~ London ~


„Nein!"

„Bitte!", flehte ich meine Mutter an, welche mit beiden Händen in den Hüften gestemmt zu mir sah und vermutlich nicht begreifen konnte, worum ich sie gerade bat.

„Ich lass dich doch auf keinen Fall alleine nach London zurückfliegen!", entgegnete sie fest entschlossen mich nicht gehen zu lassen.

„Mom, bitte! Ich bin ja nicht alleine. Reece ist da. Und sein Vater nicht zu vergessen!", versuchte ich weiter sie zu überreden. Ich konnte ja verstehen, dass sie Zweifel hatte mich gehen zu lassen, aber ich wusste, dass es das einzig Richtige war. Ich hatte einfach dieses Gefühl ein letztes Mal dorthin zurückkehren zu müssen. Endlich damit abschließen zu können.

„Nein!", rief meiner Mutter bestimmend und jeder einzige Buchstabe des Wortes drückte ihre Entschlossenheit aus.

„Versteh doch, ich möchte endlich damit abschließen können, Mom.", redete ich weiter auf sie ein, weswegen sie sich auf die Couch nieder ließ und ihren Kopf verzweifelt in ihren Händen vergrub.

„Ich kann deinen Wunsch ja nachvollziehen, mein Schatz, aber...stell dir vor, du triffst auf alte Freunde, Bekannte oder Verwandtschaft. Wie wirst du reagieren? Wie werden sie reagieren? Ich lass dich da nicht alleine hinfahren. Und frei nehmen, um mitzufliegen kann ich mir auch nicht.", erklärte meine Mutter mir mitfühlend. Ich verstand ihre Gründe mich nicht gehen zu lassen. Ich verstand sie wirklich. Vermutlich hätte ich genauso gehandelt, aber ich musste das einfach durchziehen. Danach würde es mir um einiges besser gehen.

„Seit diesem Unfall krieg ich jedes Mal Panik, wenn ich nur an das Wort London denke. Ich fühle mich einfach wieder zurück versetzt. Ich sehe alles wieder vor mir. Die Karte, den Unfall, das Krankenhaus und meinen Vater." Atemlos rang ich nach Luft und versuchte mich zu konzentrieren. „Ich weiß, dass es mir danach besser gehen wird. Ich weiß, dass ich danach mein Leben weiter leben kann. Und wenn ich Leuten begegne, werde ich ihnen sagen, dass es mir gut geht. Dass es uns gut geht und wir uns deswegen nicht schämen müssen. Ich werde stark sein. Nur, bitte, lass mich gehen."

Flehend blickte ich in das Gesicht meiner Mutter. Ich sah deutlich, dass sie hin- und hergerissen war. Ich hätte sicher genauso reagiert, aber sie musste mir einfach vertrauen.

„Wenn etwas ist, musst du mich sofort anrufen. Egal wie spät es ist."

Mein ernster und flehender Gesichtsausdruck verwandelte sich in ein Lächeln, obwohl ich wusste, was mir in dieser Reise bevorstand. Es würde sicher kein Zuckerschlecken mit Sightseeingtour werden. Aber das war meine Chance. Meine Chance endlich mit allem abzuschließen. Ich würde sie mir auf keinen Fall einfach so durch die Lappen gehen lassen.

„Und, wenn es irgendwelche Probleme gibt, kannst du mich jederzeit anrufen.", nuschelte meine Mutter, aber ich drückte sie so fest, dass keiner von uns ihre Worte bewusst verstand.

Ein kleiner Teil von mir sehnte sich nach England. Nach meiner Heimat. Dort würde ich mich nicht mehr so fremd fühlen. Nicht als die Ausländerin, weil das meine alte Heimat war. Ich freute mich auf den Lifestyle. Die Gebäude. Die Atmosphäre. Einfach einmal nach so langer Zeit durch die Metropole laufen zu können.

Jedoch bekam ich bereits einen Anflug von Panik, wenn ich an die Schattenseiten dieses Trips dachte. Es waren viele.

~

„Wir sind fast da!", rief ich aufgeregt, da ich zum ersten Mal seit langem London sah. Zwar nur von oben, aber ich fand es trotzdem aufregend. Deshalb zog ich Reece, wie ein kleines Kind die Kopfhörer aus den Ohren und deutete nach draußen. Mein Freund rollte übertrieben mit den Augen, da er, wie ich erfahren hatte, schon zum siebten Mal herflog. Zum Glück gab es nur eine Zeitverschiebung von vier Stunden. Sonst hätten wir uns erst einmal schlafen legen können, jedoch war ich überraschenderweise top fit und hoch motiviert die Sache hinter mich zu bringen. Aus dem Augenwinkel sah ich wie uns Mr. Winchester schmunzelnd beobachtete. Oder er sah nur mich so an. Ich konnte es nicht sagen, da ich viel zu sehr damit beschäftigt war aus dem Fenster zu schauen. Der Druck auf meinen Ohren nahm nach und nach immer mehr zu, aber das ignorierte ich einfach. Ich müsste wahrscheinlich aussehen wie ein Kleinkind, das gebannt auf das große Schokoladeneis sah, welches es gleich ausgehändigt bekommen würde. Aber das war mir egal. Erst jetzt, wo ich fast da war, wurde mir bewusst, wie sehr ich London vermisst hatte.

Those who leftLies diese Geschichte KOSTENLOS!