~ An offer ~

Meine Hände zitterten, während ich in ihr Gesicht sah und mir einfach nur wünschte sie in den Arm nehmen zu dürfen. Jedoch konnte ich das nicht. Es war zu viel geschehen. Sie sah mich die ganze Zeit unverwandt an. Vielleicht dachte sie ja, ich wäre nicht real. Der erwartete Wutausbruch fand nicht statt. Sie schrie mich nicht an. Sie beschimpfte mich auch nicht. Wir standen beide einfach nur so da und taten nichts. So, als ob wir uns nicht kennen würden. War ich für sie auch so ein großer Abschaum, dass ich ihr egal war? War das der Grund für ihr Verhalten?

Aber, als ich genauer hinsah, erkannte ich Tränen in ihren Augen glitzern. Nur ganz leicht, aber ich bildete es mir gewiss nicht ein.

Ich wurde durch eine Gestalt hinter ihr abgelenkt. Sobald ich in das vertraute, aber zu gleich auch besorgte Gesicht sah, ging es mir besser.

„Maddie?", hörte ich sie leise flüstern.

Ich wagte nicht zu antworten.

4 Tage zuvor

„Kannst du in die Schule?", fragte mich meine Mutter mit einem prüfenden Blick, als ich am Dienstagmorgen vor ihr stand. Ich war am Montag nicht in der Schule erschienen, aber, sobald ich erfahren hatte, dass mein Vater wieder nach England geflogen war, da wir eine Verfügung gegen ihn erlassen hatten, konnte ich wieder aufatmen. Dass er wieder gegangen war, bewies nur, dass wir ihm nicht wichtig waren. Dass Jo ihm nicht wichtig war. Er kam nur, um sich an mir und Mom zu rächen. Dafür, dass wir abgehauen waren. Und sobald er erkannt hatte, dass er hier nichts anrichten konnte, haute er ab. Jedoch war ich mir sicher, dass das nicht das letzte war, was ich von ihm gehört hatte.

Mir war schon seit Montag ganz mulmig im Bauch, da ich wusste, was am Samstag für ein Tag war. Der 13. Februar. Für manche ein ganz normaler Tag. Für mich ein Tag vor dem es mir grauste. Ein Tag, welcher mein gesamtes Leben verändert hatte.

„Ich kann gehen. Wirklich. Ich möchte nicht hier versauern.", meinte ich so überzeugend wie möglich und blickte meiner Mom dabei aufrichtig in die Augen.

„Na gut.", gab sie sich geschlagen.

Schnell sprang ich auf und drückte meiner Mutter einen Kuss auf die Wange.

„Bis später!", rief ich ihr noch schnell zu, ehe ich die Haustür hinter mir ins Schloss fallen ließ.

~

„Okay, und jetzt versuch den Logarithmus anzuwenden."

Seufzend griff ich nach meinem Taschenrechner, welcher am anderen Ende von Reece Bett lag und tippte die Lösung ein, von der ich glaubte, dass sie richtig war. Mein Freund hingegen, hatte sich nur auf seinem Bett ausgestreckt und sah mir dabei zu, wie ich die Mathehausaufgaben erledigte. Er selbst hielt es wie so oft nicht für nötig sie zu machen.

„Hör auf mich so anzustarren!", murmelte ich ohne den Blick von meiner Rechnung zu nehmen.

„Ich starr dich eben gerne an.", erwiderte Reece und als ich nach rechts zu ihm sah, lächelte er leicht. „Geht es dir auch wirklich gut?"

Theatralisch seufzte ich auf. Ich wusste, dass er sich nur Sorgen machte, aber mir ging es wirklich den Umständen entsprechend gut. Jedenfalls redete ich mir das so ein. Gerade, als ich zur Antwort ansetzten wollte, klopfte es an der Tür.

