Seligmann 1 c

168 11 4
                                                  

Gottfried Wegener, der in der rechten Szene nur Steiner genannt wurde, hatte die Entführung der Politikerin Seligmann genauestens vorbereitet. Er war nicht nur kaltblütig und brutal, sondern ein gerissener Stratege, der Risiko und Kalkül genau abzuschätzen wusste. Er war sozusagen die »Exekutive« der rechten Szene, den die bundesweiten Kameradschaften für die schmutzigen Jobs anheuern konnten, vorausgesetzt, die Bezahlung stimmte.

Schon als kleines Kind hatte Gottfried Wegener eine nationalsozialistische Erziehung genossen. Sein Vater, ein ehemaliger Luftwaffen-Pilot, schickte ihn schon als Fünfj.hrigen zur Wiking Jugend, die in Nordrhein-Westfahlen unter dem Deckmantel einer demokratischen Jugendorganisation die Tradition der Hitlerjugend und des Bundes Deutscher Mädel ungehindert fortführte. In der rechten Szene galt die »Wiking Jugend« als die herausragende Kaderschule des europäischen Rechtsextremismus und nahm eine Schlüsselstellung in einschlägigen Organisationen und Netzwerken ein.

Gottfried liebte die paramilitärischen Übungen mit seinen Altersgenossen, das Marschieren, Exerzieren und das Leben auf den Zeltplätzen in den Schulferien. Für ihn brach eine Welt zusammen, als 1994 der Bundesinnenminister die Wiking Jugend als nationalsozialistische Organisation einstufte und verbot. Zu diesem Zeitpunkt war sie die größte neonazistische Jugendorganisation Europas gewesen. Aufgrund verschiedener Delikte wurde Gottfried schließlich zu sechs Jahren Haft verurteilt, kam aber schon nach knapp drei Jahren wegen guter Führung und »günstiger Sozialprognose « wieder auf freien Fuß. Dann verschwand er spurlos vom Radar des BND.

Gottfried Wegener lenkte den schwarzen Mercedes an den Stadtrand in ein stillgelegtes Kieswerk. Für die Fahrt hatte er seine Sturmmaske gegen ein Toupet und eine dicke Hornbrille mit Fensterglas getauscht, um auf keiner Überwachungskamera verwertbare Aufnahmen zu hinterlassen.

Nach seinen Berechnungen hatte er mindestens zwei Stunden Zeit, bis die Fahndung nach Seligmann einsetzen würde. Sein Kamerad Udo Rennicke presste Seligmann immer noch den Kopf auf die Ledersitze, richtete sich nun aber langsam auf, nachdem Gottfried den Motor abgestellt hatte. Draußen war es finsterste Nacht, und der Herbstwind hatte sich zu einem regelrechten Orkan entwickelt. Regen, Blätter und kleinere Äste peitschten gegen den Wagen und zeichneten sich im Lichtkegel der Scheinwerfer ab, die eine unwirtliche Gegend aus Kiesbergen und Gestrüpp beleuchteten.

Aber dann erloschen auch sie, und trotz der wild pfeifenden Böen des Sturms war nun deutlich Seligmanns gepresster Atmen zu hören. Sie hyperventilierte, ihr Puls raste, und die Schmerzen in ihrem Gesicht hatten kein definierbares Zentrum mehr. Der Schmerz war einfach überall. Aus dem Kofferraum kam ein leises Wimmern. Götze schien am Leben, aber wie lange noch? Ihre Gedanken kreisten panisch um einen möglichen Rettungseinsatz. Wann würde man sie als vermisst melden? Sie arbeitete oft lange, ihr Mann würde wahrscheinlich ins Bett gehen, ohne auch nur den geringsten Verdacht zu schöpfen. Eine Fahndung würde also nicht vor morgen früh beginnen. Was immer diese brutalen Verbrecher mit ihnen vor hatten, sie konnten sich Zeit damit lassen.

Plötzlich wurde Seligmann an den Haaren hochgerissen. Das verletzte Auge war gänzlich zugeschwollen und mit einer dicken Blutkruste bedeckt. Mit dem anderen Auge konnte sie in der Dunkelheit nur schemenhaft die Köpfe der beiden Entführer erkennen. Gottfried hatte wieder seine Sturmhaube übergestreift, knipste die Innenbeleuchtung an und drehte sich zu seiner Gefangenen um, während Rennicke sie mit dem linken Arm umfasste und seine rechte Hand unter ihrem Kleid auf ihren Oberschenkel legte. Die Sturmmasken zeigten zwar nur die Augen ihrer Entführer, aber Seligmann konnte förmlich spüren, wie der Mann neben ihr sadistisch grinste.

Seligmann hatte keine Kraft mehr, hatte jeden Widerstand aufgegeben. Der schwarze Mercedes, gepeitscht von düsteren Naturgewalten, war zur gottverlassenen Folterkammer geworden.

TURMSCHATTEN (WattyWinner 2019)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt