Eins

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22. August 2056 – 22:53 Uhr – Berlin

Welch Schönheit in Vernichtung ruht ...

Eine Träne floss über Freyas Wange, als sie aufblickte, um dem Tanz der Ascheflocken zu folgen. Sie fielen vom Himmel wie schwarzer Schnee, ein Anblick, bizarr und anmutig zugleich.

Ihr Blick wanderte weiter, höher und über die Gebäude, welche sich einer von Menschenhand erbauten Schlucht gleich dem Firmament entgegenstreckten. Ein Schwarm Raben ritt auf dem sengenden Nachtwind und betrachtete den Fluss aus Leibern unter sich verstört. Über ihm schwelte und brodelte der von Flammen erleuchtete Nachthimmel Berlins.

Närrische Kreaturen, dachte Freya. Sie konnten fliehen, taten es jedoch nicht.

Nur zögerlich richteten sich ihre eisblauen Augen wieder auf den Flüchtlingsstrom, der an der Sackgasse, in der sie und Anton sich verkrochen hatten, vorbei spülte. Sie zuckte zusammen, als eine ältere Frau stolperte, fiel und von der Menge überrollt wurde. Sie kam nicht wieder hoch. Der Strom aus Leibern verlangsamte sich nicht einmal.

Freya fing trotz dem Feuer, das in der Luft lag an zu zittern und schlang beide Arme um ihre schmale Brust um sich zu wärmen. Anton bemerkte dies, steckte die alte Walther PPS Pistole, nunmehr nachgeladen, in seinen Hosenbund und nahm sie kurz in die Arme. Nur einen Fingerbreit größer als ihre 164 cm und sogar noch schmächtiger, schien er ihr in diesem Moment größer und stärker den je. Ein Fels in den Wogen des Wahnsinns. Ein angespanntes Lächeln erhellte sein bärtiges Gesicht und er gab ihr einen schnellen Kuss der nach Asche schmeckte.

Der Moment, erneut Teil des Irrsinns zu werden, war gekommen.

„Wir müssen weiter, Kleines", sagte er, seine Stimme fast verloren im Pandämonium der Geräusche.

Seine Hand, noch immer klebrig von Blut, schloss sich um die ihre. Mit der anderen zog er die Walther PPS und führte Freya hinter sich her, um erneut Teil der Massen zu werden. Sie antwortete ihrem Liebsten nicht. Worte hätten dem Grauen das sie verspürte nicht Genüge getan. Stattdessen umfasste sie seine Hand fester. Jetzt getrennt zu werden bedeutete einander zu verlieren ... für immer.

Der Strom erfasste sie und trug sie fort, näher an ihr Ziel heran, dem Alexanderplatz und seinem tief unter der Erde liegenden Bunker. Ein sicherer Hafen fernab von all dem Wahnsinn. Ferne Schüsse und Explosionen hallten durch die Straßen, fast verloren im langgezogenen Heulen der Fliegeralarm-Sirenen und den dröhnenden Schreien Tausender.

Sie rannten stellenweise, schienen jedoch nie wirklich vorranzukommen. Wie in einem Alptraum. Überall waren Menschen, ein nicht enden wollender Strom angstzerfressener und aschegeschwärzter Gesichter, zwischen denen sie hin und her gestoßen wurden.

Freya ergriff Antons Hand fester und richtete ihre Augen starr auf den Pferdeschwanz, der zwischen seinen schmalen Schultern tanzte, als er sich fluchend, tretend und ausschlagend weiterkämpfte. Eine Lücke bildete sich vor ihnen und ein Mann mittleren Alters, einen guten Kopf größer und doppelt so schwer wie Anton, tauchte plötzlich aus der Masse auf. Sein Kopf war blutüberströmt, die Augen rote Ruinen. Glassplitter ragten aus seinem Gesicht, wie zackige Grabsteine. Er schrie jämmerlich um Hilfe und seine Hände streckten sich Anton entgegen.

Anton schrie, „Hau ab!" und hämmerte dem Mann seine Pistole ins Gesicht. Zähne brachen knirschend und der Verletzte ging wie vom Blitz getroffen zu Boden. Freya wollte sich übergeben, als Anton sie über ihn hinweg zog und sie ihm dabei auf den Bauch trat. Der Niedergestreckte zuckte nicht einmal ...

So nahe am Ziel waren die Straßen so verstopft, dass nur die Stärksten und Stursten es noch schafften voranzukommen. Anton, klein und drahtig wie eine Sprungfeder, gehörte definitiv letzterer Kategorie an. Sie tauchten und huschten durch die Menge, von Lücke zu Lücke, ihre geringe Körpergröße und natürliche Beweglichkeit ein Segen in dem allgegenwärtigen Chaos.

„Ist es noch weit?", rief sie nach einigen Minuten.

„Nein", antwortete Anton, drehte sich kurz um und schenkte ihr ein Lächeln das nicht einmal in die Nähe seiner dunklen Augen kam. „Vielleicht noch einen Kilometer."

