2. 1 - The Script - »If you could see me now«

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Sarah - 2 Wochen vor dem Abflug

Die Prüfungen waren nun seit über einer Woche vorüber und ich hatte sogar mit guten Noten meinen Abschluss gemacht. Aber fühlte ich mich jetzt so, wie ich es mir immer vorgestellt hatte? Waren diese Freiheit und Leichtigkeit spürbar, von der ich geträumt hatte? Nein, keine Spur davon, kein Funken von Unbeschwertheit – alles, was ich empfinden konnte, waren Wut und Trauer. So stark, dass sie mir manchmal die Luft nahmen. Es hätte alles anders kommen sollen, aber da wollte das Leben wohl einfach nicht mitspielen.
Keine Woche nachdem Großmutter ins Krankenhaus gekommen war, hatte sie einen zweiten Infarkt erlitten, den sie nicht überlebte. Und das, obwohl sie unter Aufsicht der Ärzte und Krankenschwestern gestanden hatte.
Was hatten die getan? Geschlafen oder Karten gespielt? Anders konnte ich mir nicht erklären, wie ein Mensch unter deren Fingern einfach wegsterben konnte. Ein warmherziger, witziger, liebevoller Mensch – in einem Moment noch hier und im nächsten für immer verschwunden. Es war wie ein böser Traum, aus dem ich einfach nicht aufwachte, egal, was ich tat.

Mit halb geschlossenen Lidern blickte ich auf das Flugticket. Es lag vor mir auf dem Schreibtisch und ich drehte es immer wieder mit der linken Hand um, unentschlossen, was ich damit machen sollte. Sowieso wusste ich nicht mehr viel – weder, was ich mit mir noch, was ich mit meinem ganzen Leben anfangen sollte. Ich war ratlos und es war niemand mehr hier, der mir Ratschläge geben konnte.

Meine Beine hatte ich unter dem Drehsessel verkeilt und mein Kopf ruhte auf dem Arm, mit dem ich mich auf dem Tisch abstützte. Diese Position behielt ich bereits seit einer halben Stunde bei und allmählich bemerkte ich Verspannungen im Nacken sowie ein Ziehen im Arm. Aber auch der Schmerz in meinem Körper half nicht, die Trauer zu ersticken. Ich unterdrückte die Tränen und schluckte die Bitterkeit hinunter. Trotzdem zitterte meine Unterlippe vor stummem Kummer und ich atmete einige Male tief ein. Die letzten Tage und Wochen hatte ich fast ständig geweint, wenn ich alleine war. Und langsam glaubte ich, keine Flüssigkeit mehr in mir zu haben. Aber das verhinderte nicht, dass meine Brust und meine Kehle eng wurden, bis ich keine Luft mehr bekam. Es fühlte sich an, als würde mein Kiefer bersten, da ich meine Zähne so fest aufeinanderpresste, um der Traurigkeit Herr zu werden. Aber es half nichts, es gab nichts, das helfen konnte.

Nat hatte die letzten zwei Wochen nach dem Tod unserer Großmutter hier geschlafen, war gestern Abend aber wieder Richtung Wien gefahren. Seitdem wusste ich nichts mehr mit mir anzufangen. Die Wohnung erdrückte mich, jetzt, wo ich ganz alleine hier saß. Ich musste auf der Stelle raus, bevor ich keine Luft mehr bekam.

***

Eine halbe Stunde später kam ich am Friedhof an. Mit einem kleinen Blumenstrauß in den Händen und hängendem Kopf marschierte ich zu Großmutters Grab. Ich musste mit ihr reden, auch wenn sie mir nicht mehr antworten konnte. Obwohl es vielleicht bizarr klang, war ich ihr am Friedhof immer noch näher als in unserer Wohnung. Dort konnte ich im Geiste ihr ansteckendes Lächeln sehen, ihre Lebensfreude spüren, die sie immer wieder versucht hatte, an uns weiterzugeben.
Kurz bevor ich um die letzte Ecke bog, hörte ich eine mir bekannte Stimme. Eine, die mich stolpern ließ und mich fast dazu brachte, den Strauß fallenzulassen.

Was hat sie hier zu suchen, jetzt, nachdem alles vorbei ist? Bis auf ein paar Schluchzer zwischen den Worten klang sie eigentlich normal, doch bei ihr konnte man sich nie ganz sicher sein.
Was will sie?

Plötzlich fühlte ich mich wieder unsicher und verängstigt wie ein kleines Kind. Langsam ging ich ein paar Schritte weiter und schielte, hinter einem Baumstamm verborgen, zum Grab hinüber. Dort saß sie, die blonden verfilzten Haare waren länger als letztes Mal. Sie fielen über ihre Schultern, die unter dem löchrigen dunklen Trägertop hager wirkten.

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