~ The fourth of october ~

Schließlich saßen Reece und ich beide auf meinem Bett, gesättigt von dem Abendessen und mit jeweils einer Tasse Tee in der Hand. Ich hatte mich in eine Decke eingewickelt und sah gespannt zu Reece, welcher offenbar nicht wusste, wo er anfangen oder was er sagen sollte.

„Mein Bruder war ein Athlet und gleichzeitig jemand, der viel las. Ich bewunderte ihn und wollte immer genau so sein wie er. Gabriel spielte Baseball und ich sah ihm bevor ich selbst in die Schule kam oft beim Training zu. Sein Coach meinte immer, dass ich ihn zu sehr durch meine Zurufe ablenke, aber Gabriel hat mich immer vor ihm 'verteidigt' und ich durfte weiter zusehen." Ich konnte mir nur allzu gut vorstellen, wie Reece auf der Tribüne saß und seinen großen Bruder anfeuerte. Er war bestimmt sein größter Fan gewesen. Automatisch musste ich lächeln.

„Wir waren immer anders als normale Geschwister. Gabriel kümmerte sich oft freiwillig um mich und da wir einen Altersunterschied von sieben Jahren hatten, klappte das auch recht gut. Klar, wir stritten uns auch manchmal, aber meinem Bruder machte es nie was aus, mir zu helfen oder irgendwas mit mir zu machen. Es könnte daran liegen, dass wir viele Hobbys teilten."

„Er muss ein wahnsinnig toller Mensch gewesen sein.", murmelte ich mehr zu mir, als zu ihm, aber Reece hörte es trotzdem.

„Ja, das war er.", bestätigte er mir gedankenverloren, ehe er einen Schluck trank und fortfuhr.

„Niemand hat es kommen sehen. Klar, manchmal verhielt er sich etwas anders als sonst, aber meine Mutter schob das immer auf die Pubertät. Auch ich dachte mir nicht viel dabei. Ich war ja auch nicht mehr als ein Kind." Ich hörte, wie er schwer schluckte und musste wie aus Reflex betreten auf meine Tasse Tee sehen.

„Es ist schon komisch. Ich habe so viele Erinnerungen mit meinem Bruder. Aber, die erste, die mir in den Sinn kam, als du mich fragtest, ob ich von ihm erzählen würde, war der vierte Oktober."

Sein Todestag, fügte ich in Gedanken hinzu.

„Gabriel verhielt sich nicht anders als sonst. Jedenfalls nicht so, dass mir etwas aufgefallen wäre. Vielleicht drückte er mich länger als normal, aber ich lief einfach unbeschwert meinen Weg zur Schule." Als Reece erzählte, sah er ins Leere und er sah so aus, als würde er angestrengt nachdenken. Suchte er Hinweise auf das, was das Vorhaben seines Bruders angedeutet hätte? Ich wusste es nicht.

„Mein Vater holte mich von der Schule. Ich hatte bis vier Uhr Fußballtraining gehabt und auf dem Rückweg im Auto plauderten wir über ein Spiel, was wir uns zusammen ansehen wollten. Wir machten einen Stopp beim Supermarkt, weil Mum wollte, dass wir etwas für sie einkauften. Wenn ich mich recht erinnere war es Gemüse für das Abendessen. Wir trödelten herum und ließen uns extra viel Zeit. An der Kasse kaufte mein Vater mir dann noch etwas Süßes, weil ich ihn so lange damit genervt hatte."

Ich bemerkte gar nicht, dass ich den Atem kurz angehalten hatte. Reece sah mit einem traurigen Blick zu mir, ehe er mir zitternder Stimme meinte: „Wenn wir uns nur mehr beeilt hätten, würde er vielleicht noch leben."

„Keiner konnte ahnen, was er vorhatte, Reece. Es war nicht eure Schuld. Du warst ein Kind." Entschlossen griff ich nach seiner Hand, die sich ganz kalt anfühlte und drückte sie sanft. Reece lächelte mich zwar schwach an, aber ich wusste, dass er mir nicht glaubte. Er gab sich in gewisser Hinsicht die Schuld dafür. Dafür, dass es nicht verhindert werden konnte. Ich wünschte ich könnte ihm irgendwie klar machen, dass er keinerlei Schuld daran hatte. Aber ich wusste nicht wie.