In vielerlei Hinsicht machte ihr die Kälte in seinem Blick mehr Angst als das Chaos um sie herum. Freya liebte seine rehbraunen Augen. In ihnen hatte sie die Wärme gefunden, nach der sie sich so lange gesehnt hatte. Es war schrecklich ihn so zu sehen.

Immer wieder kamen sie an brennenden Autos vorbei und sahen ganze Horden, die plündernd durch die Straßen zogen. Der Verkehr war gänzlich zum Erliegen gekommen und Flüchtlinge umspülten Fahrzeuge, die zu Gefängnissen geworden waren, ihre Insassen oft nicht einmal mehr dazu in der Lage auszusteigen.

Freya erschauderte, als sie an einem kompakten Sportwagen vorbei kamen, dessen Innenscheiben mit Blut verschmiert waren. Die Insassen hämmerten immer wieder in der Hoffnung gegen das Glas, dass jemand anhalten und helfen würde. Sie hofften vergebens. Es gab nichts was sie für die Insassen tun konnten. Die Zeit war zu knapp. Der Strom der Leiber zu unnachgiebig.

Freya wand ihren Blick beschämt ab – und schrie.

Ein Mann stürzte vom Himmel und schlug wie ein Meteor auf zwei Passanten nur wenige Schritte vor ihnen auf. Blut, Knochensplitter und Gehirnmasse spritzten in alle Richtungen und ließ die Menschen erschrocken aufschreien. Ein kleiner Freiraum bildete sich, sein Zentrum ein Knäuel aus gebrochenen Leibern.

Freya würgte.

„Schnell!", zischte Anton, packte sie fest genug um ihr ein Wimmern zu entlocken und zog sie vorwärts. Der Gefallene war mit seinem Schädel auf dem eines Teenagers aufgeschlagen und nun lagen beide da wie Puppen, denen ein zorniges Kind die Köpfe abgedreht hatte. Ein junges Mädchen lag neben ihnen.

„Michael! Wach auf. Bitte! Michael!", schrie das Mädchen und schüttelte die Leiche des Jungen.

Ihre weit aufgerissenen Augen schienen unnatürlich weiß im blutbespritzten Gesicht. Freya erblasste, als sie das gezackte Ende eines gesplitterten Oberschenkelknochens aus dem Bein des Mädchens hervorragen sah. Bilder von Freyas toten Eltern, wie sie abgeschlachtet dalagen, drängten sich in den Vordergrund, verblassten jedoch, als die Augen des Mädchens die ihren fanden. Ein Kloß bildete sich in Freyas Hals, als das Kind ihr hilfesuchend die Hände entgegenstreckte. Alles in ihr schrie danach innezuhalten, zu helfen ...

Ihr Schritt verlangsamte sich ... doch Anton zog sie gnadenlos weiter.

„Wir können nichts tun!", rief er und Freya betete, dass das was sie in seiner Stimme hörte Scham war.

Sie blickte nicht zurück, als sich das Vakuum hinter ihnen schloss und der Fluss über das Mädchen hinwegspülte. Hilfeschreie verwandelten sich in Schmerzensschreie – und brachen abrupt ab.

Frische Tränen gruben Kanäle durch die Ascheschicht auf Freyas Wangen. Wie hatte es nur zu alledem kommen können? Was gab den Mächtigen dieser Welt das Recht, ein derartiges Grauen zu entfesseln? Die Welt vor ihren Augen begann zu tanzen, sich zu verzerren. Gebäude streckten sich unendlich hoch in den Himmel, nur um sich plötzlich über sie zu beugen wie neugierige Giganten. Sie schloss die Augen, als sie spürte, dass sie die Kontrolle verlor. So durfte es nicht enden. Mit einer gewaltigen Willensanstrengung zwang sie sich vom Abgrund weg, der drohte sie zu verschlingen.

Als sie ihre Augen wieder öffnete fiel ihr Blick auf eine enorme, hoch über der Straße angebrachte Videotafel. Eine Life-Übertragung aus Rio de Janeiro war zu sehen, gefilmt aus einem Helikopter, der sich rasch von dem Großstadtmoloch entfernte. Die zitternde Hand des Kameramannes zeigte auf den Ozean und auf die Raketen, welche sich schnell auf die Stadt zubewegten. Der Anblick brachte die wogende Menge fast gänzlich zum Erstarren.

Für einen Moment, schien die Welt still zu stehen.

Der Helikopter passierte die dreißig Meter hohe Christusstatue, die auf einem Berg über der Stadt wachte, als eine der Raketen rapide zu sinken begann. Wenige Sekunden später verwandelte ein Lichtblitz, stärker als tausend Sonnen, die Statue in einen kreuzförmigen Schatten. Die Übertragung erlosch einen Moment später, abgelöst von statischem Rauschen. Freyas Beine versagten ihr für einen Moment und ein allgemeines Wehklagen entrang sich der Masse.

„Anton ...", sagte Freya wie betäubt.

„Ich weiß", antwortete er.

Das Ende hatte begonnen.

GötterdämmerungWo Geschichten leben. Entdecke jetzt