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Meine dicke, schwarze Brille musste auch am nächsten Morgen für den Einsatz herhalten. Dieses Mal hatte ich mir meine türkisen, blaugesträhnten Haare zu einem strengen Dutt hochfrisiert. Außerdem trug ich Schminke und einen roten Lippenstift, der alle Blicke auf meinen Mund ziehen sollte, weg von meinen Fingerknöcheln.

Nach meinem Lauf war ich so ausgepowert gewesen, dass ich vor dem Schlafengehen vergessen hatte, sie mit einer speziellen Salbe einzuschmieren, um die Heilung zu beschleunigen. Deswegen konnte man nach wie vor die rötlichen Stellen an meiner Hand als Beweis meines gestrigen Zusammenstoßes mit den Fieslingen sehen. Ich hatte keine Lust, damit in Verbindung gebracht zu werden, wenngleich mir auf die Schnelle sicherlich eine gute Ausrede einfallen würde.

Zur Sicherheit schob ich die Hände in die Taschen der schwarzen Stoffhose, in der auch die weiße Bluse steckte, die ich unter einem schwarzem Blazer trug. Erst danach stieß ich die Tür zur hiesigen Polizeistation mit meiner Schulter auf und wandte mich mit breitem Lächeln direkt zum Empfangstresen. Dahinter sah eine Frau mittleren Alters von ihrem Bildschirm auf. Sie hatte grellorange Haare, die zu einem Bob geschnitten und dessen Spitzen schwarz gefärbt waren, als hätte sie diese in dunkles Öl getaucht.

Zuerst wurde ich von ihr skeptisch beäugt, als ich mich als FBI Angestellte ausgab. Doch der Zweifel der Empfangsdame verflüchtigte sich rasch, als sie mit dem Lesegerät meinen HandChip scannte und mit große Augen auf die Holo-Projektion vor sich starrte. Denn dort war nun schwarz auf weiß aufgepoppt, wer ich war und dass ich in hoher Position für das FBI Chicago arbeitete. Der Name Briana Johnson stand ebenfalls dort, zusammen mit den Daten meines Alters, Blutgruppe und Wohnadresse – die natürlich allesamt falsch waren. Wie der Rest meiner umfangreichen FBI Akte, die von der Gilde extra für diesen Zweck auf meinen HandChip geladen worden war, um bei einem Scan diese Information auszuspucken. Ich hatte dazu vor dem Eintreten einfach den Stimmenbefehl „FBI aktivieren" geben müssen und die Sache war geritzt. Egal, bei welcher Behörde ich mich in welcher Position ausgeben wollte, ich hatte immer die passende Identität parat. Genial!

Nachdem meine Daten verifiziert waren, beäugte mich die Frau hinter dem Schalter mit einem anderen Blick. So war das immer. „Special Agent Johnson, was darf ich für Sie tun?"
„Guten Tag. Ich bräuchte bitte Einsicht in die Akten zu den aktuellen Kindesentführungen. Man hat mich hierher beordert, da angeblich auch ein amerikanisches Kind verschwunden ist."
„Was? Nein, davon haben wir keine Meldung bekommen. Sind Sie sicher ...", fragte die Frau bestürzt, sich mit der Hand auf die Brust schlagend, doch ich schnitt ihr das Wort ab: „Natürlich haben Sie das nicht. Die Eltern haben die amerikanischen Behörden verständigt. Das alles ist streng vertraulich. Und das soll bitte so bleiben."

Über den Brillenrand sah ich ihr verschwörerisch in die Augen, ganz in meiner Rolle einer affektierten Bundesbeamtin, die sich zu wichtig nahm und ihren Respekt von anderen einforderte. Und die dadurch hoffentlich bald weitergelassen wurde, da sich meine Ungeduld ganz leicht bemerkbar machte. Also meine echte, nicht nur die gespielte. Jede Minute, die ich für die Vorbereitung verschwendete, konnte das Biest dazu nutzen, dort draußen ein weiteres Kind zu entführen oder eines der bereits verschwundenen Kinder zu töten. Ich knirschte mit den Zähnen und musste meine Hände regelrecht dazu zwingen, wieder in die Hosentaschen zu wandern, anstatt mit den Fingern auf den Tresen zu trommeln.

Schließlich knackte ich sie mit meinem durchbohrenden Blick, wodurch sie sich endlich von ihrem Stuhl bequemte, um in dieser Sache ihren Boss zu Rate zu ziehen.

Weitere wertvolle Minuten verstrichen, bis ich endlich die Stimme der Empfangsdame und Schritte hinter mir hörte, zu denen ich mich herumdrehte. Erwartet hatte ich einen älteren Herrn, etwas breit und korpulent gebaut mit Haaren, die bereits mit weißen Streifen durchzogen waren. Falscher hätte ich nicht liegen können.

MONSTER GEEK: Die Gefahr in den WäldernLies diese Geschichte KOSTENLOS!