dreiundzwanzig / twenty-three / vingt-trois.-

Nachdem ich schließlich nach einer kurzen Nacht um kurz nach Mittag aufwache, sehe ich mich verwirrt im Zimmer um. Nur mein offenes Fenster, welches ich gestern anscheinend vergessen hatte zu schließen, und meine dunklen Erinnerungen, die wegen meiner Müdigkeit stark verschleiert werden, sagen mir noch, dass Savannah gestern Nacht wirklich über unsere Leiter aus dem Garten in mein Zimmer geklettert ist und mir von ihrem Vorhaben erzählt hat. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, klingt es für mich wie ein schlechter Traum.

Ich greife reflexartig nach meinem Handy, suche ihren Kontakt in WhatsApp raus und schaue nach, wann sie zuletzt online war. Irgendwann mitten in der Nacht, vermutlich beim Rückweg zur Klinik, hat sie das letzte Mal zu ihrem Handy gegriffen und Whatsapp abgecheckt.

Ich seufze und weiß nicht wirklich, was ich davon halten soll. Sollte ich jemandem Bescheid geben? Sollte ich ihr, zu ihrer eigenen Sicherheit, in den Rücken fallen und sie sozusagen verpetzen, wie man es damals in der Vorschule getan hat, wenn jemand irgendeine Kleinigkeit angestellt hat?

Fragen über Fragen, und noch dazu ihre letzten Worte, schwirren in meinem Kopf herum wie ein schlechter Ohrwurm. Der Gedanke, einfach mit meinem Vater Kontakt aufzunehmen, um endlich für eine kurze Zeit von hier verschwinden zu können, klingt mehr als nur verlockend und so unglaublich einfach. Ich frage mich, wieso ich nicht von alleine auf diese Idee gekommen bin.

Ich stehe auf, fahre mir kurz durch meine Haare und beschließe, in die Küche zu gehen und mir einen Kaffee zu machen.

Unser Flur sowie alle Zimmer sind leer, umso besser für mich, denn auf eine Konfrontation mit meiner Mutter hätte ich keine Lust gehabt und meine Nerven hätten es erst recht nicht ertragen.

Ich schalte unsere laute Kaffeemaschine ein und richte alles her, um mir einen starken Espresso machen zu können. Es ist viel zu wenig Schlaf, den ich in letzter Zeit bekomme und das merkt man meinem Körper und seinen grässlichen Augenringen mittlerweile auch an. Ich blicke in Gedanken versunken aus dem Fenster. Die Sonne scheint draußen, und das völlig unpassend, aber ich finde schnell Gefallen an dem Gedanken, dass Savannah die Stadt an ihren schönsten Tagen hinter sich lässt.

Nachdem der Espresso fertig ist, greife ich nach meiner Tasse und laufe in unser Wohnzimmer. Ich verbringe wenig Zeit hier und habe mich auch nie oft mit den anderen Räumen in unserem Haus beschäftigt, da es mir nie als relevant erschienen ist.

Was, wenn die Sache mit Europa tatsächlich so einfach zu regeln sein könnte? Ich hätte viel früher daran denken können, einfach mit meinem Vater Kontakt aufzunehmen, aber der sture Kopf meiner Mutter und ihre Enttäuschung hatten mich immer daran gehindert, nach ihm zu fragen. Ich weiß nicht einmal, wo genau er wohnt, obwohl es mein leiblicher Vater ist und er mir damals alles bedeutet hat.

Ratlos sehe ich mich im Raum um. Alle Informationen, die ich über meinen Vater ausfindig machen könnte, befinden sich entweder hier oder in Mum's Büro. Der Gedanke, dass er einfach abgehauen ist ohne etwas zu hinterlassen und sich nun irgendwo, Kilometer von uns entfernt, ein neues Leben aufgebaut hat, stimmt mich traurig und ich glaube ihn nicht. Mein Vater ist, oder war damals zumindest einer dieser Menschen, die immer sofort bei allem Informationen hinterließen, um andere Leute nicht unwissend im Regen stehen zu lassen.

Ich laufe zum ersten Regal und schaue auf die riesigen Blätterhaufen und Ordner. Alles zu durchwühlen und auch wieder so hinzulegen, wie es noch im Moment ist, wird mich eine Ewigkeit kosten.

Ich lasse mich auf unserem Fußboden nieder und arbeite mich langsam durch all die Stapel durch. Ordner voller Papiere, wichtige Unterlagen, kleine Zettelchen und irrelevante Notizen fallen mir entgegen. Sogar eine alte Zeichnung von mir, die ich wohl im Kindergarten gezeichnet haben muss, taucht auf.

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