elf / eleven / onze.-

Nervös tippe ich mit meinen Fingern auf meinem Oberschenkel herum. Es ist bereits der dritte Vortrag, zu dem ich mich zwingen musste und ich könnte schwören, dass mir in meinem Leben noch nie etwas langweiligeres passiert ist.

Sowohl die Patienten der Station als auch alle Schwestern befinden sich im Raum und hören der möchtegern Diplompsychologin bei ihrem Vortrag über Magersucht und ihre Folgen zu.

Die wichtigste Person, und auch gleichzeitig die, die es am nötigsten hätte, ist jedoch wie erwartet nicht anwesend und somit ist dieser Vortrag nur ein kleiner, irrelevanter Teil meines heutigen Tages, den ich innerhalb von ein paar Stunden sowieso wieder vergessen werde.

Auch Mina, welche neben mir sitzt, scheint nicht wirklich daran interessiert zu sein, was die Frau vorne am Starboard zu sagen hat.

"Merkt sie denn nicht, dass so gut wie keiner ihr zuhört?", flüstert sie mir zu und sieht die kleine, blonde Frau genervt an. Ich zucke mit den Schultern, denn diese Frage kann ich ihr wirklich nicht beantworten. Fast alle, einschließlich der Schwestern, ja sogar meine Mutter, sehen aus, als würden sie gerade von ihrem Bett träumen. Aber die kleine, blonde Frau lässt sich davon nicht beirren und rattert munter weiter ihr Aufgeschriebenes runter.

"Wieso ist Savannah nicht hier?", frage ich Mina leise. Diese zuckt nur mit den Schultern und knibbelt an ihrem Fingernagel herum. "Ich schätze, sie haben sie nicht gefunden, falls sie überhaupt nach ihr gesucht haben", meint sie und ich ziehe meine Augenbrauen zusammen.

"Was meinst du mit, falls sie überhaupt nach ihr gesucht haben?", hake ich nach. "Sie haben aufgehört zu versuchen, sie zu etwas zu drängen. Ich denke, sie hatten es einfach satt, dass sie so oder so nie das tut, was von ihr verlangt wird. Irgendwie auch verständlich. Ich würde auch irgendwann die Schnauze voll haben von ihr."

Ich sehe sie schweigend an und blicke dann zu meiner Mutter. Ach' scheiß drauf, sie ist doch selber gelangweilt und wartet doch nur auf einen Grund, endlich diesen Raum zu verlassen.

Langsam stehe ich auf, ziehe mein kotzgrünes Arbeitshemd zu Recht und schiebe den Stuhl ein wenig bei Seite, damit ich an ihm vorbeilaufen kann. Zielstrebig steuere ich auf die Ausgangstür zu und ich kann den Neid in den Augen der anderen Anwesenden förmlich spüren. Ich könnte schwören, das die Mehrheit in diesem Raum gerade fieberhaft nach einem Grund sucht, um von hier wegzukommen und mir zu folgen.

Schnell öffne ich die Tür und trete aus dem stickigen, gute Laune aufzwingenden Raum raus.

Bis jetzt ist mir noch niemand gefolgt, weshalb ich mich schnell auf dem Gang umsehe und mich schließlich auf den Weg mache, Savannah zu suchen.

Kurzerhand laufe ich zum Notausgang, nachdem ich den gesamten Gang einmal abgelaufen bin, und stürme die Treppen hoch zu der Luke, welche aber geschlossen ist. Ich runzele die Stirn und steige dennoch die Leiter hoch. Kalte Luft schlägt mir entgegen, als ich die Luke aufdrücke, doch von Savannah ist nichts zu sehen. Weder an dem Platz, an dem wir saßen, noch versteckt hinter den Lüftungskanälen. Seufzend lasse ich die schwere Luke wieder zufallen und beschließe, in ihrem Zimmer nachzusehen. Kurz kommt mir der Gedanke, dass sie vielleicht durch den Keller in die Tiefgarage gegangen ist, jedoch verwerfe ich den Gedanken, da die Garage mit Kameras überwacht wird und sie somit auffallen würde.

Während ich die Treppen wieder runterlaufe, denke ich an unser letztes Zusammentreffen zurück, welches mittlerweile schon drei Tage her ist. Ob sie wohl immer noch so aggressiv ist?

SavannahLies diese Geschichte KOSTENLOS!