~L. Jodie~

„Danke." , presste ich am Ende der Stunde notgedrungen hervor.

Reece, der gerade seine Sachen einpackte, hielt in seiner Bewegung inne, ehe er mit den Schultern zuckte und dann sein Mäppchen in die Tasche schmiss.

„Kein Problem. Er kann mich sowieso nicht leiden." , erwiderte Reece, bevor er aufstand und sich zum Gehen wenden wollte.

„Reece?" , rief ich und er drehte sich nochmals um.

„Wirklich, danke." , wiederholte ich, weil das erste Mal nicht sonderlich überzeugend rüber kam. Ich war verwirrt von seinem komischen Verhalten. Jetzt zum Beispiel hatte ich das Gefühl, dass er nichts lieber wollte, als so schnell wie möglich von mir weg zu kommen. Aber was würde das für einen Sinn ergeben?

„Race!" , rief plötzlich jemand und sowohl ich, als auch mein Gegenüber zuckten merklich zusammen.

„Würdest du bitte nicht so rumschreien, Finn?" , tadelte Mr. Court einen Jungen mit schwarzen Haaren, der aufgeregt auf uns zulief. Schon aus meterweiter Entfernung konnte ich seine Tattoos erkennen, die seinen gesamten Arm schmückten.

„Was gibt's?" , erwiderte Reece, als Finn vor uns stand.

„Eigentlich hatte Jack es vor dir zusagen, aber das mit nächster Woche geht klar." Freudestrahlend sah er zu Reece, der sich auch ein Lächeln abgewinnen konnte.

Dann fiel Finns Blick auf mich. „Oh, hey! Wir kennen uns noch nicht. Ich in Finn und du bist sicher Madison Crawley, oder?"

„Nur Maddie, bitte." , entgegnete ich freundlich.

„Race hat schon viel..." , fing er an, aber er konnte seinen Satz nicht beenden. „Halt die Klappe, Finn!" , fuhr im Reece, offenbar ziemlich genervt, dazwischen.

„Naja, wie auch immer." , murmelte sein Freund daraufhin leise vor sich hin. „Hey, Ron würde sich sicher freuen, wenn du mit uns Mittag-..."

„Sie hat besseres zu tun!" , unterbrach in Reece erneut. Dieses Mal konnte man die Wut regelrecht greifen. Was hatte er für ein verdammtes Problem? Sein Freund lädt mich zum Mittagessen ein, weil Ronnie sich darüber freuen würde und er will mich offensichtlich einfach nur loswerden. Konnte Reece sich mal für eine Seite entscheiden? Entweder nett oder abweisend.

„Habt ihr denn jetzt keinen Unterricht?" , mischte sich Mr. Court ein, wobei Reece über die Störung ziemlich erfreut zu seien schien. Kein Wunder.

„Ich geh dann mal." , sagte ich, da ich keine Lust mehr hatte hier blöd herum zu stehen. Dass Reece mir das Buch geliehen hatte war nett gewesen, aber sein kaltes Verhalten kostete mir alle Nerven und wollte ich mir auch nicht länger als nötig antun.

Zum Abschied wandte ich mich mit einem Lächeln an Finn. Dann rauschte ich an den beiden vorbei nach draußen in meinen nächsten Unterricht.

-

„Wenn du mich fragst, hat der Typ so einen an der Klatsche!" , beschwerte ich mich bei Alison und Cassie in der Mittagspause. Die beiden hätten mir, wie jeder normale Mensch eigentlich Recht geben sollen, aber stattdessen tauschten sie nur zweifelnde Blicke aus.

„Oder etwa nicht?" , fragte ich nach, ehe ich mir gefrustet einen Gabel Nudeln in den Mund schob.

„Naja, Reece ist etwas schwierig, aber ich bin mir sicher, dass er das nicht mit Absicht macht. Oder es ist ihm einfach nicht bewusst..." , versuchte Ali Partei für ihn zu ergreifen.

„Es ist ihm nicht bewusst? Komm schon, Ali! Wie kann einem das nicht auffallen?" Empört ließ ich meine Gabel lautstark auf den Teller krachen, wofür ich ein paar komische Blicke von den Menschen, die neben uns saßen erntete.

„Halt dich einfach von ihm fern, Maddie. Er ist so wie er ist. Das ist leider nicht zu ändern. Ihn wirst du vermutlich nie verstehen." , wandte Cassie ein.

