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POV Faister
Ich konnte es kaum fassen, gleich würde ich Niek küssen. So richtig. Mein Herz raste schon die ganze Zeit, und in meinem Bauch kribbelte es unaufhörlich. Nervös kaute ich auf dem Kaugummi herum, den ich kurz vorher genommen hatte, nachdem Sarah lachend meinte, wir sollten besser checken, ob unser Atem nicht komisch roch.
Niek dagegen konnte keine Sekunde stillstehen. Er lief ständig im Zimmer auf und ab, ging hinaus in den Flur, kam wieder herein, blieb kurz stehen, nur um gleich wieder die Richtung zu wechseln. Fast so, als würde er selbst nicht wissen, ob er überhaupt hier sein wollte.
Die Wohnung war immer noch voller Leute. Stimmen schwirrten durcheinander, das dumpfe Lachen aus der Küche vermischte sich mit der Musik, die dort leise von einem Handy lief, Aufnahmen des Konzerts. Überall standen halbvolle Gläser und Flaschen herum, der Geruch von Alkohol hing schwer in der Luft. Nach und nach wurden es weniger Leute, einer nach dem anderen verabschiedete sich, und mit jedem, der ging, wurde es ein bisschen stiller.
Ich lehnte mich leicht an den Tisch vor mir und sah in mein halbvolles Glas. Immer wenn Niek den Raum betrat, wich er meinem Blick aus. Er sah auf sein Handy, sah in den Chat, schob eine Dose zur Seite. Alles, nur nicht in meine Richtung schauen. Irgendwann, als er wieder aus dem Raum ging, beugte ich mich zum Mikro, dass vor mir stand, und flüsterte verschwörerisch: „Er ist richtig schüchtern."
Sahra grinste breit, ihre Augen blitzten, und sie nickte nur. Kichernd stimmte sie mir zu und wir führten das Gepräch etwas weiter. Das reichte schon, um mich selbst zum Kichern zu bringen. Vielleicht lag es am Alkohol, vielleicht daran, dass die ganze Situation so absurd war, aber dieses Kichern kam immer wieder, ganz unkontrolliert. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, und je länger er so tat, als wäre ich unsichtbar, desto mehr wollte ich etwas sagen, irgendetwas, um diese Spannung zu durchbrechen.
Ich spürte, wie meine Hände unruhig wurden. Ich drehte das Glas in meinen Fingern, nahm hier und da ein paar Schlücke, und jedes Mal, wenn er kurz zur Tür hereinschaute, hielt ich automatisch die Luft an. Es war, als würden alle anderen Geräusche leiser, sobald er auftauchte, und erst wieder lauter, wenn er den Raum verließ.
Die meisten waren inzwischen weg, Henke spannte Nachrichten in den Chat und wir meinten die ganze Zeit, er soll doch vorbeikommen. Jetzt gerade waren es laut meiner Wahrnehmung nur noch wir vier hier, und Niek hatte endlich keinen Grund mehr, die ganze Zeit aus dem Zimmer zu verschwinden. Ich wollte in den Chat schauen, einfach um mich abzulenken, aber fast jede dritte Nachricht war nur ein einziges Wort: „Küssen."
Niek, der direkt neben mir stand, räusperte sich plötzlich. Seine Stimme war erst leise, dann fester, als er die Mädels bat, ins Wohnzimmer zu gehen. Ohjemnie. Nach einer kurzen Diskussion und ein paar neckischen Kommentaren zogen die beiden tatsächlich ab, und die Tür schloss sich leise hinter ihnen.
Jetzt war es nur noch er und ich. Der Raum fühlte sich sofort kleiner an, dichter, so als hätte jemand die Luft ein wenig schwerer gemacht. Niek versuchte, das Ganze mit oberflächlichen Fragen zu überspielen. Ich spielte mit, antwortete locker, tat so, als wäre alles normal, meinte irgendwas mit dem Wetter.
Dabei wusste ich genau, dass es keinen Weg mehr zurück gab. Die ganze Situation war schon längst größer als wir, größer als der Raum, größer als die Kamera, die immer noch lief. Jeder im Chat wartete nur auf das eine. Und ehrlich gesagt, ich auch.
Ich hielt mein Glas fester, als müsste ich mich daran festhalten, und während er neben mir sprach, hörte ich gar nicht mehr richtig zu. Ich hab nur noch Wortfetten von mir. Ich nahm jede Bewegung von ihm wahr, wie sein Blick immer wieder kurz zu mir wanderte und sofort wieder wegsprang.
