Prolog

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Caitlyn. 15 Jahre alt. Neu in der Stadt. Ohne Freunde. Ohne Familie. Ohne Liebe. Voller Schmerz.
Nach dem tragischen Unfall ihrer Eltern, muss Caitlyn in ein Heim. Stattdessen lässt sie alles und jeden zurück und verschwindet noch kurz in der selben Nacht. Sie fliegt kurzerhand und ohne Gepäck, nur mit ihrer Gitarre bis nach London. Sie schleppt sich von Ort zu Ort, stets mit der Gitarre und lebt auf der Straße, bis sie eines Tages erwischt wird. Nichts ist jetzt so, wie es einmal war. Immer mehr Geheimnisse tauchen auf. Caitlyn wird immer schwächer und leerer, bis sie nur noch einen Weg sieht: Selbstmord.
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"One of these days the ground will drop out from beneath your feet
One of these days your heart will stop and play it's final beat
One of these days the clocks will stop and time won't mean a thing
One of these days their bombs will drop and silence everything

But it's alright
Yeah it's alright
I said it's alright" - These Days, by Foo Fighters

Es ist unglaublich, wie schnell alles vorbei sein kann. Wie schnell, das Herz aufhört zu schlagen. Wie schnell dieser Moment ist, in dem man seinen letzten Atemzug nimmt. Aber auch, wie schnell man Menschen verliert, die einem mehr als nur wichtig sind. Freunde, Familie, Seelenverwandte.
Aber es ist okay. Ich bin es gewohnt. Erst starb mein Großvater William 2006 an Lungenkrebs. Doch ist es nicht vorhersehbar, dass jeder stirbt? Es ist normal und ich mache daraus kein Drama. Wenn ich sterbe, dann sterbe ich. Wird schon.
Doch warum sterben einige einfach so? Sie sind weder todeskrank noch besonders alt. Doch Grandpa war immerhin 88 Jahre alt. Doch Kinder sterben, Neugeborene, Jugendliche, 25-Jährige.
Man kann Dinge nie vorhersagen. So war es auch bei meinen Eltern Grace und Michael. 47 und 51 Jahre alt. Beide waren gesund, körperlich zumindest.
24.09.2010.
Der Todestag? Vor 2 Wochen.
Weshalb? Niemand wusste es.
Wer war schuld? Sie selber.
Und sie ließen mich zurück. Zerfressen vom Kummer. Am Boden zerstört. Ohne Hoffnung.
Meine restliche Familie ist eine ganze Ansammlung von Heuchlern und Versagern. Deswegen war ich abgehauen bis nach London. Ich heiße Caitlyn Brinkley und das ist meine Geschichte.
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Montagmorgen, der 24. September 2010,  Nähe Canterbury

