Die blinde Frau

579 0 0

Ich wohnte in einer WG eines mehrgeschössigen Wohnhauses. Irgendwie schaffte ich es nie auf unsere Toilette, weil sie ständig besetzt und die Tür zum Badezimmer oft verschlossen war. Das nervte allmählich gewaltig! Aber wer muss, der muss.

Da ich natürlich nicht in unser Spülbecken pinkeln wollte, klaute ich mir einen roten Eimer aus unserem Spülschrank, begab mich in mein Zimmer, verriegelte die Tür und verrichtete mein kleines Geschäft. Mehrmals, denn ich hatte zuvor viel zu viel Wasser uns Saft getrunken, was nun alles wieder heraus wollte.

Doch wo sollte ich den Eimer entleeren, nachdem ich meine Geschäfte verrichtet hatte? In unser Badezimmer kam ich nicht, da es schon wieder oder immer noch besetzt war. Also schnappte ich mir den Eimer und zog durch das Haus auf der Suche nach jemandem, der mich kurz in sein Badezimmer einlässt.

Ich klopfte und klingelte an vielen Türen, doch sie blieben verschlossen. Im Erdgeschoss hatte ich dann aber Glück. Ein junger Mann öffnete mir und entschuldigte sich für das Chaos im Haus. Ich verstand ihn nicht und starrte ihn etwas verwirrt an. Er dachte wohl, dass ich mich beschweren wolle, klärte ihn deshalb auf und bat um das Aufsuchen seines Badezimmers. Der junge Mann trat zur Seite, ließ mich eintreten und erklärte mir, dass er mit seinem Bruder und seiner blinden Mutter heute in diese 2-Etagen-Wohnung eingezogen sei. Darum also das Chaos und die Verwirrung an seiner Wohnungstür.

Der junge Mann, der sich mir noch nicht vorgestellt hatte, nahm mir meinen roten Eimer aus der Hand. Ich wollte protestieren, doch er war schneller. Er brachte den Eimer in die Küche, wobei er unterwegs mit seinem Bruder zusammenstieß und der Eimer stark zu schaukeln begann, so dass ein paar Tropfen seines Inhaltes - meines Inhaltes - auf den Teppichboden klatschte.

Ich lief hochrot an, es war mir extrem peinlich und wollte mich sogleich auf die Urinpfütze stürzen. Doch der junge Mann war schon dabei die verlorenen Tropfen mit einem Lappen aufzuwischen. Ich hoffte sehr, dass er nicht riechen oder ahnen konnte, was da auf seinem Teppich gelandet war. Peinlich berührt und stocksteif blieb ich stehen und sagte kein einziges Wort.

Da tauchte auch schon seine blinde Mutter an der Wendeltreppe von unten auf und erkundigte sich nach dem Besuch, der an der Wohnungstür geläutet hatte. Nach mir.

Ich versteifte mich noch mehr, wurde aber von ihrem Sohn, der noch immer den Urinlappen in seiner Hand hielt, zur Treppe geschoben und gleich in eine Unterhaltung mit seiner Mutter verwickelt, die zugleich neugierig auf mein Gesicht war und es mit beiden Händen abtasten wollte. Ich wich einen kleinen Schritt zurück, da dies für mich unbekanntes Terretorium und sie eine fremde Frau für mich war.

“Du brauchst keine Angst haben. Ich tue dir nichts. Ich möchte nur gern wissen, wie du aussiehst.” gab die ältere Dame mit sanften Worten von sich und streckte mir ein wenig neugierig ihre Hände entgegen. Ich ging zaghaft wieder einen Schritt auf sie zu, so dass wir uns auf der Wendeltreppe gegenüberstanden und ließ die blinde Frau gewähren.

Gleich darauf berührten mich ihre warmen mütterlichen Finger in meinem Gesicht, welches sie sorgfältig abtastete.

“Du hast eine wunderschöne kleine Nase! Das gefällt mir!” gab sie entzückt von sich.

“Äh...dankeschön!” stammelte ich verlegen.

“Welche Augen- und Haarfarbe hast du?” wollte sie weiter wissen.

Ehe ich antworten konnte, kam der Sohn, der mir die Tür geöffnet hatte, zu uns und sprach mit sanfter Stimme, die seiner Mutter ein wenig glich:

“Sie hat kastanienbraunes Haar und tiefblaue Augen.”

“Eine wunderschöne Kombination.” gab die Mutter begeistert zurück.

“Dankeschön.” erwiderte ich lächelnd, wobei ich die Berührungen der Frau in meinem Gesicht nun etwas mehr genoss.

