einbilden? Du bist immerhin hier", sagte er, und seine Selbstüberschätzung war offen sichtbar, und dennoch seltsam einnehmend. Er sah gut aus wenn er lachte. Tarn stellte sich vor, wie gut er erst aussehen würde, wenn er kam, und seine Erregung war zurück, noch heftiger als zuvor. „Noch kann ich gehen", antwortete er dennoch spöttisch, einfach nur, um das Spiel etwas länger aufrecht zu erhalten, und fast hatte er das Gefühl, ein wenig seiner Selbstsicherheit zurück zu gewinnen. Aber er hätte inzwischen ahnen müssen, dass er längst nicht gegen Anssi ankam. Der trat auf ihn zu, zog in mit einer Hand zu sich und umschloss mit der anderen Tarns Erektion. Diesmal konnte Tarn nicht verhindern, dass er aufstöhnte, und Anssi flüsterte ihm zu: „Aber das wirst du nicht. Du denkst du gerade an nichts anderes, als es mit mir zu treiben."

Natürlich hatte er Recht, und Tarn dachte auch gar nicht daran, noch mehr Worte darüber zu verlieren. Nicht, wenn es so viel anderes zu tun gab. Er küsste Anssi, vergrub seine Hände in seinem blonden Haar, so wie er es schon die ganze Zeit hatte tun wollen, zog ihn zu dem Diwan und ließ sich mit ihm darauf fallen. Es war seltsam, weil er plötzlich den Ton angab, obwohl er doch so hoffnungslos unterlegen war. Anssi, eigentlich einen halben Kopf größer als er, saß auf seinem Schoß und ließ ihn gewähren, ließ zu, dass er ihn durch den Stoff seiner Kleidung berührte. Jetzt stöhnte auch er, und im Gegensatz zu seinem arroganten Gerede konnte Tarn von diesem Laut nicht genug bekommen.
Er griff nach Anssis Handschuhen, streifte sie ab, berührte seine Hände und ließ sich von ihnen berühren. Endlich. Nachdem er so lange darauf verzichtet hatte, erschien es ihm wie eine Erlösung, endlich Haut zu spüren. Er zitterte, als Anssis Finger sich um sein Glied schlossen, ihn gleichmäßig massierten, und er griff ungeduldig nach Anssis Jacke, wollte sie abstreifen... und wurde vehement davon abgehalten.

„Nein", sagte er, und plötzlich war seine Stimme so kalt wie Eis. Tarn sah zu ihm auf, unfähig zu begreifen, was gerade vor sich ging. „Warum nicht?", fragte er perplex, und Anssi schüttelte nur ungehalten den Kopf. „Das brauchst du nicht zu wissen." Es war kein Scherz, das erkannte Tarn, als er in seinem Gesicht forschte. „Hör zu, so funktioniert das nicht", grollte er, „Wie soll das hier Spaß machen, wenn ich nicht an dich rankomme?" Er war frustriert, auch wenn er den wahren Grund dafür nicht preisgab.
Die Wahrheit war, dass er Anssi berühren wollte. Er wollte seine Haut spüren, ihn schmecken, die Wärme spüren. Und er wollte ihn das spüren lassen, was er selbst spürte, das selbe unbezähmbare Verlangen. Es trieb ihn zur Weißglut, dass er selbst völlig nackt war und das einzige, was er von seinem Liebhaber zu spüren bekommen würde seine Hände waren.

Aber Anssi schmetterte ihn einfach ab. „Mach einfach weiter wie bisher", befahl er, und als Tarn zu einem nörgelnden „Aber-" ansetzte, schickte er ihm einen so wütenden Blick, dass er den Mund schloss und tatsächlich einfach fort fuhr. Verdammt, es sollte ihm recht sein, er war nicht derjenige, der zu kurz kam, Anssis Hände verwöhnten seinen nackten Körper nach wie vor. Er kam nicht einmal dazu, sich besonders lang um seine Erfahrung betrogen zu fühlen; Anssi reagierte auf seine Berührungen nicht weniger stark als er auf seine, neigte sich ihm entgegen, küsste ihn begierig. Es dauerte nicht lange, bis er zu seinem Höhepunkt kam.

