Zoé Pilar Perez

Tage vergingen und mit ihnen wuchs meine Sehnsucht nach Harrys Nähe. Jedes Mal, wenn er seinen Kopf durch die Tür unseres Cafés steckte und mein Vater sich beinahe zeitgleich in die Position des Wächters stellte, brach mein Herz ein bisschen mehr, und jedes Mal, wenn mein liebster Engländer mich zu sich winkte, um wie gewöhnlichen einen Kuss, den er nicht bekommen durfte, und einen Tee, welchem ich ihm wenigstens servieren durfte, bestellte, befand ich mich in einem kontinuierlichen Zwiespalt, ob ich weinen oder lachen sollte.

Doch Harry kam bei weitem nicht mehr so oft zu mir wie ich es erwartet hatte. Saß er anfangs noch jeden Tag stundenlang still an einem der bunten Tische, so kommt er nun nur noch alle paar Tage zu Besuch. Ich wusste es, Noemi wusste es und mein Dad hatte es natürlich auch längst bemerkt, was seine These stützte, Harry würde mir nicht guttun. Ich wünschte, er würde verstehen, dass das Einzige, was mir nicht gut tat, die durch ihn eingeführte Trennung von Harry und mir war.

Doch dadurch, dass ich Harry nicht mehr ständig zu Gesicht bekam, wurde mir erst bewusst, wie sehr ich ihm doch verfallen war. Erst jetzt nahm ich mir bewusst die Zeit, seine strahlende Aura in mich aufzuziehen und jeden Zentimeter Haut, den ich zu sehen bekam, mit meinen Augen in mich aufzusaugen.

Er sah gut aus. Nicht, dass das nicht schon immer so gewesen wäre. Aber in letzter Zeit schien er wirklich durch und durch seine innere Schönheit nach außen zu tragen. Das mit den Grübchen umrandete Lächeln verließ nie sein Gesicht und ständig summte er fröhlich irgendwelche Melodien vor sich hin, während er jeden Tag eine andere gemusterte Shorts trug. Es war wundervoll, ihn in diesem Zustand zu beobachten, doch sobald ich selbst in den Spiegel blickte, sah ich lediglich ein Mädchen, das sich selbst vollkommen gehen ließ. So kam es dazu, dass ich begann, mir Gedanken zu machen, wieso es Harry trotz unserer ständigen Trennung so gut gehen konnte. Ich malte mir schlimmste Szenarien aus - Harry, der eine hübsche, blonde Engländerin mit heller Haut und schlanker Taille kennengelernt hatte, Harry, der unsere Beziehung einfach aufgegeben hatte, Harry, der bald zurück in seine Heimat und zu seiner geliebten Familie kehren würde - redete mir dennoch ein, dass sowas nicht passieren würde.

„Hier, dein Tee." Lächelnd stellte ich die Tasse vor Harry ab und suchte mit dem Blick nach seinen strahlenden Augen, doch er blickte nur stumm auf seine Hände. „Harry? Was ist los?"

Ein leises Seufzten verließ seine schmalen Lippen, eher er sanft nach meiner Hand griff und aufstand. „Kommst du kurz mit raus?"

„Mein Dad..."

„Ist mir egal."

Seine Stimme klang so entschlossen, dass ich mich nicht einmal mehr traute, einen Blick über meine Schulter zu werfen, um nach meinem Vater Ausschau zu halten, weshalb ich ihm einfach nur auf die Promenade folgte.

„Ich habe etwas für dich.", sprach er, als wir ein paar Meter gegangen waren, und zog ein kleines, gelbes Buch aus seiner Tasche.

„BARCELONA" stand auf der Vorderseite, und darunter „ein Einblick in die Stadt der Wunder von Harry Styles".

„Ich hatte ja jetzt genügend Zeit, den Reiseführer zu schreiben."

Sobald er mir sein Werk überreicht hatte, schlug ich staunend wahllos irgendeine Seite auf und überflog ein paar Zeilen, in denen Harry die Transbordador Aeri vorstellte und darüber witzelte, wie lohnenswert eine Fahrt mit dieser sei, selbst, wenn man Höhenangst hatte. Ein paar Seiten weiter empfahl er den süßen Teeladen, den wir gemeinsam auf dem Tibidabo besucht hatten, und als Geheimtipp in der Region hatte er die Tomatina eingetragen.

„Tipp für den Geheimtipp: alte Kleidung und Taucherbrillen.", las ich schmunzelnd vor und dachte für einen kurzen Moment an unsere vielen gemeinsamen Momente zurück, die seinen Reiseführer ganz offensichtlich geprägt hatten und für mich auf so gut wie jeder Seite wiederzufinden waren.

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