Teil III - Kapitel 3

1.6K 115 3

Gemeinsam liefen wir durch die Straßen Berlins und redeten über Gott und die Welt. Wir erzählten uns, wo wir herkamen. Denn Lena selbst kam aus einem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern. Sie hatte den gleichen Traum wie ich gehabt: in Berlin zu leben. Wir beide hatten ihn uns erfüllt und nun mussten wir noch eine Krankheit besiegen, ehe wir richtig mit dem Leben beginnen konnten.
»Lass uns zur Schlossstraße fahren!«, schlug Lena vor und zog mich in die Richtung einer U-Bahnstation. Ich kannte die Schlossstraße nicht, folgte ihr dennoch. Ich wollte am liebsten alles von dieser wundervollen Stadt sehen.

»Wie lange bist du schon... krank?«, fragte Lena nachdem wir uns auf zwei Plätze gezwängt hatten. Die U-Bahn war dicht mit Menschen gefüllt und es grenzte an ein Wunder, dass wir überhaupt einen Sitzplatz gefunden hatten.
»Seit ich zwölf bin«, murmelte ich und spürte, wie ich traurig und wütend wurde.
Weil ich all diese Jahre damit verschwendet hatte, krank zu sein.
»Ich auch«, gestand Lena mit belegter Stimme. Den Rest der Fahrt schwiegen wir.
Erst, als eine Frauenstimme, die die Stationen ankündigte, sagte, dass die nächste Station Rathaus Steglitz sei, standen wir auf und stellten uns an die Tür.
»Wir müssen unbedingt ins Schloss. Und eigentlich auch in den Boulevard, da gibt es Calzedonia!«, auf einmal wurde Lena leicht hibbelig. Ich lachte auf.
»Ganz ruhig, wir haben viel Zeit«, beruhigte ich sie und zwinkerte ihr zu. Sie lachte ebenfalls.
»Tut mir leid, ich liebe shoppen.«
Die Türen öffneten sich und da es die Endstation war, strömten alle Menschen gemeinsam mit uns heraus.
Im Gegensatz zu den anderen nahmen Lena und ich jedoch die Treppen. Wir schafften es nicht, uns faul auf die Rolltreppe zu stellen.

Als wir wieder an der Oberfläche waren, schlugen viele Eindrücke auf einmal auf mich ein. Wir standen an einer Kreuzung. Viele Autos fuhren dort lang, manche hupten, andere drängelten. Es wirkte chaotisch.
Massen von Menschen liefen lauthals redend die Straßen entlang.
Ein Stand mit Leuten von Greenpeace war ebenfalls da. Die Aktivisten liefen zwischen den Menschen hin und her und sprachen sie an. Etwas weiter hinten wurden gratis Zeitungen verteilt.
»Komm«, forderte Lena mich auf und ich setzte mich in Bewegung.
Wir gingen über die Straße und betraten dann das Einkaufszentrum, dass "das Schloss" genannt wurde. Ich staunte nicht schlecht. Leise Musik spielte, alles wirkte prunkvoll. An die Decke wurden Fische projiziert. Ich war überwältigt.
»Wow«, murmelte ich.
»Zuerst zu H&M?«, fragte Lena. Ich nickte nur denn der H&M war direkt beim Eingang.
Die Auswahl dort war größer als die in unserer Stadt.
Wir fuhren ein Stockwerk höher und probierten viel an.
Da wir jedoch nur wenig Geld hatten kauften wir nichts.

Den ganzen Nachmittag über verbrachten wir in der Schlossstraße. Ich hatte mich verliebt. Hier gab es alles, was das Herz begehrte. Zwar störte es mich, dass überall so viele Menschen waren, aber daran musste ich mich gewöhnen. Ich lebte nun in einer Großstadt.

»Verdammt«, sagte Lena auf einmal und erstarrte. Ich sah sie verwundert an: »was ist?«
»Wir haben das Mittagessen vergessen«, informierte sie mich. Ich wurde nervös.
»Verdammt! Stimmt! Gibt das ärger?«
»Ich glaube nicht, weil du ja neu bist... aber für mich.«
Lena wirkte niedergeschlagen.
Schweigend machten wir uns auf den Rückweg. Es war fast Abendbrotszeit, als wir ankamen.

»Es tut uns leid«, begann ich sofort. Elena hatte heute Spätdienst.
»Einmal drücke ich da ein Auge zu, das sollte sich aber nicht wiederholen«, sagte sie streng und erlaubte uns dann, dass wir auf unsere Zimmer gingen.
Lena umarmte mich kurz, was ein Gefühl der Wärme in mir auslöste, dann trennten sich unsere Wege bis zum Abendbrot.

Nadja war nicht da, was mich etwas wunderte, doch ich dachte nicht groß darüber nach. Ich konzentriere mich darauf, etwas mehr zu essen.
»Wir müssen euch etwas mitteilen«, sagte Elena, nachdem alle gegessen hatten und deutete auf sich und ihre Kollegin.
Verwundert sahen wir uns alle an.
»Nadja hatte heute einen Suizidversuch und ist in die Klinik gekommen, sie wird eine Weile bleiben«, ließ sie dann die Bombe platzen.
Bestürzung machte sich breit.
Damit hatte keiner gerechnet. Schweigend saßen wir alle am Tisch und starrten vor uns hin.
Ich fühlte mich auf einmal um ein paar Jahre zurückversetzt. Ich war gedanklich wieder in einer Zeit, in der ich mich selbst verletzte und regelmäßig versuchte, mir das Leben zu nehmen.
Tränen sammelten sich in meinen Augen und auf einmal ging alles sehr schnell.

Vor meinen Augen sah ich meinen Nachbarn, wie er mich angrinste.
»Du dreckige, kleine Hure«, hörte ich ihn sagen, während er über mein nacktes Bein strich. Ich roch seinen herben Geruch und hörte, wie er stöhnte.
Ich bekam Panik. Wollte schreien, doch ich blieb stumm, erstarrte.
Ein ängstliches Keuchen verließ meine Lippen.

»Ashley?«, ich nahm Elenas Stimme nur am Rande wahr.
Auf einmal roch ich einen beißenden Geruch. Ich hatte das Gefühl, dass meine Nase verätzt werden würde, aber mein Nachbar verschwand.
Elena hatte mir Ammoniak unter die Nase gehalten, um mich in die Realität zurück zu holen.
»Tut mir leid«, sagte ich peinlich berührt. Die anderen waren bereits aufgestanden und gegangen. Es war mir furchtbar unangenehm, dass sie mich so gesehen hatten.

Spindeldürr! - #Wattys2017Lies diese Geschichte KOSTENLOS!