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 25 JAHRE SPÄTER

FREITAG, 15. OKTOBER 2010

Die Bewährungshilfe saß in einem schlichten, mausgrauen Verwaltungsgebäude mitten in der Stadt, das dem Landgericht angegliedert war. Ein heftiger Wind peitschte um das Gebäude und trieb abgerissene Äste, Plastiktüten und zerschlissene Tageszeitungen durch die Straßen.

Die Nachrichten vermeldeten einen Jahrhundertsturm, der vergangene Nacht enorme Schäden angerichtet hatte. Das öffentliche Nahverkehrssystem war gänzlich zusammengebrochen. Schräg stehende Autos und umgekippte Busse waren immer noch stumme Zeugen der Naturgewalten. Mehrere Menschen starben durch umstürzende Bäume und Strommasten und zahlreiche wurden durch umherfliegende Gegenstände verletzt. Der Sachschaden ging in Millionenhöhe. Marie Stresemann hatte kaum Notiz von den Nachrichten genommen. Sie hatte sich nur geärgert, dass sie eine kleine Ewigkeit auf die S-Bahn gewartet hatte. Mit anderen Menschen in einer geschlossenen Metallröhre eingesperrt zu sein, war ihr ein Gräuel. Sie hatte schon Probleme damit, wenn Gesprächspartner nicht die nötige Distanz einhielten und ihr zu dicht auf die Pelle rückten. Sie wusste, dass die meisten Menschen am Arbeitsplatz oder bei Freunden einen Abstand von circa 1,2 Metern als angenehm empfanden. Sie selbst kosteten bereits 1,2 Meter enorme Überwindung und Selbstbeherrschung. Der anschließenden Fahrt in einem zum Bersten gefüllten und überhitzten Bus war sie aber nicht gewachsen. Schweißgebadet quetschte sie sich durch die Fahrgäste ins Freie, atmete tief ein und genoss den stürmischen Wind, der ihre kurzen dunklen Haare zerzauste.

Sie trug einen Trenchcoat, unter dem ein schwarzer Rollkragenpullover hervorsah, dazu eine enge Jeans und bequeme Turnschuhe. Genau die richtigen Schuhe um die letzten eineinhalb Kilometer zu Fuß zu laufen.

Und dabei sollte heute ihr großer Tag werden.

Nach dem Studium, einem Anerkennungsjahr und einer erfolgreich abgeschlossenen Probezeit war sie vor zwei Jahren mit der Vergütungsklasse A9 verbeamtet und hierher versetzt worden. Ihr Gehalt war, verglichen mit dem ehemaliger Studienkolleginnen in der freien Industrie, eine, wie sie es gerne ausdrückte, »echte Herausforderung«.

Ihr Chef hatte beschlossen, ihr mit nur neunundzwanzig Jahren die Position eines im Krankenstand befindlichen Kollegen zu übertragen, dessen Klienten nicht nur Bagatelldelikte und kleine Verbrechen begangen hatten, sondern zur Klasse der Schwerverbrecher zählten und zur Betreuungsgruppe III und IV der sogenannten »Dittmannliste«, einer Kriterienliste aus der Forensik, gehörten. Betreuungsgruppe III und IV bedeutete »hohes Rückfallrisiko bezogen auf die direkte Gefahr für Leib und Leben Dritter«. Bezahlt hatte ihr Vorgänger diese anspruchsvolle Aufgabe mit einem Schädelbasisbruch und künstlichem Koma, als er eines seiner besserungsresistenten Schäfchen wieder der Haftvollzugsanstalt überstellen wollte. Die »risikoorientierte Intervention«, so der Fachjargon, war gescheitert.

Die meisten ihrer älteren Kollegen zweifelten diese Personalentscheidung eindeutig an, doch ihr Chef hatte die Entwicklung der jungen Frau aufmerksam verfolgt und war erstaunt gewesen, wie stark und selbstbewusst sie ihre Klienten wieder auf die richtige Bahn brachte. Ihre Erfolgsquote war überdurchschnittlich. Er fand, es war an der Zeit, ihr anspruchsvollere Aufgaben zu übergeben.

