ACHTUNDZWANZIG.

13.3K 922 90

Im Endeffekt tat ich gar nichts. Überhaupt nichts.

Die Tage zogen dahin, die Wochen schlichen an mir vorbei. Und ich tat einfach gar nichts.

Ich schlief weiterhin bei Dark und Roxy. Wenn ich schlief. Ich fühlte mich manchmal wie ein Vampir, weil ich mehrere Nächte ohne Schlaf auskommen konnte.

Ich beschützte niemanden, ich kümmerte mich um niemanden, ich dachte an niemanden.

Ich war einfach nur leer. Ich ging weiterhin ins Mexx, um sämtliche Geldbörsen und Handys zu klauen. Dark hatte mich schon gewarnt, dass sie in der Zeitung darüber berichtet hatten, dass sie nach einem Dieb in diesem Nobelschuppen suchten. Tja, gefunden hatten sie mich aber noch nicht. Also machte ich immer weiter damit.

Ich gab einen Teil des Geldes an Rox und Dark ab, obwohl sie es nicht haben wollten, aber ich hoffte insgeheim immer noch darauf, dass sie irgendwann in der Lage waren, sich eine gute Zukunft aufzubauen. Roxy sollte einen tollen Job haben.

Sie sollte nicht so enden wie ich. Verwahrlost, gebrochen und allein. Ohne jegliche Hoffnung auf ein schönes Leben.

Die Tage zogen dahin.

Und dahin.

Seit wie vielen Wochen gab es jetzt unsere Gang schon nicht mehr?

Fünf?

Sechs?

Sieben?

Ich wusste es nicht. Ich wusste nicht einmal mehr, was für ein Wochentag es war. Es war mir auch egal. Ich war bisher nur ein paar Mal den Pronx-Zwillingen begegnet. Farid war wie vom Erdboden verschluckt. Anscheinend war ich nicht die Einzige, die an eine Flucht in eine andere Stadt gedacht hatte. Es waren mehrere von uns verschwunden.

Von uns.

Dieses ‚uns' gab es nicht mehr. Und es würde nie wieder kommen. Diese zusammengeschweißte Familie war zerbrochen.

Es fühlte sich an, als hätte es diese Gemeinschaft niemals gegeben.

Ich wusste nicht einmal, was aus unseren Sachen in der Lagerhalle geworden ist. Aus Jamies Zeichnungen. Aus der Stereoanlage, dem Kühlschrank und was Tamara und ich eben noch so alles vom Flohmarkt gestohlen hatten.

Es fühlte sich an, als würde ich an ein anderes Leben denken. Es war so fern von mir jetzt.

Deswegen ließ ich es auch. Ich dachte weder an die Verluste, die ich in meinem Leben schon durchgemacht hatte, noch an die Fehler, die ich schon alle gemacht hatte. Das brachte eh nichts. Hatte man eine Seite mal beschrieben, konnte man das Gekritzel nicht mehr ändern. Ich musste schauen, dass ich nicht noch mehr Blödsinn fabrizierte.

Hah. Das war der Witz des Jahrhunderts. Wer mich auch nur ansatzweise kannte, wusste, dass ich so oder so immer in der Scheiße saß. Ich konnte tun und lassen, was ich wollte, es würde niemals anders werden.

„Hey Süße", erklang eine Stimme hinter mir, als ich mich von dem zerschlissenen Sofa hochrappelte und meine Klamotten zusammensuchte.

„Ich muss los", antwortete ich schroff und zog mir gerade meinen schwarzen Pullover über. Ich strich mir einmal über die Haare und drehte mich dann um.

Samuel richtete sich jetzt verschlafen auf und sah mich aus seinen grünen Augen an. Er lehnte sich rückwärts an die Wand und sah mich an.

„Wo gehst du hin?"

Wir spielten dieses Spiel jedes Mal aufs Neue. Er fragte, wohin ich ging, und ich gab ihm keine Antwort.

„Wir sehen uns später", antwortete ich nur, ging die zwei Schritte, die uns trennten, auf ihn zu und gab ihm einen kurzen Kuss auf die Lippen.

Worlds CollideLies diese Geschichte KOSTENLOS!