Kapitel 16 ♔

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Die Stille die daraufhin herrschte, dauerte so lange an, dass ich beinahe dachte sie wären wieder gegangen. Mein Herz machte einen nervösen Hüpfer, als Sarah ihm plötzlich antwortete.
„Okay, das reicht. Habe ich etwas falsch gemacht? Wieso unterstellst du mir all diese Sachen? Dafür gibt es gar keinen Grund ..."

Er schnitt ihr heftig das Wort ab. „Halt dich von mir fern."

„Warren, komm her."

„Nein!"
Ungeschickt stolperte der Spartaner nach hinten und in mein Blickfeld. Doch er war viel zu sehr auf den Succubus vor ihm fixiert, als dass er mich bemerkt hätte.
„Jedes Mal wenn du mich berührst ... ich bin nicht mehr ich selber."

„Fängst du jetzt auch schon mit diesen lächerlichen Vorwürfen an? Mystische Succubi-Kräfte? Ich bitte dich."
Während Warren vollkommen durcheinander schien, wurde Sarah mit jedem Wort ruhiger und selbstsicherer. Ihr kleiner Freund hatte sie offensichtlich durchschaut; sollte sie sich nicht Sorgen machen, dass er jemandem davon erzählen könnte?
„Lächerlich ... nein, ich...", für einen Moment schien der Spartaner verunsichert. „Ich gebe zu, dass ich nicht weiß was für ein Spiel du mit mir spielst, aber das ändert nichts daran, dass ich aussteigen möchte. Lass es uns einfach beenden, Sarah."
„Du machst also tatsächlich mit mir Schluss?"
Sie machte entspannt einige Schritte auf ihn zu, sodass ich beide gut im Auge hatte.
„Es tut mir leid."
Seine Worte klangen ehrlich und ich ballte die Fäuste. So viel Aufrichtigkeit hatte sie nicht verdient.
„Mir tut es auch leid, Warren. Ich wollte nicht, dass es so endet."
Ihr Lächeln wurde breiter, bis ihre Grübchen sichtbar wurden. Für einen Moment sah sie genauso engelhaft aus, wie bei unserem ersten Treffen. „Bekomme ich noch eine Umarmung. Eine letzte, klitzekleine?"

Die Anspannung in seinen Schultern löste sich ein wenig, als er sie in den Arm nahm. „Danke, dass du es so gut aufnimmst. Ich dachte schon du würdest böse sein."

„Wann war ich denn jemals schon böse auf dich." Sie legte die Arme fest um seinen Hals, bis ihre Fingernägel sich leicht in seinen Rücken gruben. „Wir hatten doch Spaß miteinander."
Er lächelte, ein wenig angestrengt. „Stimmt."
Obwohl die Szene vor mir eine versöhnliche sein sollte, war das unbehagliche Bauchgefühl von vorhin noch nicht verschwunden. Irgendetwas stimmte nicht an der Art, wie Sarah ihn hielt; an dem intensiven Glühen unter ihren Fingerspitzen; an der Art, wie sie mit jeder Faser Triumph und Gelassenheit ausstrahlte.
Die Umarmung dauerte noch eine Weile, bevor Warren sich losmachen wollte. Doch der blonde Succubus hatte andere Pläne und nun merkte auch er langsam, dass etwas nicht in Ordnung war.
"Sarah."
Drängend stemmte er sich gegen ihre Umklammerung, doch ihn schienen seine Kräfte verlassen zu haben.
„Das reicht jetzt, okay?", versuchte er es noch einmal, heiser lachend.
„Shh."
Mit einer geschmeidigen Bewegung zog Sarah sich aus der Umarmung zurück und fing den plötzlich erschlafften Spartaner mühelos auf, kurz bevor er am Boden aufprallte.
„War doch gar nicht so schlimm, Krieger", flüsterte sie, als sie ihn auf den erdigen Gewächshausboden sinken ließ.
Ihre geflüsterten Worte klangen mir schon in den Ohren nach, als ich erst realisierte was gerade geschehen war. Geschockt schnappte ich nach Luft, ein wenig lauter als beabsichtigt. Ich schlug mir augenblicklich die Hand vor den Mund, doch es war zu spät.
Sie richtete sich auf, versuchte das Geräusch zu orten. In einem verzweifelten, letzten Versuch mich zu verstecken, kauerte ich mich regungslos hinter die Büsche, die mein mangelhaftes Versteck darstellten und hoffte das beste. Doch das Glück schien nicht auf meiner Seite zu sein, denn der Succubus marschierte bereits auf mich zu.
Hektisch überlegte ich, wie ich mich noch aus der Situation retten konnte, doch mein Gehirn schien wie gelähmt von der Szene zu sein, die ich gerade beobachtet hatte. In dem Augenblick, in dem Warrens Herz zu schlagen aufgehört hatte, war wohl auch meine gesamte Hirnmasse eingefroren. Daher unternahm ich jetzt nichts und erwartete regungslos meine Hinrichtung.
„Robin."
Ihre Stimme schnitt durch die Luft wie eine Peitsche.
„Was für eine Überraschung."
„... I-i-ich ...", begann ich meinen erbärmlichen Versuch einer Ausrede, doch die Wörter blieben mir im Hals stecken. Ich spürte eine Welle der Übelkeit in mir aufsteigen, als mir bewusst wurde, dass Sarah mich wohl kaum am Leben lassen würde.
War es das also? Würde ich wirklich hier sterben? Ich konnte nicht umhin, als mich zu fragen, ob es für mein Ende nicht einen dramatischeren Platz gegeben hätte, als das Gewächshaus meiner Schule. Eine Dachterrasse mit unglaublicher Aussicht auf die Skyline von London vielleicht oder eine verlassene Waldhütte, ganz klischeehaft, wie in all den Horrorfilmen von Flo. Die Menschen die ich nie wieder sehen würde kamen mir in den Sinn. Flo und Anna, mit denen ich mich noch nicht einmal ordentlich ausgesprochen hatte. Meine neuen Freunde auf der Akademie, Laura und Vera. Sogar meine Wut auf den Hotelbesitzer wirkte lächerlich in dieser Situation. Und vor allem hörte ich geistig schon Aiden schimpfen, weil ich mich wieder hinausgeschlichen hatte. Vermutlich war das hier alles meine Schuld. Konnte ich das akzeptieren?
Sarah beugte sich grazil zu mir, ging in die Hocke und dann lächelte sie.
„Komm, ich helfe dir auf."
Wortlos ließ ich mir von ihr helfen, denn ich hatte entschieden fürs Erste mitzuspielen. Sie schien mich zumindest nicht sofort umbringen zu wollen und ich würde ihr bestimmt keinen Grund geben ihre Meinung zu ändern. Schließlich stand ich wieder, wenn auch nicht sehr sicher. Sarah jedoch hielt noch immer meine rechte Hand fest.
„Das muss dich erschrocken haben", erkundigte sie sich seelenruhig.
Unsicher starrte ich sie an.
„Du verstehst doch sicher warum ich es tun musste? Ich hatte keine andere Wahl." Sie klang so überzeugt, dass ich nicht daran zweifelte, dass sie an jedes ihrer Worte glaubte. „Es hätte uns allen geschadet, wenn er jemandem von mir erzählt hätte."
„Uns?", brachte ich mit brüchiger Stimme hervor.
Sarah lächelte sanft. „Du bist ein Mitglied der Gemeinschaft, sogar des Inneren Kreises, ob du es willst oder nicht. Dein Blut macht dich zur Elite."
Der blonde Succubus klopfte sich ein bisschen Staub von der feinen Kleidung, bevor sie wieder sorgfältig meine Hand ergriff.
„Lass mich dir alles erklären, Robin, dann wirst du bestimmt helfen wollen, anstatt Detektiv zu spielen und uns nur Ärger zu bringen", fuhr sie fort, immerzu suggestiv nickend. Ein seltsames Gefühl ergriff Besitz von mir, doch ich schüttelte es ab, wohl wissend, was mein Gegenüber gerade erreichen wollte.
„Du kannst mich nicht manipulieren", stellte ich kühl fest, bevor ich ihr meine Hand ruckartig entzog. Anders als Warren kannte ich Sarahs Fähigkeiten und wusste sie richtig abzublocken.
Ihre Gesichtszüge entgleisten ein wenig und ich konnte einen Blick auf das Monster unter ihrer sorgfältig gepuderten Fassade werfen. Kalt lief es mir den Rücken hinunter, doch ich bemühte mich ihrem Blick standzuhalten.
„Ich erzähle keinem von der Sache mit Warren, aber du kannst nicht von mir erwarten, dass ich dir helfe."

Sie hob eine dünne Augenbraue. „Du behauptest also, dass du nichts erzählen wirst?"
„Ganz sicher nicht. Sehe ich so lebensmüde aus?"
Leise lachte der blonde Succubus auf. „Ich mag dich Robin. Aber ich kann dich trotzdem nicht einfach so gehen lassen ... wie wäre es mit einem Deal?"
„Was meinst du?"
„Du lässt es zu, dass ich dich manipuliere. Alles was du gesehen hast wirst du vergessen und ich lasse dich gehen."
Für einen Moment dachte ich ernsthaft darüber nach. Doch wenn ich erst einmal zuließ, dass sie mit meinen Erinnerungen spielte, dann hatte sie gewonnen. Außerdem hatte ich mit eigenen Augen gesehen, wie Sarah Warren ermordet hatte. Damit war ich die einzige Aussicht darauf, dass sie bestraft werden würde, obwohl sie Verbindungen zum Inneren Kreis hatte. Einen Augenzeugen konnte man nicht ignorieren. Würde ich Sarah gestatten, meine Erinnerung zu löschen, wäre all das verloren.
„Ich vermute, wir werden uns nicht darauf einigen können, dass ich einfach niemandem davon erzähle ...", meinte ich so leise, dass sie es vermutlich nicht gehört hatte. Natürlich wusste ich die Antwort bereits und auch für Sarah gab es nur zwei Wege auf denen dieses Gespräch enden könnte. Entweder sie löschte meine Erinnerung und manipulierte mich vermutlich zur besten Freunde der Mitglieder des Inneren Kreises oder sie schaffte mich endgültig aus dem Weg.
Ich schluckte und warf einen Blick über meine Schulter. Die Wendeltreppe hinunter war nur wenige Meter von mir entfernt. Würde ich es vor ihr schaffen?
Als sich unsere Blicke nun trafen, erkannte sie offensichtlich was ich vorhatte. Kurz überlegte ich alles zu verwerfen und nicht mit meinem Leben zu spielen.

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