Der Tag, der alles veränderte. Abwesend und müde saß ich in der Schule. Neben mir tuschelten die größten Bitches der Schule Leanne Hicks und Taylor Fitch.
Ich hörte, wie sie laut losprusten und mir eine Papierkugel auf den Tisch warfen. Genervt funkelte ich sie an und warf ihn genau in Taylor's Gesicht. Ich grinste provokativ.
Ich war nie beliebt in der Schule gewesen. Nur leider mochte ich es, alleine zu sein und Gitarre zu üben. Musik ließ mich alles um mich herum vergessen.
So wie auch in der Schule. Der linke Kopfhörer lag lässig und versteckt in meinem Ohr.
Die laute Stimme meiner Mathelehrerin Mrs. Finks ließ mich zusammen schrecken. Ich starrte mit weit aufgerissenen Augen in ihr strenges Gesicht und gleichzeitig versank ich im Boden.
,,Caitlyn, zähl doch mal bitte alle wichtigen Potenzgesetze auf. Und erkläre diese."
Ihre dunkle, grau-blaue Augen starrten mich finster an und dutzend Augenpaare waren auf mich gerichtet. Plötzlich merkte ich, wie die laute Musik in meinem Ohr verstummte. Leanne hielt grinsend meinen einen Kopfhörer in der Hand.
Die Augen von Mrs. Finks weiteten sich.
,,Leanne, was ist das?", fragte sie ernst. Stille.
,,Hören Sie, ich wollte nicht..", begann ich kleinlaut.
,,Mrs. Mrs.! Caitlyn hört heimlich Musik im Matheunterricht!", schrie Leanne und grinste mich schief an.
Mit eiligen und harten Schritten auf dem Parkett kam Mrs. Finks auf mich zu.
Sie beugte sich zu mir hinunter, doch ich traute mich nicht in ihr faltiges, verbittertes Gesicht zu schauen.
,,Du und deine Familie ihr seid eine Schande! Selbst du kriegst nie was auf die Reihe. Deine Mutter war in der selben Stufe wie ich, so eine verlogene..Lässt ihr Kind einfach..", flüsterte sie und bewegte dabei ihren Zeigefinger im Takt auf und ab.
Doch so weit kam sie nicht. Sie sog tief Luft ein und aus und richtete sich erneut auf.
,,Fein, Kinder! Geht schon in die Pause. Ich muss ein Wörtchen mit Caitlyn wechseln."
Ich sank noch tiefer in mich zusammen, doch gleichzeitig kam Wut in mir auf. Ich wusste, dass meine Familie schrecklich war und sie mich nicht mochten (außer meine Eltern natürlich).
Ich ballte die Fäuste zusammen und war kurz davor dieser grässlichen Frau eine zu scheuern!
Taylor und Leanne schreckten mich aus meinen aggressiven Gedanken.
Ihre langen Extensions kitzelten mein Gesicht.
,,Geht doch mal weg!", rief ich genervt und wollte mein Heft wegpacken, doch Taylor packte schlagartig drauf.
,,Eure Familie ist echt eine Schande. Was hat deine Mutter denn getan, dass selbst Mrs. Finks so von ihr redete?", sie flüsterte kaum hörbar und ihre braunen Augen loderten vor Provokation.
,,Wetten, sie war eine Hure?!", flüsterte Leanne zurück und hielt sich die Hand vor den Mund.
Ich stand abrupt auf, so dass der Stuhl nach hinten fiel.
,,Verpisst euch gefälligst, mein Gott!", schrie ich und Mrs. Finks stand erneut vor meinem Pult mit den Händen in die zu breit geratenen Hüften gestemmt.
,,Euer Umgangston gefällt mir nicht. Leanne, Taylor das ist unsere Angelegenheit. Verlasst schnell den Raum oder ihr müsst Nachsitzen.", sagte sie kalt und monoton.
Nachdem die beiden weg waren, setzte sich Mrs. Finks zu mir.
,,Wir müssen reden. Dein Verhalten ist äußerst respektlos und ohne Manieren. Was hat dir deine Mutter bloß beigebracht, lieber Gott!"
Sie faltete die Hände zusammen und schaute durch mich durch. Wahrscheinlich auf das Kreuz, das an der Wand hing.
,,Sehr professionell meine Mutter hier miteinzubeziehen.", antwortete ich kühl und verschränkte die Arme vor der Brust.
,,Ich will nicht so zu dir sein. Ich will nicht unfreundlich sein, wirklich nicht. Es ist bestimmt schon schwer genug für dich. Nun, Catherine.."
Ihre Stimme bebte und zitterte. Was war denn jetzt?
,,Ich heiße Caitlyn."
,,Ja, nun..heute Morgen um 8 Uhr kurz bevor ich aus dem Haus ging, habe ich etwas schlimmes im Fernsehen gesehen."
Ihre Augen fingen an nass zu werden und ihr Mund krümmte sich. Sie fasste zitternd nach meiner Hand, doch ich wich zurück.
,,Deine Eltern.."