Schnell schrieb ich noch meine Lösung auf, um sie Reece später präsentieren zu können, bevor ich den Blick zur Tür lenkte. Mr. Winchester stand dort und sah kurz zu seinem Sohn, welcher sich aufgerichtet hatte. Normalerweise war Reece Vater nie so früh zu Hause. Er arbeitete immer bis spät abends in der Bank.

„Reece, wegen dem Aufenthalt in Europa: Ich bräuchte eine Antwort, da ich heute den Flug buche.", sagte Mr. Winchester mit einem eindringlichen Blick. Sofort schnellte mein Kopf zu Reece, welcher Augenkontakt mit mir mied und aussah, als wäre er auf frischer Tat ertappt worden.

„Wieso willst du nicht nach Europa?", fragte ich verwirrt nach.

„Du hast es ihr nicht gesagt?", mischte sich Mr. Winchester ein, weswegen mein Blick wieder zu ihm schweifte. Reece Vater trat ins Zimmer und ließ sich mit einem vorwurfsvollen Gesichtsausdruck, der offensichtlich seinem Sohn galt, auf den Schreibtischstuhl fallen.

„Mir was nicht gesagt?", hackte ich nach, ehe ich mich aufrappelte und zwischen Reece und seinem Vater hin- und her sah. Sofort schlug mein Herz schneller. Es war doch nichts passiert?

„Ich wollte es ja ansprechen, aber irgendwie...wusste ich nicht wie genau.", verteidigte sich mein Freund schnell.

„Das ist doch eine einfach Frage!", warf Mr. Winchester ein, ehe er das Wort an mich wandte: „Ich fliege am Freitagvormittag nach London. Und, da habe ich mich gefragt, ob ihr beide mitkommen wollt. Schließlich ist England ja deine alte Heimat. Das müssten wir nur schnell mit dem Direktor vereinbaren, aber ich denke, dass er sowieso nichts dagegen hat."

Sprachlos sah ich zu Reece, welcher sich verlegen am Hinterkopf kratzte. Es war klar, warum er mich nicht darauf angesprochen hatte. Er wusste von den Geschehnissen in England. Sein Vater nicht. Besonders, da gerade mein Vater aufgetaucht war, hielt er es sicherlich für seltsam mich zu fragen, ob ich mitkommen wollte. Jedoch wunderte es mich, dass sein Vater mir so ein Angebot machte. Schließlich kannte er mich doch nur kaum.

„Natürlich kannst du noch mit deiner Mutter sprechen. Alle Kosten werden selbstverständlich von der Bank getragen, da ich dort ein Apartment für geschäftliche Zwecke habe.", fügte Mr. Winchester noch hinzu.

Kurz sah ich Reece Vater nur völlig perplex an. Und ich spielte sogar mit dem Gedanken einfach Ja zu sagen. Jedoch konnte ich ihn nicht einfach für mich bezahlen lassen. Oder zulassen, dass seine Bank für mich zahlte. Dabei würde ich mich ziemlich schlecht fühlen.

Aber, je länger ich darüber nachdachte, desto mehr zog ich wirklich in Erwägung zugehen.

„Naja, lass es dir einfach in Ruhe durch den Kopf gehen! Reece kann mir dann heute Abend Bescheid sagen.", schlug Mr. Winchester vor. Dann erhob er sich und lächelte uns beiden nochmal aufmunternd zu.

Sobald Mr. Winchester seine Hand auf die Türklinke legte, sprudelte es aus mir heraus: „Ich würde wirklich gerne mitkommen!"

Ich wusste nicht einmal warum ich es gesagt hatte. Doch, als ich Reece entgeisterten Blick auf mir spürte, wusste ich warum. Der 13. Februar war der Auslöser. Ich wollte endgültig meine Vergangenheit hinter mir lassen. Und das ging nur auf eine Weise: Ich musste nach England zurückkehren und mit allem abschließen.

Es fühlte sich richtig an diese Entscheidung getroffen zu haben. 

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