5. 1 - HEUTE: Loreen

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HEUTE

Loreen

Jahre sind seit damals vergangen, als sie von ihrer wahren Identität erfahren hat und nun befindet sich Loreen genau dort, wo sie glaubte, nie hinzukommen - bei ihresgleichen. Alle hier teilen dieses göttliche Blut mit ihr, aber das ist auch schon alles, was sie mit ihnen gemein hat. Eine Gänsehaut bildet sich auf ihrem Arm, die nicht von dem Wetter, sondern den eisigen Blicken ihres ›Volkes‹ herrührt.
Lächerlich, wie sich das schon anhört.

Die Männer verziehen missbilligend den Mund oder drehen sich um, wenn sie an ihnen vorbeigeht. Dabei kann sie sogar bei einigen an der seitlichen Hüfte einen Messerschaft erkennen, als würde Loreen eine Bedrohung darstellen und sie hätten sich für sie gerüstet. Die Kinder werden von ihren Müttern weggezerrt, als ob sie ansteckend wäre. Sie wird begafft, von allen Seiten.

An den Schulen, die Loreen früher als Kind besucht hat, war sie zwar durch ihr Äußeres manchmal aufgefallen, besonders in den schickeren Gegenden, in denen hauptsächlich Weiße mit viel Geld lebten. Aber dort hat sie sich nie als Kuriosität empfunden, wie es hier der Fall ist. Auch ihre Eltern haben ihr kein bisschen ähnlich gesehen mit der blassen Haut, den blauen Augen und dem hellen Haar. Für Loreen war es kein Problem, anders zu sein, sie war es gewöhnt und so war es für sie auch keine Überraschung, als sie erfuhr, dass sie adoptiert wurde. Ihre Mutter hatte immer wieder betont: »Lori, du bist unser persönlicher Schatz und ganz besonders. Wir lieben dich und danken deiner leiblichen Mutter jeden Tag von Herzen, dass sie dich uns geschenkt hat.«

Doch das war einmal und ist schon viel zu lange her, geht es ihr schmerzlich durch den Kopf und sie presst die Lippen fest aufeinander. Nun muss sich Loreen diesen Leuten stellen, die sie noch nie getroffen hat. Am liebsten würde sie sich verkriechen, sich klein machen, doch stattdessen streckt sie den Rücken durch und hebt ihr Kinn. Dennoch fragt sich Loreen, warum sie sich auf das hier eingelassen hat, wenn sie doch viel lieber auf ihrer Couch in dem Haus, das sie mit Jamie gekauft hatte, sein könnte, um einfach fern zu sehen oder zu lesen? Okay, das hat sie nie sonderlich oft getan, besonders nicht in den letzten zwei Jahren, aber zumindest ist es ihr zu Hause gewesen. Aber nein, sie stampft freiwillig auf einem staubigen Weg herum und lässt sich von Blicken erdolchen.

Schluss jetzt, ermahnt sich Loreen selbst. Sie hat sich das hier ausgesucht, deshalb wird sie nun auch zu ihrer Entscheidung stehen. Mit hochgerecktem Kinn geht sie weiter und zeigt nichts von ihrem inneren Tumult.

Nachdem sie mit Sky, Pure und Slash an ihrer Seite durch die Ansammlung marschiert ist, kommen sie am größten Gebäude der Siedlung an. Mit offenem Mund steht Loreen vor einem großen Haus, dessen unterer Teil aus weißem Stein besteht und weiter oben mit Holz verkleidet ist. Schnell schließt sie ihren Mund wieder, bevor jemand ihr bewunderndes Starren bemerkt und führt dann die Inspektion des Gebäudes fort. Auch der längliche, offene Vorbau besteht aus dunklem Holz, dessen Säulen mit vergoldeten Eisenbeschlägen verziert sind, die sich wie Efeuranken nach oben schlängeln. Unter dem Vorbau befindet sich der Haupteingang, der mit seinen zwei breiten, beschlagenen Holzflügeln offen steht und ebenso in verzierten Goldmustern erstrahlt.

Pure ist in der Zwischenzeit an die Spitze der Gruppe gerückt und ohne Zögern marschiert sie an den letzten neugierigen Blicken vorbei, hinein in das Haus. Loreen wird langsamer und sieht sich wachsam um. Bevor sie durch den Eingang tritt, steht Sky plötzlich dicht hinter ihr, berührt ihren Rücken und flüstert Loreen aufmunternd zu: »Keine Angst, das wird schon. Sie werden dich nicht fressen ... also nicht gleich. Bleib ruhig und konzentriert, dann klappt das schon.«

Loreen dreht sich zu ihm um und dankt ihm mit einem Nicken. Sky zwinkert ihr zu und gleitet mit aufrechtem Rücken an ihr vorbei. Aus dem Augenwinkel sieht sie Slash einen Moment lächelnd den Kopf schütteln. Neugierig starrt sie ihn an. Sein Lächeln verwundert sie, da er seit ihrem gestrigen Wiedersehen nur grimmig dreinschaute. Galt das Lächeln den Worten von Sky oder ihr, um sie aufzumuntern? Nein, ganz sicher nicht Letzteres. Fast stolpert sie über die kleine Erhebung der Türschwelle, fängt sich aber wieder, bevor sie das Gleichgewicht verlieren kann. Noch einmal tief durchatmen und dann ist Loreen auch schon im Inneren des Gebäudes. Vor ihr erstreckt sich ein riesiger Raum, geformt aus weißem Marmor und dunklem Holz. An den Wänden sind große Fenster eingelassen, die mit durchsichtigen, hell gefärbten blauen, violetten und roten Stoffen behangen sind. Sie spenden Schatten, lassen aber dabei gleichzeitig genügend Licht in den Raum. An den Säulen flackern zusätzliche Flammen in einem sanften, goldenen Licht. Doch als Loreen die Fackeln passiert, bemerkt sie zu ihrer Überraschung, dass sie keine Wärme abgeben und ohne Halterung frei in der Luft schweben. Ihr Mund wird trocken. Sie versucht ihre aufkeimende Neugierde zu unterdrücken und sich auf die Personen vor ihr zu konzentrieren, die auf einem Podest in der Mitte des Raumes sitzen, vor ihnen ein langer Tisch.

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