“Du gefällst ihm!” sagte die Mutter und verwies damit auf ihren Sohn, der gerade wieder gehen wollte. Er hielt in seiner Bewegung abrupt inne, drehte sich zu uns um und wollte protestieren:

“Mom!”

Sie lachte und ich wollte wissen, woran sie das erkannte hatte.

“Schätzchen, wenn du so lange mit jemandem zusammenlebst wie ich, hörst du an seiner Stimme, wenn er etwas besonders mag.”

Sie zwinkerte mir entzückt zu und lächelte.

“Kommst du mit in den Hof? Dort wartet eine Überraschung.”

Eigentlich hasste ich Überraschungen, aber ich war zu neugierig und angetan von dieser freundlichen Frau, dass ich ihr die Wendeltreppe hinunter bis auf den Hof folgte.

Es war beeindruckend, wie elegant sie sich vor mir bewegte und mich zum Hof führte. Dabei hätte es doch auch anders laufen sollen, oder nicht?

Im Hof erblickte ich zwei Pferde, drei Ponys und eine Horde kleiner Kinder um sie herum und musste lächeln.

“Wie haben Sie die Tiere hier hinein bekommen? wollte ich wissen.

“Das ist ein Geheimnis, Schätzchen!” und wieder zwinkerte sie mir zu.

Die Mutter und ich nahmen auf einen der Bänke im Hof platz und beobachteten das bunte Treiben eine Weile. Der Sohn, der mir die Tür geöffnet hatte, leistete uns bald darauf Gesellschaft und nahm neben mir Platz. Das bekam ein kleiner Junge mit, der uns schon eine Weile von weitem beobachtet hatte, stürmte auf uns zu, griff nach meiner Hand und wollte mich mit sich ziehen.

“Timo, warte! Wo willst du denn mit unserem Gast hin?” fragte mein Banknachbar.

“Weg von dir! Sie ist meine Freundin und sie soll mir bei einer Vorführung helfen!” erklärte Timo eifrig, wobei er meine Hand ganz fest hielt. Dann stürzte er mit mir davon und mein Banknachbar musste hilflos mit ansehen, wie mich sein jüngerer Neffe entführte. Seine blinde Mutter schmunzelte hingegen vergnügt.

“Hier, die musst du anziehen!” forderte Timo mich auf und reichte mir ein paar viel zu kleine Schuhe. Kinderschuhe wohl gemerkt!

“Aber die sind mir doch viel zu klein!” erwiderte ich.

“Du musst sie aber anziehen!” flehte er mit einem toll inszenierten Hundeblick.

Ich ließ mich von ihm breitschlagen, ließ mich auf den Boden plumpsen, zog mir eine meiner Sandalen aus und versuchte meinen Fuß ernsthaft in einen der kleinen Schuhe zu quetschen. Doch die Schuhe waren viel zu klein.

Betreten sah ich den kleinen Jungen an und sagte: “Die passen mir nicht! Schau!”

“Du musst dir nur mehr Mühe geben!” gab der kleine Knopf von sich.

“Kuck doch mal, mein Fuß ist fast doppelt so groß wie der kleine Schuh hier!”

Da kam mir mein Retter zur Hilfe, doch er sah auch das Dilemma und ahnte, was gleich darauf losgehen würde...

“Kann sie nicht einen anderen Schuh nehmen?” fragte er seinen jüngeren Neffen Timo, der betreten vor uns stand und auf meine großen Füße und die kleinen Schuhe kuckte. Dabei zeigte der Sohn der blinden Frau auf seine Schuhe, die mir allerdings viel zu groß waren.

“Nein. Damit sieht sie doch aus wie ein Clown und nicht wie eine schöne Ballerina!” protestirte Timo und verzog einen Flunsch.

Das sah so unglaublich toll aus, dass ich in schallendes Gelächter ausbrach und mich kaum mehr vor Lachen halten konnte. Alle anderen stimmten in mein Lachen ein, so dass eine fröhliche Stimmung im Hof herrschte.

Es war ein sehr schöner Nachmittag in einer liebevollen Familie, bei der ich mich sogleich dazugehörig fühlte.

Schon allein deshalb, weil gleich zwei tolle “Männer” ein Auge auf mich geworfen hatten und eine lievevolle Frau mich wie ihre Tochter in ihren Kreis der Familie aufnahm.

Von diesem Tag an war ich fast mehr in dieser Wohnung als in meiner eigenen einige Etagen höher...



Kurz-GeschichtenLies diese Geschichte KOSTENLOS!