Sagen Sie einfach Adolf

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Adolf Heinrich Hengsbach hechtete mit langen Schritten die steile Treppe zu jener Dachwohnung am Obermarkt 1b empor, die er seit seiner Rückkehr aus dem spanischen Exil bewohnte. Eigentlich wollte er schon nach einem viertel Jahr diese kleine, dunkle Fachwerkbehausung wieder verlassen, doch seit nunmehr sechs Jahren schob er diese Aus- und Umzugspläne vor sich her.

Er stürmte ins Bad und sah sein Gesicht im Spiegel. Frau Wüllesheim hatte seine Blessuren behandelt, bevor er in den Unterricht ging. Eigentlich sah alles wieder gut aus, doch Hengsbach beschloss, unter die Dusche zu springen und die dreißig Minuten, die ihm noch blieben, der Pflege seines äußeren Erscheinungsbildes zu widmen.

Wann hatte er sich das letzte Mal mit einer Frau getroffen? Mit einer Frau, die nicht seine Chefin war? Das war viele Jahre her. Und dass diese Frau 18 Jahre jünger war als er, war auch etwas Besonderes.

Sonja Bergmann hatte sich entschlossen, Hengsbach am Abend zum Essen einzuladen – zu einem Entschuldigungsessen in einem Lokal seiner Wahl. Eigentlich wäre das sein Part gewesen, denn reife Männer haben mit ihren Rädern nun mal nichts in Fußgängerzonen zu suchen, wenn sie Rennen unbedingt gegen die Zeit fahren mussten. Doch die junge Schwedin war mit ihrer Einladung schneller – aber wahrscheinlich war sie auch hungriger. So stand sie bereits zehn Minuten vor der verabredeten Zeit auf dem leicht abschüssigen Platz mit dem schmucken Bronzebrunnen mitten in der Altstadt und vertrieb sich die Zeit, indem sie die Umdrehungen des quietschenden Wasserrades zählte.

Punkt 19 Uhr trat Hengsbach aus der Tür und war keine zwei Minuten später am „Treidelbrunnen" angelangt, einem Geschenk des örtlichen Geldinstitutes zum 150. Firmenjubiläum an die Stadt.

„Herr Hengsbach, ich freue mich."

„Die Freude ist ganz auf meiner Seite, aber sagen Sie einfach Adolf."

„Adolf?"

„Tja, wenn man am 20. April Geburtstag hat, war Adolf lange Zeit kein ungewöhnlicher Name für ein Kind in Deutschland. Meine Mutter hat immer gesagt, 30 Jahre früher geboren und die ganze Stadt hätte die Fahnen rausgeholt. Aber wenn ihnen Adolf nicht gefällt, sagen sie einfach Heinrich, das passt ja auch."

Sonja Bergmann nickte. Der 20. April spielte auch in ihrem Leben eine besondere Rolle.

„Und Sie sagen bitte Sonja zu mir, in Schweden sind wir alle per Du. Wo wollen wir hingehen? Haben sie ein Stammlokal?"

Hengsbach kratze sich am Bart – konnte er die junge Frau mit zu Metin ins Schnellrestaurant nehmen? Wohl nicht.

„Lassen sie uns zum Untermarkt gehen, gleich hier um die Ecke. Vorne beim Alten Rathaus ist ein ganz nettes Restaurant in einem Fachwerkhäuschen, bodenständig westfälisch und sehr gut."

Die junge Frau nickte und überraschte Hengsbach, indem sie sich bei ihm einhakte. Gemeinsam schlenderten die Beiden über das Kopfsteinpflaster. Es war ein schöner Juniabend, die ersten Geschäfte sperrten gerade erst zu und Hengsbach lotste die Schwedin an den Tischen vor dem Lokal vorbei, schob sie durch die Gaststube und an der Rückseite des Hauses wieder hinaus.

„Fast ein Geheimtipp, dieser Biergarten. Die Touristen bleiben zum Glück alle vorne sitzen und wir Einheimischen machen es uns hier im Innenhof gemütlich."

Auf der Rückseite des Lokals öffnete sich ein trapezförmiger, von roten Schirmen und grünen Bäumen beschatteter und von schwarz-weißen Fachwerkhäusern umstandener Hof.

„Was führt sie nach Hattingen?" wollte Hengsbach wissen, nachdem er für sich ein großes Bier und für die Schwedin einen Hattinger Sekt geordert hatte.

„Urlaub?"

„Nein, kein Urlaub. Ich wandle hier, wie sagt man? Ich wandle auf den Spuren meiner Familiengeschichte."

„Kommt ihre Familie denn aus Hattingen?"

„Nein, aber meine Großmutter und mein Vater sind beide in Hattingen beerdigt."

Hengsbach bekundete sein Beileid.

„Ich bin nun hier weil ich erfahren möchte, warum sie in Hattingen gestorben sind. Mein Vater hatte mir kurz vor seinem Tod einen Brief aus Hattingen geschrieben in dem er andeutete, dass seine Mutter, also meine Großmutter, in dieser Stadt ermordet wurde. Und mein Vater selbst ist einen Tag, nachdem er mir den Brief nach Schweden geschrieben hatte, bei einem Unfall ums Leben gekommen."

„Auch hier in Hattingen?"

Sonja nickte und erzählte Hengsbach, dass man vor 22 Jahren ihren Vater tot im Stadtwald gefunden hatte.

„Ist ja nicht wahr?!" Adolf Heinrich Hengsbach hob seine Augenbrauen. „Das war am 20. April 1992, meinem 28. Geburtstag, und das war im Schulenberger Wald. Stimmts?"

Die Schwedin nickte: „Ja, so war das. Sie erinnern sich?"

„Ja, mein erster Toter."

Die Kellnerin, eine dralle Dunkelhaarige mit beeindruckendem Ausschnitt, störte die Unterhaltung und wollte die gewünschten Speisen notieren.

„Was nehmen sie, Adolf?"

Hengsbach bestellte gebratenen Panhas mit Spiegelei, die Schwedin einen leichten Salat der Saison.

„So, so, dann war das also ihr Vater."

„Ja, und warum war Papa ihr erster Toter?"

„Ich war einer der Streifenbeamten, die an diesem Tag Dienst hatten."

„Erzählen sie mir, was damals geschehen ist?"

Hengsbach nickte, nahm einen Schluck Bier und bemühte sich, seine Erinnerungen für Ortsfremde halbwegs nachvollziehbar zu formulieren.

A. H. Hengsbach und die Schatten des KriegesLies diese Geschichte KOSTENLOS!