Kapitel 1

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PoV Stegi

Als meine Zimmertür durch ein leises Knarren geöffnet wurde hob ich erneut meinen Kopf, ich war wohl vorhin eingedöst. Mein Vater streckte den Kopf herein.

"Stegi, du solltest langsam aufstehen, sonst kommen wir erst spät in Essen an. Hast du schon alles gepackt?"-"Jaja, ich komme gleich runter zum Frühstück.", murmelte ich verschlafen. Er brummte kurz als Zustimmung und kurz darauf hörte ich ich ein leises Klicken, als die Tür in ihr Schloss fiel.

Achja, Essen. Der Umzug.

Vor ca. zwei Monaten erfuhr mein Vater, dass er einen viel besser bezahlten Job in der weit entfernten Stadt bekommen hatte, aber meine Mutter arbeitete hier in Karlsruhe. Das Ironische an der ganzen Sache war, dass wir schon einmal vor langer Zeit in Essen gewohnt haben, bis ich fünf oder sechs Jahre alt war. Dann sind wir aus denselben Gründen wie auch jetzt hierher gezogen. Lächerlich, einfach nur lächerlich. Nun mussten sich meine Eltern entscheiden: Als Familie nach Essen ziehen oder in Karlsruhe bleiben? Denn es stand fest, dass mein Vater nicht alleine wohnen sollte. Ich, ein Genie vom höchsten Ausmaß, habe dann vorgeschlagen, dass meine Mutter und meine Schwester hier bleiben sollten während mein Vater und ich nach Essen zogen. Nach langem Überlegen stimmten sie mir zu, aber ich sah, wie meine Mutter sich dagegen sträubte, ihren kleinen Stegi  in eine andere Stadt zu schicken. Nach einem halben Jahr sollten wir dann nochmal entscheiden, wo wir als ganze Familie bleiben wollten. Das ganze war eine Art Experiment.

Ich schwang mich aus dem Bett und tapste geradeaus zum Badezimmer. Ich blickte in den kleinen Spiegel über dem Waschbecken. Ein 17-jähriger blasser Junge mit strohblonden Haaren schaute mich an und seine grünblauen Augen funkelten schwach. Er war müde, erschöpft. Ausgelaugt.

Ich nahm meine Zahnbürste und die Zahnpasta, die kleine Tube flog mir aber wie verhext aus der Hand und landete elegant auf dem schönen roten Teppich, auf dem sie einen mehr oder weniger hübschen weißen Fleck hinterließ. GG Stegi. Wenn es eine Auszeichnung für die tollpatschigste Person dieses Universums geben würde, hätte ich diese schon mehr als oft verdient. Sachen herunterfallen lassen oder über die eigenen Beine stolpern, das war alles kein Problem für mich. Meine Familie fand das nicht annähernd so amüsant wie ich, von dem Geld, die sie für neue Teller und Tassen ausgaben hätten sie sich schon einen Kleinwagen kaufen können. Naja, ich war eben so.

Als ich im Bad fertig war und mich umgezogen hatte, ging ich langsam die Treppe herunter und setzte mich in der Küche an den Esstisch zu meiner Familie. Meine Mutter seufzte traurig. "Das wird jetzt erstmal das letzte Frühstück als Familie."-"Ach Mama, wir werden Papa und Stegi ganz oft besuchen oder sie kommen zu uns, du wirst schon sehen, das wird alles gut gehen", meinte Marie aufmunternd und lächelte. Ich schaute zu ihr. Sie hatte lange braune Haare und ähnelte vom Aussehen eher meinem Vater, nur an denselben blaugrünen Augen konnte man klar erkennen, dass wir Geschwister waren. Auch innerlich unterschied sie sich sehr von mir, ihre positive Art und ihr ansteckendes Lächeln  waren unverkennbar an ihr während ich eher die stille Variante war. Nicht schlecht gelaunt, einfach nur zurückhaltend, schüchtern. An ihr konnte man sich eigentlich ein gutes Beispiel nehmen.

"Wir rufen dich jeden Tag an und erzählen dir alles", riss mich die Stimme meines Vaters aus meinen Gedanken," jede Kleinigkeit werde ich erwähnen." Meine Mutter  lachte und drehte sich dann zu mir. "Ach Stegi", setzte sie nach einer kurzen Pause an, "Wirst du das hier nicht vermissen? Deine Schule? Deine Freunde?" Ich lächelte sie beruhigend an."Keine Sorge, ich werde den Kontakt zu ihnen behalten und ich schaff' das schon mit der neuen Umgebung." Das schien sie zu freuen denn sie fing an, mit meinem Vater über meine neue Schule zu reden. Mir hingegen versetzte jeder Satz den ich gesagt hatte einen kleinen Stich ins Herz, jedes Wort, mit dem ich ihr ins Gesicht log, schmerzte mehr als das Letzte. Ich würde meine Schule nicht vermissen, ich würde meine Freunde nicht vermissen. Ich besaß nicht mal welche. Und ich würde die täglichen Hänseleien nicht vermissen. Als 'Schwuchtel' war man eben nicht so beliebt in der Schule. Es war doch sowieso meine Schuld, ich hätte meinem ehemaligen Kumpel nicht vertrauen sollen, ihn nicht in mein Geheimnis einweihen sollen. Das ging jetzt schon zwei Jahre. Meiner Familie hatte ich nichts erzählt, sie wussten nicht einmal, dass ich nicht wirklich auf Mädchen stehe. Sie haben nie bemerkt wie ich leide. Ich habe es aber auch gut getarnt, habe alle möglichen Geschichten erfunden, ich wollte nur nie, dass sie sich Sorgen machten. Ich seufzte leise und beobachtete meine Frühstücksflocken, wie sie sich in der Milch bewegten.

Es wurde Zeit für einen Neuanfang.

Für wahre Freunde.

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Sooo, das war Kapitel 1 :3

Hoffe, es hat euch gefallen und bis zum nächsten Kapitel, Tschüüüss! ^^

Leaves I Stexpert FFWo Geschichten leben. Entdecke jetzt