Teil 1

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Teil 1 

Das war also das, wofür ich den ganzen Sommer lang gearbeitet hatte. An jedem heißen Tag  kellnerte ich in diesem Café, wo mir dicke Bauarbeiter, die in dem Alter meines Opas waren auf den Po glotzen, kleine Kinder ihr Eis auf meine Schuhe fallen ließen oder manche Menschen die dachten sie wären etwas ganz besonderes dauernd Extrawünsche hatten.

„ Ich möchte aber eine dreilagige Serviette, diese hier ist nur 2 lagig." höre ich die Stimmen immernoch in meinem Kopf rumschwirren. Und das ist kein Witz oder gar übertrieben, sowas konnte ich mir jeden Tag, den ganzen Sommer lang anhören, nur um mir die Studiengebühren zahlen zu können. Nichtsdestotrotz, hatte ich am Ende genug Geld zusammen und das war schließlich auch mein Ziel gewesen. 

Schon so lange träumte ich schon von diesem Tag. Endlich war ich frei oder zu mindestens war das ein Schritt in diese Richtung. Nichts hatte ich mir sehnlicher gewünscht, als unabhängig zu sein. Weg von Michigan. Weg von den Problemen.

Ich stehe hier vor der Ohio University und das ist das was als einzigste für mich im Moment zählt. Meine Augen sind auf das große Backsteingebäude gerichtet. Die Sonne scheint und eine leichte Brise von Wind weht um die Straßen. Das perfekte Wetter für eine schwarze Jeans und einen lockeren weißen Pullover. Ich musterte mich selber und bemerkte, dass der Schnürsenkel meines linken Stiefels offen war. Mit einem leisen Seufzer beugte ich mich und stopfte die Schnürsenkel einfach in meine Boots hinein, mit der Hoffnung sie würden dort bleiben. Ich hatte mir diese Lederboots erst vor drei Tagen gegönnt. Sie sind schwarz und gehen mir knapp bis zum Knöchel. Meine anderen waren schon so abgenutzt und abgetragen, dass es Zeit für neue war. Anfangs taten sie noch weh, aber nachdem ich sie erstmal eingelaufen hatte, zog ich keine anderen mehr an. Um mich herum, standen weinende Mütter und Väter mit stolzen Gesichtsausdrücken. Ich stellte mir vor wie es wäre, wenn meine Eltern da wären. Mein biologischer Vater oder auch Das Biest" genannt würde wahrscheinlich nur im Auto sitzen, während meine Mutter sich von mir verabschiedete. Ihr matten blauen Augen würden mich ansehen. Sie würde sich von mir verabschieden und kein Funken von Emotion zeigen.

Ehrlich gesagt vergoss ich keine Träne oder spürte etwas wie Trauer in mir. Ich hasste meine Mutter nicht, doch was sie mir angetan hatte, würde ich ihr nie verzeihen. Es regte mich auf, dass ich ausgerechnet heute daran dachte. Ich wollte nicht an meine Eltern denken. 

Auf meiner Schulter ist der Gurt meiner braunen Reisetasche ein wenig runtergerutscht, also zog ich ihn ein wenig hoch, bevor ich mich auf den Weg zum Eingang machte. Wie lange ich wohl schon so da stand? Ich war völlig in meinen Gedanken verloren gewesen, dass ich komplett meine Umgebung vergaß und nichtmal gemerkt hatte, dass ich meine Augen geschlossen hatte. Das leise zwitschern der Vögel war zu hören, die den restlichen Spätsommer noch genossen, bevor sich die Blätter endgültig in diversen brauntönen färbten und anschließend abfielen. Ein seltsames Gefühl von Nervosität machte sich tief in meinem inneren breit, während ich beinahe an der Tür ankam. Was war nur los mit mir? Ich war doch sonst nie nervös? Wahrscheinlich gehört das zum ersten Tag im College dazu. Wenn man niemanden kennt und Fremd ist, ist es doch eigentlich verständlich. Mit Mühe überspielte ich einfach diese nervige Emotion und öffnete die schweren Türen des Gebäudes. Als ich hereintrat fühlte ich mich plötzlich wie in einer ganz anderen Welt. Auf dem Campus waren kaum Stundenden gewesen, und wenn waren es schon 2 Semester, doch hier was es voll mit Menschen. Die meisten Neuankömmlinge, erkannte man an ihren Gesichter, auf denen praktisch ein Fragezeichen drauf gestempelt war. Sie hielten Stapel von Blättern in ihrer Hand und waren sichtlich überfordert mit ihrem Gepäck. Einige von ihnen rannten in völliger Hektik zu den wenigen Professoren, die hier ihr Unwesen trieben und fragten nach den Räumen. Im inneren dankte ich mir selber, dass ich am Tag der offenen Tür mir schon das College angesehen hatte und ganz genau wusste wo sich was befand. Die Schule hatte ich mir vorallem ausgesucht, weil sie ganz weit weg von Montana war und natürlich auch aufgrund ihrer guten Bewertungen. Die Aula hatte hohe Wände und viele Fenster, sodass einzelne Sonnenstrahlen auf den Boden fielen. Das Schönste ist jedoch die runde Glaskuppel, die als Dach diente. Das gab der dunkelbraunen Einrichtung einen gewissen Charme. Die Wohngemeinschaften befanden sich in der Nähe der Schule, doch erstmal musste ich mir meinen Zimmerschlüssel im Sekretariat abholen. Auf meiner linken Schulter befand sich noch immer meine braune Reisetasche und in meiner rechten Hand hielt ich meine Handtasche. Mühsam schleppte ich mich die Stufen hinauf und hielt mich am Geländer fest um nicht in jedem Moment nach hinten zu fallen. Viele Studenten kam mir mit ihren Koffer entgegen, sodass es ziemlich eng und mühsam war, die einzelnen Stufen zu besteigen. Beinahe flog ich die Treppen herunter, da mich ein Kerl mit seiner Schulter anrempelte, doch dann konnte ich das Gleichgewicht finden und mich ans Treppengeländer klammern. Ich schloss kurz die Augen und versuchte meine Atmung erneuert in einen gleichmäßigen Rhythmus zu bekommen. Meine Laune würde mir nichts und niemand versauen

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