Einer dieser anspruchsvollen Fälle der Betreuungsgruppe IV war ein bekennender Neonazi. Er sollte am Morgen zum Erstgespräch in der Behörde erscheinen. Das war ungefähr so, als wenn ein junger Chirurg seine erste eigene OP durchführte oder der Co-Pilot endlich zum Piloten wurde. Je komplizierter die Operation oder je mächtiger der Flieger, umso größer die Aufregung.

Marie Stresemann hatte sich gut vorbereitet, die meisten Fakten kannte sie inzwischen auswendig: Karl Rieger, vierunddreißig Jahre alt, geboren in Anklam, Mecklenburg- Vorpommern, Vater Stasi-Vergangenheit. 1992, im Alter von sechzehn Jahren, wurde er erstmals aktenkundig bei Brandanschlägen auf das Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen. Karl Rieger wurde damals als Mitläufer eingestuft, nach kurzem Aufenthalt in Untersuchungshaft aber wieder auf freien Fuß gesetzt. Der hochbegabte Sohn aus akademischem Elternhaus siedelte mit zweiundzwanzig nach München um und studierte dort an der Ludwig-Maximilians- Universität Geschichte. Eine schwere Körperverletzung an einem dunkelhäutigen Kommilitonen sowie seine nicht autorisierte Diplomarbeit mit dem Titel »Studien und Beweisführung zur Belegung der Holocaust-Lüge« führten zur Exmatrikulation. Nach seinem Ausschluss übernahm er die Leitung der »Kameradschaft Süd«, der größten Neonazi-Organisation in Bayern, und war laut Staatsanwaltschaft mutmaßlich an einem Bombenattentat zur Grundsteinlegung des geplanten jüdischen Kulturzentrums in München beteiligt. Dies konnte ihm aber nie zweifelsfrei nachgewiesen werden. Er zog schließlich zurück in den Osten, in die Stadt, in der er wegen Erpressung und schwerer Körperverletzung zu drei Jahren Haft verurteilt wurde, nun aber bereits nach fünfzehn Monaten unter »Führungsaufsicht« – und damit war Marie gemeint – auf Bewährung freikam.

Ja, das war es, wofür sie gebüffelt und studiert hatte, das war genau die Herausforderung, auf die sie seit Jahren wartete. Und nun kam sie eine halbe Stunde zu spät. Murat Demirs äußeres Erscheinungsbild entsprach in gewisser Weise einer Uniformität, mit der sich Sozialpädagogen gerne zu erkennen gaben.

Seine langen Haare bedeckten den Kopf nur noch an wenigen Stellen und waren zu einem dünnen Pferdeschwanz zusammengebunden. Eine schmale, abgegriffene Lesebrille baumelte über einem rot-weiß karierten Baumwollhemd, das in einer dunkelbraunen, abgewetzten Cordhose steckte. Seine Laufschuhe hatten auch schon bessere Tage gesehen. Die Nikotinflecken an seinen Fingern, die wild wuchernden Bartstoppel und die schwarzen Haare, die ihm aus Nase und Ohren wuchsen, all das passte in das Bild eines berufserfahrenen Streetworkers. Nur eines widersprach diesem Klischee: Murat Demir hatte einen äußerst gut trainierten Körper, und der kam nicht vom Laufen, einem Sport, dem viele seiner Kollegen frönten. Laufen war nicht das, was ihm in kritischen Situationen auf der Straße weiterhalf – und die Straße war sein Arbeitsplatz.

Murat Demir trainierte regelmäßig und ausgiebig Jiu Jitsu, eine waffenlose Technik zur Selbstverteidigung. Es war genau diese Mischung aus sozialpädagogischem Anstrich und körperlicher Präsenz, die ihn auf der Straße Erfolg verschafft hatte. Seine Klienten schätzten ihn nicht nur, sie respektierten ihn auch.

Sicher lag das auch daran, dass Murat nur bis zu einem gewissen Grad mit salbungsvoller Stimmlage auf die Kraft der Rhetorik setzte. Reizte man ihn zu sehr, ging sein Temperament mit ihm durch, was ihm schon zwei disziplinäre Verwarnungen eingebracht hatte. Dennoch schätzten ihn auch seine Vorgesetzten, denn kaum einer hatte bei den »Härtefällen« so viel Erfolg wie Murat. Entsprechend groß war auch sein Ego, das er gerne im Amt zur Schau stellte. 

TURMSCHATTEN (WattyWinner 2019)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt