Leseprobe

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Sicherlich würde George Michael es nicht sonderlich gutheißen, ausgerechnet an Heiligabend vom lauten Scheppern eines Klingeltons unterbrochen zu werden. Alex warf einen Blick auf den Bildschirm des kleinen Bluetooth-Gerätes auf der Fahrerseite und seufzte genervt.

»Es ist meine Mutter.«

Ich sah auf meine Armbanduhr. Kurz vor halb drei. Wir lagen gut in der Zeit. »Jetzt geh schon ran«, murmelte ich und öffnete eine Dose Red Bull. Der Verschluss klackte und das bräunliche Getränk spritzte in alle Richtungen.

Mein Freund drückte auf die Taste mit dem grünen Hörer und sagte betont höflich: »Fröhliche Weihnachten, Mama!«

Innerlich verdrehte ich die Augen, doch ich hatte mir geschworen, heute meinen Mund zu halten. Der Tag hatte so gut angefangen, doch allein der Gedanke, zu Alex' Familie zu fahren, bereitete mir ein fieses Magengrummeln.

»Wo seid ihr?«, dröhnte Irmis schrille Stimme durch das Auto. Verflucht sei diese verdammte Freisprechanlage! Alex stieg mit einem Mal voll in die Eisen, da sich ein lebensmüder Mercedesfahrer, der aus heiterem Himmel aufgetaucht war, direkt in die Lücke vor uns drängte und uns ausbremste. Wer brauchte schon einen Sicherheitsabstand zu seinem Vordermann? Ich war gerade dabei gewesen, einen Schluck zu trinken und spuckte das nach Gummibärchen schmeckende Gesöff vor Schreck direkt wieder aus. Fasziniert und gleichzeitig ein wenig angeekelt betrachtete ich die Tropfen, die an der Windschutzscheibe hinabliefen.

»Verfluchter Penner!«, schrie Alex aus vollem Halse und erntete ein entrüstetes Schnauben seiner Mutter.

»Bitte was?«

»Nicht du. Heute sind wieder nur Vollidioten unterwegs.«

»Aha. Also, wo zur Hölle seid ihr? Wir warten seit Stunden mit dem Mittagessen auf euch!«

Meine Augenbrauen begannen, verdächtig zu zucken, während ich die Scheibe abwischte. Diese Frau trieb mich irgendwann noch vollends in den Wahnsinn.

»Äääähm ...«

»Christina hat gesagt, wir sollen um halb vier bei euch sein«, antwortete ich und versuchte, den anklagenden Unterton in meiner Stimme nicht durchklingen zu lassen. Alex' Hände umfassten das Lenkrad mittlerweile so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Es war kein Geheimnis. Irmi, seine Mutter, brachte ihn mit ihrem Gemecker zur Weißglut. Jedes Jahr aufs Neue nahmen wir uns vor, über die Weihnachtsfeiertage in den Urlaub zu fliegen. Weg von den nervigen familiären Verpflichtungen, den anstrengenden Autofahrten und den endlosen Monologen meiner Schwiegermutter in spe.

Normalerweise verbrachten wir Heiligabend immer bei meiner Familie und fuhren dann am ersten Feiertag zu der anderen. Meine Eltern hatten jedoch entschieden, dieses Jahr Weihnachten bei meiner Oma zu verbringen. Um den Kindern eine Freude zu bereiten, hatte sich meine Schwester geopfert und war mit ihrem Mann und den zwei Kindern zu den Schwiegereltern gefahren. Diese waren übrigens nicht weniger schlimm als meine. So blieb uns keine Ausrede mehr, um daheimbleiben zu können.

»Nein, sie sagte, ihr solltet pünktlich um eins da sein, weil wir alle zusammen Mittagessen wollten!«, schimpfte Irmi und ich sah sie regelrecht vor mir, wie sie wutschnaubend im Wohnzimmer umhertigerte. Theatralisch warf ich mein Haupt zur Seite und blickte Alex mit hochgezogenen Augenbrauen fragend an. Dieser seufzte erneut und schüttelte den Kopf.

»Wir sind in 40 Minuten da. Jetzt reg dich ab, sonst drehen wir direkt wieder um.« Oh ja, bitte!, ging es mir durch den Kopf, ich vermied jedoch, diesen Gedanken laut auszusprechen. Alex' Familie war bei uns immer ein Streitthema. Wenn Irmi - oder noch schlimmer! - seine Oma riefen, verfiel die gesamte Familie in eine panische Aufbruchstimmung, um so schnell wie möglich zu kommen. Widerworte wurden nicht akzeptiert. Alex hatte mir irgendwann mal erklärt, dass er keine Lust darauf habe, immer der Böse zu sein und sich deswegen fügte. Naja, seitdem war ich es, da ich kein Blatt vor den Mund nahm. Heute jedoch würde ich mich beherrschen. Alex zuliebe. Ich hatte es ihm versprochen und wir würden einfach das Beste daraus machen.

»Aber ...«

Er legte einfach auf und ließ seine Mutter nicht weiter zu Worte kommen.

»Schatz?«, fragte ich zögerlich und schwenke den Rest des Energydrinks in der Dose hin und her.

»Hmh?«, grummelte er. Oh oh! Jetzt hatte er schlechte Laune.

»Könnten wir bitte nochmal anhalten? Ich muss mal ...« Er stöhnte auf und schüttelte ungläubig den Kopf.

»Ach Juli ... Siehst du das gelbe M am Horizont? Dort fahre ich raus.«

»Danke. Du bist der Beste.«

Wir sahen Irmi schon von weitem. Sie turnte auf dem Gehweg herum und streute Salz auf jeden Flecken Erde, der von zartem Weiß bedeckt war. In der letzten halben Stunde waren wir durch dichtes Schneetreiben gefahren, das immer schlimmer wurde, je näher wir unserem Ziel kamen. Auch, wenn ich dem sonst nicht abgeneigt war, hätte der Moment nicht unpassender sein können, denn kaum fiel die erste Flocke vom Himmel, staute es sich auf der Autobahn. Alex fluchte wie ein Rohrspatz und ich drehte das Radio lauter. Last Christmas lief in Dauerschleife, denn anscheinend wollte der Sender den Weltrekord brechen. An Alex' Schläfe konnte ich eine Ader pochen sehen, doch er schwieg. Er war Kummer mit mir gewohnt und konnte froh sein, dass ich nicht lautstark mitgrölte.

»Juuhuuuuuu«, brüllte Irmi und stand wild mit den Armen herumfuchtelnd in der Einfahrt.

»Sicher, dass du das wirklich willst?«, fragte ich und konnte den Blick nicht von dem menschlichen Hampelmann abwenden.

»Nein«, antwortete Alex und machte eine eindeutige Geste, dass sie vom Parkplatz verschwinden soll. »Lächeln, nicken und winken. Wie die Pinguine aus Madagascar

»Okay ...« Ich setzte mein natürlichstes Lächeln auf und zupfte meinen braunen Fransenpony noch einmal zurecht.

»Oh nein, versuch es gar nicht erst! Du siehst aus wie der Grinch!«

Mein Lächeln verschwand schlagartig und ich starrte ihn böse an.

»Du bist ein Arsch.«

»Ich hab dich auch lieb, Baby.«

Im nächsten Moment riss Irmi die Fahrertür auf. »Mein Junge!« Er stieg aus und fand sich sofort im Klammergriff seiner Mutter wieder. Sie bedeckte sein Gesicht mit feuchten, schlabbrigen Küssen, während er stocksteif dastand. Ich verzog angewidert den Mund und ging zum Kofferraum, um unsere Reisetasche herauszuholen. In diesem Moment entdeckte sie mich.'

»Ach, Julia. Wie schön, dich mal wieder zu sehen!« Sie riss mich ebenfalls an sich und ich keuchte auf, weil ich plötzlich keine Luft mehr bekam. Aus dem Augenwinkel erkannte ich Alex, der sich mit den Fingern die Schläfen massierte. Wenn er sich aufregte, bekam er immer Kopfschmerzen.

»Hallo Irmi«, presste ich mit einem gequälten Lächeln auf den Lippen hervor und tätschelte unbeholfen ihren Rücken.

»Kommt rein, alle anderen sind schon lange da. Zu schade, dass ihr das Mittagessen verpasst habt.« Sie warf Alex einen anklagenden Blick zu und schob ihn zur Tür hinein.

»Dafür konnten wir doch gar nichts«, grummelte ich und schleppte die Tasche ins Innere des Hauses.


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