Zoé Pilar Perez

Ich war egoistisch, naiv und dumm.

Vor genau zwei Wochen war Harry zurück nach London gegangen, und in dieser Zeit hatte ich kein einziges Wort von ihm gehört. Mir war nach seiner Beendung unserer Beziehung zwar klar, dass dies wahrscheinlich seine Art war, mit unserer Trennung abzuschließen, doch mir half die Funkstille keinesfalls - wahrscheinlich, weil ich einfach nicht mit uns abschließen wollte und konnte.

Ich hatte es wirklich versucht, nachdem ich vier Tage und Nächte nur durchgeheult und meinen Mitmenschen das Leben zur Hölle gemacht hatte. Jedoch hatte selbst Google auf meine Frage „Mein Freund hat das Land verlassen und lässt nichts mehr von sich hören - wie kriege ich ihn zurück?" keine Antwort, bis auf, dass es sich eventuell um illegale Einheirat in bessere Lebensumstände handeln könnte, und Ablenkung half mir ebenso nicht weiter. Ich war so viel mit Harry in Barcelona herumgekommen, dass ich mit fast jeder schönen Ecke meiner Heimat gemeinsame Erinnerungen verband, und sobald irgendwo ein langes Paar Beine in schwarzen Skinnyjeans oder ein dunkler Lockenkopf auftauchten, hoffte ich innigst, Harry wäre zurückgekommen.

Selbst das sich an unser Café schmiegende Moos, wirr und geheimnisvoll, wurde für mich zum Verhängnis, so wie es einst mit Harrys gleichfarbigen Augen gewesen war.

Nachts träumte ich von einem Wiedertreffen - in Barcelona, in London, einfach nur irgendwo auf dieser Welt - jedoch blendete ich dabei aus, dass eine gemeinsame Beziehung beinahe unmöglich wäre.

Erst als ich eine alte Liste mit Dingen, die ich unbedingt einmal im Leben machen wollte, wiederfand, die ich vor Jahren angefertigt hatte, wusste ich, dass ich etwas ganz dringend ändern musste, um wieder glücklich zu werden.

- Studieren

- Eine neue Sprache erlernen

- In eine WG ziehen

- Ins Ausland gehen

- Eine neue Sportart erlernen

- Selbstständig werden

- Meine Mutter wiederfinden

- Die Liebe meines Lebens finden

Also fasste ich einen Entschluss, der beinahe alle meiner Wünsche kombinierte.

„Das kannst du nicht bringen!" Man könnte meinen, Alessandro würde die Kontrolle über sein Auto verlieren, so schockiert sah er mich an, doch entschlossen drückte ich seinen Kopf erneut so nach links, dass er wieder nach vorne auf die Straße schaute anstelle mich auf dem Beifahrersitz anzustarren.

„Doch, bitte, Alessandro!", bettelte ich und seufzte einmal leise, um sein Mitleid einzufangen.

Ich hatte meinen besten Freund gebeten, mich zu fahren, hatte ihm jedoch nicht erzählt, wohin es gehen sollte - bis jetzt.

„Ich werde ganz sicher nicht zulassen, dass du das Land verlässt!"

„Alessandro, fahr endlich zum Flughafen, sonst verpasst sie noch ihren Flug!", mischte sich nun auch Noemi von der Rückbank aus in die Diskussion ein und schnaufte. Meine Abreise wäre so viel einfacher gewesen, hätte entweder ich oder Noemi ein eigenes Auto gehabt. Da dies jedoch nicht der Fall war, war ich wohl oder übel auf den sturen Alessandro angewiesen.

„Du hast ihr diese Flöhe in den Kopf gesetzt, stimmt's? Ganz im Ernst, Noemi, die Idee stinkt doch bis zum Himmel!"

„Es stinkt also bis zum Himmel, dass sie die Liebe ihres Lebens nicht aufgeben will?! Würdest du mich etwa auch einfach gehen lassen, wenn ich müsste?!", fuhr Noemi ihren Freund an, woraufhin er nur schnaubte und wieder ein bisschen Geschwindigkeit zulegte.

„Ich hoffe wirklich, Harry ist es wert!", grummelte er und mir wurde bewusst, dass er mich eigentlich nicht hierbei unterstützen wollte, ganz egal, wie gut wir doch befreundet waren.

Anfangs war ich mir natürlich auch unsicher gewesen, ob ich tatsächlich nach London gehen sollte, doch als ich versucht hatte, mir ein Leben in Barcelona mit einem anderen Mann vorzustellen, wusste ich, dass ich das nicht mehr konnte.

Harry war tatsächlich der Eine für mich. Dass ich das einmal denken würde, hätte ich mir, als er noch bei mir war, nicht einmal getraut zu denken. Doch erst jetzt, als mir seine Sticheleien, sein Lieblingstee und die gemeinsame Zeit in seinem muffeligen und kleinen Kabuff fehlten, wurde mir klar, dass ich mir ein Leben ohne ihn wirklich nicht mehr vorstellen konnte.

Ich war blauäugig genug, mir einzubilden, dass ich mir tatsächlich ein neues Leben in London aufbauen könnte - wenn auch nur für gewisse Zeit, und ließ dafür sogar meinen Vater hinter mir. Letztendlich war es jedoch genau dieser, welcher mir das Leben erschwert hatte, während Harry mir Flügel verlieh. Einzig und alleine die Tatsache, dass ich meinen Vater verließ, wie es auch schon meine Mutter getan hatte, bereitete meiner Abreise einen bitteren Beigeschmack. Wie war es wohl damals gewesen? Hatte meine Mutter sich genauso eingeengt und bevormundet gefühlt wie ich nun? Und, würde mein Vater mir je verzeihen, dass ich ihn für meinen geliebten Briten, der mich alleine gelassen hatte, aufgab? Vielleicht würde ich zumindest eine Antwort auf meine letzte Frage erhalten, wenn mein Dad den Abschiedsbrief auf seinem Nachtschränkchen finden würde, doch bis dahin würde ich mich bereits hoch über den Wolken befinden.

Ich war also wirklich dumm, naiv und egoistisch - und verknallt genug, um mein ganzes Leben auf den Kopf zu stellen.

Mit meinem One-Way-Flugticket und meinem Pass in der einen Hand, meinem Koffer und meiner Tasche inklusive Ersparnisse, bereits ausgedruckter Aufenthaltsgenehmigung und einigen Erinnerungen an Spanien in der anderen stand ich schließlich tatsächlich nach nur einer Viertelstunde diskussionsreicher Autofahrt inmitten des großen Flughafens und ließ mich sowohl von Noemi als auch von Alessandro fest an sich drücken. Und da wurde mir klar, dass mein Herz meinen Verstand total über den Teppich gezogen hatte.

„Achtung bitte! Alle Passagiere, gebucht auf British Airways, Flug B12 nach London, werden zum Flugsteig C5 gebeten."

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Ein ziemlich kurzes Kapitel für heute, aber ich wollte den Abschied nicht länger in die Länge ziehen sondern eher die Unüberlegtheit von Pilars Handeln widerspiegeln. :')

Itchy Feet ist, wie es euch vielleicht schon aufgefallen ist, in zwei Teile geteilt: Lust for life in Barcelona und Longing for love in London. Letzteres beginnt mit diesem Kapitel - Let the games begin.

Hannah xxx

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