,,Was zur Hölle machen meine Eltern um 8 Uhr morgens bitte im Fernseher? Waren Sie etwa in diesem lächerlichen Frühstückssender zu Sehen, wo die Leute Geld verdienen für's Nichts-Tun und das finden Sie jetzt dramatisch, ja?", gab ich lässig zurück und versuchte kühlen Kopf zu bewahren. Doch weshalb ist man bitte um 8 Uhr morgens sonst im Fernseher? In den Nachrichten?
,,Nein..", schnaubte sie und wischte sich die Augen trocken, woraufhin ihr grüner Khôl-Eyeliner verschmierte.
,,Sagen Sie schon!", rief ich ungeduldig.
,,Heute in den Nachrichten.."
Mir lief es kalt den Rücken hinunter und mir wurde schwarz vor Augen.
,,Sie..Sie..einfach weg..", schluchzte sie weiter und wischte verzweifelt ihre Tränen weg.
Ich sprang erneut auf und fing an zu zittern. Mein Bauch krämpfte und zog sich zusammen. Was meinte sie? Wovon redete sie?!
,,Was?!"
Sie richtete sich die Haare zurecht, als plötzlich jemand an der Tür klopfte. Es war unser Schuldirektor Mr. Collins. Doch was hatte er jetzt damit zu tun.
Mit dumpfen Schritten setzte er sich auch zu uns. Er gab mir einen kräftigen Händedruck.
,,Wahrscheinlich hast du es schon erfahren, dass.."
Er räusperte sich und schaute unangenehm berührt auf den Tisch.
,,Was denn?", rief ich und starrte mit ängstlichen, weiten Augen zwischen meiner Lehrerin und meines Schuldirektors hin und her.
,,Sie wurden um circa 8 Uhr morgens bewusstlos auf dem Asphalt eurer Garage gefunden."
,,Sie sind im Koma?", antwortete ich und da wurde mir ganz übel. Panisch atmete ich ein und aus. Aber nein. Ich gab meiner Lunge nur ihren lebenswichtigen Sauerstoff. Es war eine Nebenreaktion. Ich achtete da gar nicht drauf. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Es war ein Kinderspiel!
,,Das ist doch nur ein Traum!", rief ich und fing an unsicher zu lachen. Ich gab mir selber mehrere Backpfeifen, bis mich Mrs. Finks unter Tränen zwang, aufzuhören.
,,Wenn es nur das wäre..", flüsterte sie leise und schaute apathisch auf den Holztisch vor sich hin.
,,Wie jetzt?"
,,Caitlyn.."
Mr. Collins schob seinen Stuhl knarrend zurück. Er legte seine eine Hand vorsichtig auf meine Schulter. Durfte er das überhaupt?
,,Sie sind um's Leben gekommen, Caitlyn."
Da zerbrach ich. Innerlich. Äußerlich. Es war so, als würde man mir meine Arme und Beine gleichzeitig abreißen. Doch ich glaube sogar, das tat weniger weh, als dieser psychischer Zusammenbruch. Mein Herz zerbrach in tausend Splitter und es zog sich schrecklich zusammen. Es drohte zu zerplatzen.
Seitlich kippte der Stuhl um und ich hörte den Rumor um mich herum nur gedämpft. Wo war ich? Wieso konnte ich nicht aufwachen? War das eine so genannte Schlafparalyse?
Ich hörte die Panik in mir aufsteigen. Mein Herz schrie, meine Lunge hörte minutenlang zu arbeiten. Jemand in mir drin drückte mich unterwasser. Mein verschwommener Blick richtete sich panisch und voller Todesangst auf den verzweifelten Blick meines Direktors.
,,Es tut uns leid.", formten seine Augen. Wo war Mrs. Finks? Sie lag stumm heulend auf dem Tisch.
Ich musste hier weg, doch ich spürte meine Gliedmaßen nicht mehr. Sie waren weg. Abgeschnitten. Ich war ein elendes Etwas. Ich musste nach Hause, das alles war nur ein Scherz.
,,ES IST NUR EIN SCHERZ!", schrie die Stimme in mir drin und lachte erneut. Doch es klang nicht lebensfroh. Eher gefälscht und depressiv.
Mr. Collins kniete sich neben mich. Er hielt meinen Kopf in seinen Händen und brummte etwas in sein Telefon, was zwischen Hals und Schulter geklemmt war. Und ich schrie, verdammt! Und wie ich schrie!
Lauter als der ganze Schmerz in mir zusammen. Ich zappelte und wurde wütend aufeinmal. Ich wollte irgendetwas zerschlagen, um Frust abzubauen.
Mr. Collins rüttelte an mir. Er schrie auf mich ein, in seinen Augen war Panik zu sehen.
Doch ich konnte nichts Sehen, Fühlen, Riechen, oder Hören.
Blinzelnd und verschwommen glitten meine halb geschlossenen Augen auf die Wand links von mir. Ich starrte auf das Kreuz und verankerte meine Finger ineinander. Kalt wie Eisklötze.
Bitte lieber Gott,
lass mich sterben.

Broken Mind - far awayLies diese Geschichte KOSTENLOS!