Teil III - Kapitel 5

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Am nächsten Tag fieberte ich die ganze Zeit auf 19:00 Uhr hin. Ich war unkonzentriert und erledigte alles nur mit halbem Herzen.
Meine Gedanken kreisten um den Fremden, Mike, der mit mir joggen wollte.
Er hatte gesagt, dass ich gut sei.
Vielleicht gab es ja doch etwas, in dem ich talentiert war?

Als es endlich kurz vor 19:00  Uhr war, verließ ich beinahe fluchtartig die WG in meiner Laufkleidung und rannte beinahe zu der Stelle, an der wir uns verabredet hatten. Er war noch nicht da.
Ein kleiner Teil von mir war enttäuscht, dass er nicht, genau wie ich, früher gekommen war. Ich schluckte das negative Gefühl hinunter und begann damit, mir zu dehnen.
Als ich um 19:10 auf die Uhr sah und er immer noch nicht da war, glaubte ich, dass er nicht mehr kommen würde. Enttäuscht ließ ich mich auf eine der Bänke fallen, die dort stand und legte den Kopf in meine Hände. Ich fühlte persönlich entwertet.

Nach fünf Minuten tippte mich auf einmal jemand an. Ich hob den Kopf und sah in ein paar blaue Augen. Sofort begann ich zu grinsen.
»Hey«, begrüßte er mich ebenfalls lächelnd.
»Hallo Mike«, ich versuchte, ruhig zu bleiben.
»Sorry, mein Bus ist ausgefallen«, er verdrehte die Augen, »wollen wir los?«
Ich nickte und dann liefen wir los.
Gemeinsam aber schweigend liefen wir durch den Park. Er hatte tatsächlich müde mit mir mitzuhalten und irgendwann machte ich mir den Spaß, schneller zu laufen. Er lachte und legte ebenfalls an Tempo zu.
Als er mich erreicht hatte, hielt er mich fest. Ich erschrak. Überspielte den Schrecken aber mit einem Lachen. Plötzliche Berührungen machten mir zu schaffen.
»Ich hab dich«, sagte er lachend.
Ich nickte nur.

»Sag mal... warum bist du eigentlich so dünn?«, fragte er, nachdem wir uns auf eine Bank gesetzt hatten und nun vor uns hin starrten.
Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Was sollte ich nun antworten? Ich wollte ihn nicht sofort mit meinen Problemen bedrängen.
»Ich finde das schön«, flüsterte ich. Dabei stimmte es nicht einmal. Ich fand mich nicht schön. Der rationale Anteil in mir wusste, dass ich zu dünn war, um schön zu sein. Der irrationale fand mich immer noch zu fett. Ich hätte auf der Stelle neun Körperstellen benennen können, die zu dick waren.
»Hm, komisch«, er runzelte die Stirn und sah mich eindringlich an.
»Wenn du es schön findest, dann akzeptiere ich das«, fügte er hinzu und lächelte. Ein bisschen ärgerte ich mich. Warum sollte er es auch nicht akzeptieren? Es war mein Leben. Mein Körper. Ich konnte tun und lassen, was ich wollte.
Wenn ich abnehmen wollte, dann nahm ich ab. Wenn ich zunehmen wollte, dann nahm ich zu.
Welches Recht nahm er sich, eine solche Aussage zu tätigen? Wer war er überhaupt? Ich kannte ihn nicht einmal richtig.
»Du hast mir deinen Namen noch nicht gesagt«, erinnerte er mich mit einer sanften, weichen Stimme, die warm klang. Ich zerschmolz bei diesem Klang.
»Ashley, aber viele nennen mich einfach Ash«, sagte ich endlich meinen Namen.
»Ashley«, wenn er ihn aussprach klang mein Name einfach wundervoll, »sind deine Eltern Amerikaner?«
»Nein, aber sie haben eine Vorliebe für amerikanische Namen«, ich verdrehte leicht theatralisch meine Augen. Eigentlich mochte ich meinen Namen.
Auf einmal fiel mir auf, wie dunkel es bereits geworden war. Wie konnte ich das aus den Augen verlieren?
Ich begann leicht zu zittern. Alleine würde ich es nie nach Hause schaffen. Nicht im Dunkeln.
»Kannst du... meinst du... kannst du mich vielleicht nach Hause bringen?«, fragte ich stammelnd und kam mir elend vor.
»Das war aber nicht sehr erotisch gesagt«, erwiderte er und lachte. Ich ekelte mich vor mir selbst, schlug ihm aber lachend auf die Schulter.
»Idiot«, murmelte ich gespielt beleidigt und verschränkte die Arme vor der Brust.
»Na gut, lass uns gehen«, er stand auf und hielt mir die Hand hin.
Nur zögerlich schlug ich ein und ließ mich von ihm hochziehen.

Den Weg zu der Wohngemeinschaft bestritten wir schweigend. Ich war abgelenkt durch meine Ängste und musste mich konzentrieren, um keine Panikattacke zu bekommen.
Ich versuchte mich auf die Geräusche und die Umgebung zu konzentrieren. Hier würden keine Männer sein, die mir etwas antun wollen würden.

An der Haustür umarmte Mike mich kurz. Es fiel mir schwer die Berührung zu akzeptieren.
»Wollen wir uns morgen wieder treffen?«, fragte er und ich glaubte zu hören, dass er hoffnungsvoll klang.
Ich dachte daran, dass ich morgen zur Ernährungsberaterin musste und dort gewogen werden würde.
Es würde anstrengend werden, aber joggen tat mir gut, also stimmte ich zu.
»Gleiche Zeit, gleicher Ort«, bestimmte er im Gehen und winkte mir zu. Ich winkte ebenfalls und schloss dann die Haustür auf.
Mein Herz schlug schneller. Ich fühlte mich leicht und frei.
Ich wollte lachen, weil ich so glücklich war.
Bis jetzt zeigte Berlin sich wirklich nur von seiner Sonnenseite.

Müde fiel ich ins Bett. Meine Kräfte waren aufgebraucht. Doch es fühlte sich unglaublich gut an.

Am nächsten Morgen stand ich bereits auf bevor man mich weckte.
Ich aß eine Scheibe Brot mit etwas Marmelade und ging dann los zu dem Termin mit der Ernährungsberaterin.

Es war eine nette Frau mit krausem, roten Haar und Grübchen in den Wangen. Sie war nett und einfühlsam.
»Dann wollen wir mal sehen. Das Gewicht jetzt ist nur ein grober Richtwert, da du ja schon gegessen hast«, sagte sie während ich mich auf die Waage stellte.
Ich war nervös. Jedes Gewicht hätte mich verrückt gemacht. Und so machten mich die 400 Gramm mehr, die die Waage anzeigte, fertig.
Ich fühlte mich fett und niedergeschlagen.
»Gut, dann besprechen wir jetzt, wieviel du wann essen kannst«, sagte sie, nachdem sie das Gewicht notiert hatte.
Ich ging wieder von der Waage und setzte mich auf einen der drei Sessel.

Die Ernährungsberaterin versprach, den Plan schnellstmöglich zusammenzustellen. Sie müsse nur noch mit der Wohngemeinschaft Rücksprache halten.

Und so ging ich wieder zurück.
Ich stieg in die S-Bahn, stieg wieder aus und dann in die U-Bahn.
Irgendwie war ich genervt. Doch ich wusste nicht warum.
Die Welt zog einfach an mir vorbei.

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