„Als wir schließlich nach Hause kamen war alles totenstill. Der Wagen meiner Mutter parkte vor der Garage, also müsste sie da sein. Genauso wie Gabriel. Wir wunderten uns beide ein bisschen, da Mum zu dieser Zeit eigentlich immer in der Küche stand und kochte, während Gabriel am Tisch Hausaufgaben machte. Mein Vater und ich verstauten die Einkäufe. Dann schnappte er mich und trug mich die Treppe hoch. Sobald er sah, dass in Gabriels Zimmer Licht brannte, hörte er auf zu lachen. Ich verstumme auch, als ich sein Gesicht sah. Keine Ahnung, ob er es bereits da gewusst hatte oder ob er dachte, wir hätten Einbrecher im Haus."

Ich traute mich nichts mehr zu sagen. Ich wusste, was nun kommen würde und bekam meinen Mund einfach nicht auf. Allerdings fuhr Reece schon fort und ließ mir keine Gelegenheit mehr das Wort zu ergreifen. Was hätte ich auch sagen können? Es würde sich jedes einzelne Wort falsch anhören.

„Er sagte, dass ich hier warten solle und setzte mich ab. Dann bewegte er sich langsam auf seine Zimmertür zu. Und als er schließlich in der Schwelle stand, es fühlte sich wie eine Ewigkeit an bis er reagierte, sah ich ihn zu Boden gehen."

Tränen flossen stumm meine Wangen hinab, während Reece nicht eine einzige Träne vergossen hatte. Fühlte er sich in diesem Moment genauso leer wie ich mich damals gefühlt hatte? In seinem Gesichtsausdruck lag etwas, was mich einen Schluchzer nur mit Mühe unterdrücken ließ.

„Ich rannte zu meinem Vater, da ich dachte jemand hätte ihn verletzt. Und als ich neben ihm stand, sah ich auch meine Mutter. Sie kniete neben Gabriels Bett und weinte. Lautlos. Das Laken war voller Blut, ebenso wie meine Mutter. Ich konnte nicht erkennen, an was sie sich festkrallte, also lief ich zu ihr. Ich wollte sie trösten. Ich wollte sehen, warum sie verletzt war. Warum so viel Blut überall war. Als mein Vater mich zurück hielt schrie und strampelte ich. Sobald er mich hochhob und wegtragen wollte sah ich den leblosen Körper meines Bruders, an dem meine Mutter so krampfhaft festhielt. Obwohl niemand was gesagt hatte, wusste ich instinktiv, dass er tot war. Spätestens als sich meine Mutter zu uns umdrehte."

Eine einzelne Träne löste sich aus seinem Augenwinkel und lief seine Wange hinab. Reece beachtete sie nicht. Ich wusste nicht einmal, ob er es überhaupt bemerkt hatte.

„Niemals würde ihr Gesicht vergessen. Es war so, als wäre alle Lebensfreude aus ihr gewichen. Ich habe nie jemand gesehen, der gebrochener aussah."

Bei dem letzten Satz brach seine Stimme, die kaum noch mehr als ein Flüstern war. In diesem Moment, in dem wir uns in die Augen sahen, verband uns etwas. Etwas, was man nicht sehen konnte, aber dafür umso mehr spüren. Er hatte mir gerade von dem wohl schlimmsten Tag in seinem Leben berichtet.

Er vertraute mir. Und ich vertraute ihm.

Es war nur alles eine Frage der Zeit, bis das letzte Geheimnis auch noch meinen Mund verlassen würde. Es lag mir quasi auf der Zunge, aber statt es auszusprechen nahm ich Reece einfach nur in den Arm. Ich spürte, wie er stumm weinte und versuchte einfach nur für ihn da zu sein.


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