Kapitel 1

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Als es plötzlich dunkel wird ist mein erster Gedanke „11".
Elf Tage bin ich jetzt schon gefangen.

An jedem dieser Tage habe ich versucht an Antworten zu gelangen.
Antworten auf folgende Fragen:

1. „Wo bin ich?"
Keine Ahnung.

2. „Warum bin ich hier?"
Ich habe nicht den leisesten Schimmer.

3. „Wer hat mich hierher gebracht?" Das wüsste ich gerne.

4. „Wie lange werde ich noch hier bleiben?"
Das will ich eigentlich gar nicht so genau wissen.

Diese vier Fragen halten mich jede Nacht wach, und es scheint unmöglich zu sein auch nur eine von ihnen zu beantworten.

Nicht das ich es nicht versucht hätte.

Dennoch habe ich seit meiner Ankunft  vor fast zwei Wochen erbärmlich wenige Informationen gesammelt.

Ich habe festgestellt das meine ungefähr sechs Quadratmeter große Zelle zwei Türen und keine Fenster besitzt.

Die einzige Lichtquelle ist eine Glühbirne an der Decke, welche ca. 16 Stunden am Tag brennt.

Sie geht regelmäßig von alleine aus und ist somit die einzige Möglichkeit die Zeit im Überblick zu behalten, da ich vermute das sie Nachts ausgeschaltet wird.

Eine der beiden Türen führt in ein schlichtes Badezimmer und die andere kann nur von außen geöffnet werden, was eine Flucht unmöglich macht.

Ich vermutete außerdem das die Tür Schalldicht ist, den ich habe mir in den ersten fünf Tagen meiner Gefangenschaft die Kehle wund geschrien in der Hoffnung jemand würde mich hören und mir endlich meine Fragen beantworten.

Inzwischen habe ich es jedoch  aufgegeben, und verbringe die Tage größtenteils damit auf meiner Matratze zu liegen und im Schlaf immer wieder den selben Albtraum zu durchleben.

Ich weiß das ich dagegen nichts tun kann, denn so sehr ich mich auch bemühe das Schlafen hinauszuzögern ist sinnlos.

Also mache ich es mir auch heute so gemütlich wie es auf einer alten Matratze eben möglich ist und schlafe mit der stummen Bitte ein zumindest diese Nacht von meinem Albtraum verschont zu bleiben.

Die graue Betondecke der Zelle löst sich auf.

Über mir breitet sich ein klarer, blauer, wolkenloser Himmel auf.

Sonnenstrahlen lassen alles um mich herum hell leuchten.

Ich weiß sie sind angenehm warm. Ich kann jedoch nichts von der Wärme spüren. Im Gegenteil.

Mir ist kalt, so kalt das meine Zähne anfangen zu klappern und ich am ganzen Körper zitter.

WUT steigt in mir auf.
Ich will unbedingt in dieses warme Licht, und ich weiß auch wie...

Ich muss diese Zelle zerstören.
Ich WILL diese Zelle zerstören.

Auf einmal höre ich Rufe von unzähligen Stimmen über mir.

Ich schaue hoch und sehe weit oben im Himmel zahlreiche Hände die mich ins Licht hinaufziehen wollen, doch sie sind zu weit weg.

„Keira!", rufen sie „Keira, beeil dich! Du musst fliegen."

Jetzt bin ich wütend auf sie: „Ich kann doch gar nicht fliegen!", rufe ich, doch sie hören mir nicht zu.

Ich bin jetzt noch wütender und stehe unschlüssig da währen ich fieberhaft überlege was ich tun soll bevor die Sonne untergeht.

Es fängt bereits an zu demärn.

Wind steigt auf ,so stark das er mich beinahe umwirft.
Wolken verdecken jetzt den Himmel. Ich höre noch immer die Stimmen, aber die Hände sind verschwunden.

Ich spüre kalte Regentropfen auf meinem Gesicht.
Ich sehe verschwommen wie der Regen die Zelle weg spült. Als wäre sie aus Zucker.

Ich bin alleine.

Zu den Regentropfen auf meinem Gesicht mischen sich jetzt Tränen.

Ich höre es laut donnern und sehe einen Blitz.

Schweißgebadet erwache ich.

Ich reiße Panisch die Augen auf und sehe zu meiner Beruhigung im grellen Licht der Glühbirne meine Zelle.

Ich habe die ganze Nacht durchgeschlafen doch es fühlt sich an als hätte ich mich erst vor wenigen Minuten schlafen gelegt.

Sobald sich mein Puls beruhigt setze ich mich auf und gehe ins Badezimmer.

Ich spritze mir kaltes Wasser ins Gesicht und schaue in den Spiegel über dem Waschbecken.

Ich habe es die letzten Tage absichtlich gemieden in den Spiegel zu sehen, doch jetzt packt mich die Neugier.

Das Mädchen im Spiegel hat die selben dunkelblonden Haare, die selben grauen Augen, die selbe Nase und den selben Mund wie ich.

Aber das wars auch schon mit der Ähnlichkeit.

Ich habe die letzten Tage abgesehen von kaltem geschmacklosen, undefinierbaren Schleim nichts zu essen bekommen, was dafür gesorgt hat das meine Wangenknochen unnatürlich herausstehen.

Ich bin außerdem dünner als sonst und meine Haut sieht ungesund blass aus.

In meinem ganzen Leben habe ich noch nie so krank ausgesehen.

Ich werde wütend, sehr wütend.

Man hielt mich hier seit 11 Tagen eingesperrt und gab sich nicht einmal die Mühe mir etwas anständiges zu Essen und zu trinken zu geben!

Geschweige denn mir zu erklären warum ich hier festgehalten werde! Ich spanne meine Faust an und hohle aus.

Der Spiegel zerbricht in unzählige Splitter und noch im selben Moment verrauscht meine Wut. An stelle der Wut tritt nun Schmerz.

Ich habe in denn Spiegel geschlagen und nun pocht meine Hand und blutet leicht.

Benommen setze ich mich zurück auf die Matratze.

Ich sehe ein Loch in der Wand wo ein Teller mit der täglichen Babyportion grauem Schleim steht.
Dennoch verharre ich stundenlang in meiner Position und denke über das nach was gerade eben passiert ist.

Als mein Hunger dann unerträglich wird stehe ich auf und will auch schon nach meinem Teller greifen als das Licht ausgeht und die Tür krachend aufgestoßen wird.

VerflogenWhere stories live. Discover now