Teil 14

16.1K 827 103




                       

Teil 14

Die Erschütterung lag immer noch tief,  auch als es mittlerweile Mittags war und ich bei Damian weiter an unserem Modell arbeitete. Diese Nacht hatte mich mein Albtraum schon um 4 Uhr morgens aus dem Schlaf gerissen. Ich hätte es mir denken müssen, dass das vorletzte Nacht nur eine Ausnahme war. Meine Laute war dementsprechend. 

Wir schwiegen uns die meiste Zeit an. Damian recherchierte im Internet über das Buckingham Palace, während ich verschiedene Modellteile anpinselte. Die Stille war erdrückend und unangenehm, doch es gab nichts zu sagen. Damian wirkte auch nicht so, als würde ihm irgendwas auf dem Herzen liegen. Wenn er nicht gerade Informationen aus dem Internet raussuchte, tippte er auf seinem Handy Nachrichten. Ich Frage mich wirklich mit wem er die ganze Zeit schreibt. 

„Hast du Hunger?" fragte Damian plötzlich und stand von seinem Bett auf. 

„Nein." murmelte ich, ohne mich auf meinem Stuhl umzudrehen und ihn anzusehen.

„Sicher?"

„Ja."

Er seufzte verzweifelt auf. Damian setzte sich auf den leeren Stuhl neben mir und verschränkte die Arme auf dem Tisch.

„Wie lange wollen wir noch miteinander reden, als wären wir nur Projektpatner?" 

„Wir sind nur Projektpatner Damian." 

Er verzog sein Gesicht und sah mich fragend mit seinen hellen Augen an.

„Wir sind ganz sicher nicht nur Projektpatner Ever, das weißt du genauso gut wie ich." 

„Ach ja, was sind wir denn dann?" fragte ich, legte meinen Pinsel weg und sah ihn fordernd an.

Er schwieg einen Moment als müsste er überlegen.

„Keine Ahnung, aber wir sind nicht nur Referatpartner. Das was passiert ist tut mir leid."

Ich stellte mich auf, weil ich meine Wut kaum zurückhalten konnte.

„Es tut dir leid? Du meinst, dass du ein gewalttätiger aggressiver Idiot bist genauso wie es Jack gesagt hat?" 

Er erhob sich ebenfalls, worauf ich unauffällig einen Schritt zurücktrat, weil mir seine Größe plötzlich einschüchternd vorkam. 

„Ist das dein ernst Ever? Ich habe mich diese Zweimal nur wegen dir geschlagen, weil dich Zweimal ein Kerl beleidigt hat! Nur zu Erinnerung einer davon war Jack, wegen dem du heulend auf deinem Bett saßt! Der andere Typ wollte dich versteigern, als wärest du ein Objekt! Jack habe ich gegen das Auto geschubst, weil er mich provoziert hat, doch ich hätte ihm sicherlich nichts getan. Ich war nur wütend wegen der vorherigen Sache und dann kommt auch noch dieser Dreckskerl und regt mich auf, weil er ganz genau wusste, dass ich auf 180 war! Das war so ein manipulatives Spiel und du hast das nicht gemerkt Ever. Ich habe keine Prügelei angezettelt weil mir langweilig war, oder weil mich ein Kerl angerempelt hat. Ich habe eine Prügelei angezettelt, weil du falsch behandelt worden bist."  

Der Raum war mucksmäuschenstill. Das einzigste was man hörte war das ticken der Uhr. Meine Wangen glühten, weil ich wusste, dass er recht hatte. Er hatte nur wegen mir diese Schlägereien angefangen und er hätte Jack nichts getan, vorallem nicht vor meinen Augen. Und vorallem nicht, nachdem er mir dieses versprechen gegeben hatte.

„Du hättest nicht gleich handgreiflich werden müssen Damian." murmelte ich, weil ich zu stolz war, um ihm recht zu geben. 

Er hob die Hände hoch und ließ sie auf seinen Schoß klatschen.

„Ach hätte ich deiner Meinung nach einfach aufstehen und diesem Kerl sagen sollen, dass er bitte damit aufhören möge dich zu versteigern. Wie hast du dir das vorgestellt ?"

Ich zuckte mit den Schultern und sah zum Boden herunter. Wie Damian es formulierte klang es wirklich lächerlich. Stumm standen wir mindestens einen Meter voneinander entfernt. Plötzlich trat einen Schritt zu mir vor und hob mit seinen Fingern mein Kinn nach oben, sodass ich gezwungen war ihn anzusehen. Damian sah aus, als wäre ihm ein Licht aufgegangen und wirkte aufeinmal panisch.

„Ever, ich würde dir nie etwas tun. Ich würde dich niemals und ich meine damit auch niemals auf irgendeine Art und Weise verletzten. Ist es das, was dir Sorgen bereitet?" fragte er flüsternd und umfasst nun mein ganzes Gesicht mit seinen Händen.

Ich zog meine Lippen zu einem Strich zusammen und blinzelte die Tränen weg, die langsam aber sicher aufstiegen. Mein Körper fing an merkwürdig zu zittern. Allmählich begann die Vergangenheit in die Gegenwart einzudringen. Ich wollte doch genau das vermeiden und jetzt stand ich hier mit Damian, der mich in eine schmerzvolle Zeit erinnerte. Gestern hatte Blake schon auf das Thema angespielt. Es kam langsam alles zum Vorschein und ich war zu schwach um dem standzuhalten. Ich dachte wirklich ich könnte eines Tages damit abschließen, doch das würde nie funktionieren, weil es keine Sache war, die man je vergessen könnte. Manchmal fragte ich mich wirklich ob Er recht hatte. Er hatte mich Jahre lang für eine Sache bestraft. Jahre lang hatte Er mich gequält, so dass ich den Schmerz irgendwann nicht mehr fühlte. Meine Mutter tat irgendwann nichts mehr dagegen, entweder weil sie wusste, dass es sinnlos war oder weil sie ihm recht gab. Vielleicht dachte sie auch ich wäre Schuld daran und je mehr Zeit verging, desto mehr glaubte ich auch daran. Ich glaube es noch immer. Vielleicht hatte Er jedes recht dazu gehabt, was Er mir die letzten Jahre angetan hat. Seit ich denken konnte, hatte Er mich nicht gemocht. Nie hatte Er „Ich liebe dich" zu mir gesagt. Nie hatte Er mir das Gefühl gegeben etwas Wert zu sein und zu meinem 7 Lebensjahr erhielt ich die Eintrittskarte in die Hölle.

Ich biss auf meine Unterlippe und schloss meine Augen, weil ich hoffte man würde nicht sehen, dass ich schwach wurde. Doch es zu spät war. Die Tränen ließen ihren Willen freien Lauf. Ich bohrte meine Zähne noch tiefer in meine Unterlippe herein, weil ich wollte, dass der innere Schmerz, der auftrat verschwand.

Damian legte seine großen Starke arme um mich und zog mich eng an sich. Ich schluchzte in sein T-Shirt hinein, sodass es augenblicklich feucht wurde. Er hielt mich fester, als wolle er wie ein Schwamm meine ganzen Tränen aufsaugen. Ich konnte mich nicht mehr zurückhalten. Die Wunden der Vergangenheit rissen auf eine solch brutale Art auf, die ich für unmöglich gehalten hatte. Ich wollte flüchten und bin deswegen nach Ohio gekommen, aber wie kann man vor dem Problem flüchten, wenn man es selbst ist?

DefenselessLies diese Geschichte KOSTENLOS!