Teil III - Kapitel 2

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Als der Abspann des Filmes lief war ich ein bisschen ruhiger. Es war nicht so schlimm geworden, wie ich es erwartet hatte. Im Gegenteil. Meine neuen Mitbewohnerinnen waren nett. Sie stellten mir aufgeregt Fragen und versuchten, mich besser kennenzulernen. Ich wusste nicht einmal, welchen Film wir gesehen hatten.
Vielleicht waren sie beim Abendbrot nur so reserviert gewesen, weil es eben Essen gab. Für uns alle eine schwierige Situation und wenn dann noch jemand Neues dazukam war es doppelt so schwer.

»Schlaf gut, Ashley«, rief Lena mir zu, als ich auf mein Zimmer ging. Ich gähnte einmal herzhaft, ehe ich ihr ebenfalls einen kurzen Gruß zurief. Sie lächelte und schloss dann ihre Zimmertür.
Meine Laune hatte sich deutlich verbessert. Ich fühlte mich gut. Konnte mir vorstellen hier zu bleiben, bis ich endlich 18 war.
Ich malte mir bereits aus, wie ich in meine eigene Wohnung zog.
Doch erst einmal musste ich die Realität meistern, bevor ich die Zukunft anging.

In meinem Zimmer legte ich mich direkt ins Bett. Ich hatte mich bereits vor Beginn des Filmes umgezogen und war nun sehr müde. Es war ein anstrengender Tag gewesen und meine Kräfte waren verbraucht.
Ich kuschelte mich unter die Decke und schloss die Augen.

Am nächsten Tag wurde ich um 7:30 geweckt.
Es war Elena.
»Hm?«, murmelte ich verwirrt, da wir Ferien hatten und ich nicht wusste, weswegen ich aufstehen sollte.
»Es gibt Frühstück. Du bist ja noch neu hier, kein Wunder, dass du die Zeiten noch nicht kennst«, winkte sie lächelnd ab. Ich richtete mich leicht auf und blinzelte verschlafen.
Ich wollte noch nicht aufstehen. Erst recht nicht zum Essen. Doch ich wollte keinen schlechten Eindruck hinterlassen, also richtete ich mich komplett auf und rieb mir über die Augen.
Einige Sekunden später stand ich dann neben dem Bett.
»Komme«, verkündigte ich und folgte Elena wieder ins Esszimmer.
Die anderen saßen bereits dort und sahen mich an. Diesmal freundlicher als am Tag davor. Nur Nadja guckte finster.
»Komm zu mir!«, forderte Lena mich auf und klopfte auf den Platz neben sich. Ich ließ mich nicht zwei Mal bitten und setzte mich. Erst dann ließ ich den Blick über den Tisch schweifen. Es gab Grau- und Vollkornbrot. Viel Käse und Wurst. Zwei Gläser Marmelade standen ebenfalls dort. Nutella suchte ich vergebens.
Meine Gedanken überschlugen sich beinahe denn ich wusste nicht, was ich essen sollte.
Ich entschied mich für ein Brot mit Marmelade. Damit fühlte ich mich einigermaßen sicher. Nadja verdrehte die Augen und betrachtete mich argwöhnisch, während ich eine hauchzarte Schicht auf mein Brot strich.
Ich musste mich zusammenreißen, ihr nicht einen Spruch an den Kopf zu werfen.
Während des Essens war es still. Selbst die Betreuer schienen in Gedanken versunken zu sein.
Nach einer halben Stunde wurde das Essen für beendet erklärt und wir räumten unsere Teller weg.

»Ashley? Kommst du bitte mal ins Büro?«, rief Elena mir zu. Mein Herzschlag beschleunigte sich automatisch. Hatte das etwas schlechtes zu bedeuten?
Unsicher ging ich ins Büro und setzte mich auf einen der Stühle.
Elena sah mich lächelnd an. Also würde ich zumindest keinen Ärger bekommen.
»Ich wollte dir nur eben mitteilen, dass du nächsten Montag einen Termin bei der Ernährungsberaterin hast, um zehn Uhr«, verkündete sie und ich lachte beinahe auf. Warum machte ich mir immer so viele Gedanken um nichts?
»Geht klar«, antwortete ich lässig und erhob mich wieder.
»Du denkst daran, dass morgen wiegen ist?«, fragte sie mich, als ich im Gehen war. Ich nickte nur.
Wiegen.
Ich hasste dieses Wort und diese Handlung.
Früher mochte ich sie, aber seit sie das Wiegen benutzten um mich am Abnehmen zu hindern und um mich zu kontrollieren, mochte ich es nicht mehr. Es war zu einer Tortur geworden. Die Zahl auf der Waage lachte mich hämisch an. Sie war immer zu hoch, egal wie niedrig sie war, und sie noch weiter steigen zu sehen war eine einzige Qual.

Niedergeschlagen ging ich in mein Zimmer. Ich wusste nichts mit mir anzufangen und überlegte, ob ich etwas rausgehen sollte. Aber was war, wenn ich dann auf einmal weniger wiegen würde morgen? Dann würden sie mich noch mehr quälen, das konnte ich nicht riskieren.
Also legte ich mich in mein Bett und dachte nach.

Am nächsten Morgen wurde ich sehr früh geweckt. Ich wollte nicht aufstehen aber die Betreuerin, ich kannte sie noch nicht, ließ mir keine Wahl.
Missmutig stand ich also auf und folgte ihr in das Zimmer in dem die Waage stand. Dort musste ich mich bis auf die Unterwäsche ausziehen und dann auf das Monster stellen.
Langsam zählte sich die Zahl hoch. Und mit jeder höheren Nummer sank meine Stimmung. Als sie endlich fertig war begann mein Herz zu rasen.
Ich hatte tatsächlich abgenommen. Vermutlich war es der Stress gewesen, den der Umzug auslöste. Aber ich wusste nicht, was ich nun fühlen sollte.
Einerseits war ich froh, andererseits hatte ich angst vor den Konsequenzen und ich wollte ja gesund werden.
Da brachte es mir wenig, wenn die Zahl niedriger würde.

»Das passiert vielen am Anfang«, beruhigte Ruth, die Betreuerin, mich. Ich nickte stumm und zog mich wieder an. Ruth folgte mir, denn sie würde die nächste holen.
Ich war getriggert. Die Zahl sollte niedriger sein.
Ich fragte mich, wie ich nun das Essen meistern sollte?
Also ging ich zu erst duschen. Das heiße Wasser tat gut auf meiner Haut. Ich schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken.
Für eine kurze Zeit vergaß ich alles, dann stellte ich das Wasser wieder aus und zog mich an.
Ich schminkte mich dezent und half dann dabei, das Frühstück vorzubereiten.
Neben Ruth war noch Karen im Dienst, sie kannte ich bis heute auch nicht, aber sie wirkte nett auf mich.

Das Essen verlief wieder schweigend und nach dem Essen fing Lena mich ab.
»Wollen wir heute etwas unternehmen?«, fragte sie lächelnd. Ich überlegte kurz. Was sprach schon dagegen?
»Gerne«, stimmte ich also zu.

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