Schuld

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Im Grunde war es nicht seine Schuld. Wie konnte es?

Was auch immer bei seiner Geburt schief gelaufen war, egal welche Hexe seine Mutter mit dem bösen Blick gestreift hatte, es war schon immer in ihm gewesen. Wenn er darüber nachdachte, in sich nachforschte, wann es begonnen hatte, fand er keinen Anfang. Es war ein Teil seiner selbst bevor er überhaupt begriff, was es bedeutete. Und weder die Schläge seines Vaters noch Gebete seiner Mutter änderten etwas daran.

Vielleicht war das der Grund, dass er irgendwann einfach aufgab. Mit fünfzehn Jahren, als er blutend am Boden lag und sein Vater ihn anbrüllte, akzeptierte Tarn, dass er es nicht los werden würde. Mit sechzehn Jahren stand er so knietief in Sünde, dass er, hätte er jemals gebeichtet, bis an sein Lebensende hätte Rosenkränze beten müssen. Zu diesem Zeitpunkt war er längst verloren. Er hatte sich damit abgefunden, dass er so, wie er war, niemals ein Zuhause finden würde. Nirgendwo.

Aber es war nicht seine Schuld. Was hätte er gegen dieses unbezähmbare Verlangen tun sollen?

Hätte man ihn gefragt, was es war, das ihn an Männern anzog, er hätte viele Antworten geben können, und doch verfehlten sie alle den wahren Grund; er war zu komplex, zu vielseitig, und doch so einfach und eindeutig. Es war ein Zusammenspiel aus vielen, kleinen Dingen, und selbst wenn der Unterschied manchmal minimal war, so bedeutete er auf der anderen Seite doch alles. Frauen mit breiten Schultern, schmalen Hüften und kantigen Gesichtern gab es schließlich genug. Aber nein, keine Frau, egal wie schön und sanftmütig, egal wie stark und robust, verursachte die gleiche Aufregung, die nervöse Unruhe oder die tiefe Erregung in ihm. Es gab keinen rationalen Grund, aber das war die Wahrheit. Es war so sicher und so unbegreiflich wie die Tatsache, dass er blonde Männer besonders liebte. So wie Antoine.

Tarn hätte seine Hände stundenlang in seinem dichten Haar vergraben können, und er spielte abwesend mit einigen Strähnen, die die selbe Farbe hatten wie das Stroh unter ihnen. Ein paar verirrte Lichtstrahlen streiften sie und ließen sie leuchten, und er bewunderte für einen stillen Moment den Glanz.

Er lebte für diese kurzen, völlig ruhigen Momente, in denen alles in weite Ferne rückte. Die Geräusche der Pferde und Menschen im angrenzenden Stall, die Rufe, der Lärm der Arbeit um sie herum, alles das existierte nach wie vor, aber es wurde seltsam unwichtig, verblasste zum reinen Hintergrundmurmeln. Der Strohboden der Scheune, auf dem sie sich verbargen, wurde zu einer eigenen Welt, nur geschaffen für sie beide. Es waren nur ein paar Minuten, die sie sich davon stahlen, und die Gefahr entdeckt zu werden war groß, aber seltsamerweise kümmerte Tarn das in diesem Moment nicht.

Viel wichtiger war der warme, atmende Körper unter ihm, der sich ihm entgegen streckte und jede seiner Berührungen gierig in sich aufnahm. Antoine atmete schwer, die Lippen halb geöffnet, aber er war auch still, und das war gut, denn jedes laute Geräusch hätte sie verraten können. Auch deshalb ließ er seine Hand, die er um Antoines Glied geschlossen hatte, nur langsam auf und ab gleiten. Stürmisch zu sein bedeutete nur, unnötig viel zu riskieren, und einer von ihnen beiden musste konzentriert bleiben und lauschen, also mussten sie sich notgedrungen abwechseln. Aber Tarn nahm gern hin, dass er erst als zweites an die Reihe kam, auch wenn seine Erregung jetzt schon kaum noch auszuhalten war. Es würde umso intensiver sein, wenn er erst zum Zug kam. Und bis dahin hatte Tarn viel Zeit, Antoine zu bewundern.

Mit der freien Hand streichelte er über den breiten Brustkorb, die Bauchmuskeln, die jetzt deutlich angespannt waren, und die Spur dunkelblonder Haare, die sich von dort bis hinunter zur Scham zogen. Antoine war, obwohl er nur ein Jahr älter war, einen halben Kopf größer und doppelte so breit wie Tarn, stark wie ein Ochse und deshalb auch genauso beschäftigt wie ein gutes Lastpferd. Die erwachsenen Männer verzichteten selten auf ihn, wenn es schwere Arbeit zu tun gab, und er war jetzt schon ein unentbehrlicher Teil des Haushaltes des Fürsten.

Nirgendwo (BoyxBoy)Lies diese Geschichte KOSTENLOS!