Tarn beobachtete in konzentriert, nahm jede Regung seines Gesichts in sich auf, und er musste grinsen. Er hatte richtig vermutet, Anssi sah schön aus, völlig versunken und entspannt. Sensibilisiert dadurch, dass er seine Haut nicht berühren konnte, spürte er das Zucken seines Gliedes dennoch unter seiner Hand, spürte das Beben seines Körpers durch die Lagen von Stoff. Ohne lange zu überlegen verstärkte er seinen Griff, spürte jeder Regung unter seinen Händen nach, und kostete es aus.

Er war so kurz davor selbst zu kommen, als irgendein Vollidiot an der Tür zur Anssis Zimmer hämmerte. Er ignorierte es zunächst völlig, aber er musste feststellen, dass er im nächsten Moment völlig allein war. Anssi war ohne zu Zögern aufgesprungen und verließ das Ankleidezimmer, ging zur Tür seines Zimmers und öffnete sie. Tarn starrte ihm perplex hinterher. Was zum Teufel war so wichtig, dass er dafür einfach sitzen gelassen wurde?

Ein geflüstertes Gespräch wurde geführt, und das einzige was Tarn verstand war ein genervtes „Was, jetzt?!". Bevor er begriff, was vor sich ging, stand Anssi wieder vor ihm. „Zeit, zu verschwinden", sagte er. „Aber-", begann Tarn völlig verunsichert, doch Anssi schüttelte nur den Kopf. „Eine Kundin" waren die einzigen Worte die er äußerte, und seiner Meinung nach war das wohl genug Erklärung.
Im nächsten Moment stand Tarn auf dem Gang, vollständig bekleidet und komplett unbefriedigt und fragte sich, was gerade passiert war. Er starrte die geschlossene Zimmertür an und fragte sich, was er falsch gemacht hatte.

Die Antwort war natürlich: Nichts. Er war einfach nicht wichtig genug. Er war nicht wichtiger als eine späte Kundin, die Lust verspürte, ihren Abend mit einem hübschen jungen blonden Mann zu versüßen. Dass der anderweitig verpflichtet war, war für sie natürlich irrelevant.
Verpflichtet, ätzte sein eigener Verstand ihn an. Von wegen. Ein Zeitvertreib, das warst du. Nicht mehr. Es schmerzte, aber natürlich war es die Wahrheit. Warum machte er sich Illusionen darüber?

Er trottete schlecht gelaunt in Richtung der Ställe, weil dort die Quartiere der anderen Knechte lagen, und lief einem weiteren Kunden in Begleitung eines anderen Prostituierten über den Weg. Und weil er nichts zu tun hatte, bot er sich an. Warum auch nicht? Anssi hatte Recht. Es mangelte ihm an Schamgefühl.
Er machte sich nicht einmal schlecht, und er kam zu seinem ersehnten Orgasmus, aber mit seinen Gedanken war er weit fort. Er dachte an blondes Haar, an weiche Hände und die Weigerung, Haut zu zeigen. Er küsste fremde Lippen und ließ spöttische Worte in seinem Kopf widerhallen.

Ich will dich haben.

Niemand hatte ihn je gewollt, hatte überhaupt Anspruch darauf erhoben. Niemand außer Antoine vielleicht, und der hatte nachgegeben. Tarn wusste nicht, ob er über diesen Besitzanspruch glücklich sein oder ihn zurückweisen sollte. Und dann schob er es beiseite, weil es lächerlich war.

Er hatte diese Art von Gefühlen nicht umsonst vor so langer Zeit verbannt.  

Nirgendwo (BoyxBoy)Lies diese Geschichte KOSTENLOS!