Die beiden hatten vermutlich Recht. Ich durfte mich nicht so über ihn aufregen. Das war es wirklich nicht wert. Etwas lustlos stocherte ich in meinem Essen rum, als die Türe zur Mensa aufging und niemand anders als Reece hereinspazierte. Ich könnte bei den Blicken der Mädchen wetten, dass ihm alle zu Füßen lagen. Er musste bestimmt nur einmal mit dem Finger schnippen und schon hätte er eine Freundin.

Aber anders, als ich es erwartete hätte, schien er das Ganze nicht auszunutzen. Irgendwie schien es ihm...egal zu sein? Cassie und Ali hatten Recht. Er war einfach nicht zu durchschauen. Und das hasste ich. Leute, die kein offenes Buch für jeden waren, waren interessant. Und ich wollte nicht, dass er interessant für mich war.

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„Wie hat euch das erste Kapitel gefallen?" , fragte Mr. Moretti in unseren Sitzkreis. Wir hatten allesamt das Buch auf unserem Schoß liegen und hatten es uns auf unseren Kissen bequem gemacht. Alle sahen ziemlich entspannt aus. Ich wünschte, dass ich es auch sein könnte. Ein weiteres Kapitel in diesem Buch zu lesen, bereitete mir Bauchschmerzen.

„Nate?" , fragte er den blauhaarigen Jungen, neben Reece.

„Mir gefiel die Art, wie das Buch begonnen wurde. Es macht einen neugierig auf das, was passiert ist." , beantwortete er die Frage, so wie vermutlich jeder im Raum sie beantwortet hätte.

„Es wird davon gesprochen, dass der Protagonist nichts bereut, obwohl ihm Leid wiederfahren ist. Was könnte der Grund dafür sein?"

Meine Hand schnellte in die Höhe, bevor ich es wirklich kontrollieren konnte. Ich hatte keine Ahnung warum ich mich gemeldet hatte. Vielleicht, weil mir die Antwort auf der Seele brannte oder, weil ich sie selbst nicht einmal genau wusste.

„Die-, ich meine der Protagonist redet davon, dass, wenn er diese Entscheidung damals nicht getroffen hätte, das Liebste in seinem Leben nicht mehr da wäre." , gab ich den Inhalt des Satzes wieder.

„Sehr gut. Wie ich sehe, hast du schon weiter gelesen." , erwiderte Mr. Moretti zufrieden. Eigentlich nicht. „Was könnte also das Liebste sein, das ein Mensch haben kann? Reece?"

Mein Kopf schnellte in seine Richtung. „So wie es klingt, redet die Protagonistin von ihrem Partner oder Ehemann. Vielleicht von ihrer Familie." , beantwortete er die Frage.

„Wie ich sehe, habt ihr eure Hausaufgaben gemacht. Bevor wir nun weiterlesen, möchte ich..." Unser Lehrer stoppte mitten im Satz, als sich ein Mädchen meldete.

„Ist die Geschichte reine Fiktion?" , fragte sie, während ich mich bemühte neutral zu schauen.

„Das ist die Frage, Lindsay. Fiktion oder nicht? Leider kann ich dir das nicht beantworten. Die Autorin oder der Autor bleibt unbekannt." Mr. Moretti legte eine kurze Pause ein, ehe er fortfuhr: „L. Jodie ist ein Pseudonym. Wir können nur rätseln."

Unwohl starrte ich auf das Exemplar vor mir.

„Was ich nun möchte ist , dass ihr euch als Hausaufgabe die ersten fünf Kapitel durchlest. Ihr könnt nun damit anfangen. Vergesst nicht euch besondere stilistische oder auch literarische Merkmale notieren. Wir besprechen eure Ergebnisse dann nächste Stunde."

Als ich wieder aufsah, ertappte ich Reece dabei, wie er mich angesehen hatte. Merkwürdiger Weise wandte er nicht wie jeder andere, der beim Starren erwischt worden war, sofort den Blick ab.

Nein, er sah mich noch weiter nachdenklich an, ehe er zu seinem Buch griff und es in der Mitte aufschlug. Er hatte schon weiter gelesen.

Ich musste mich wirklich unauffälliger verhalten.

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Hey, 

Ich hoffe, ihr mochtet das Kapitel:) 

Habt ihr Vermutungen, was Reece' Problem ist? 

Und was hat es mit diesem Buch auf sich? 
Ahnt Reece etwas? 

Ich freue mich auf eure Vermutungen. :) 

Eure Liz <3 



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