Final Countdown

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Die Nachricht kam mitten in der Stille.
Basti hatte nicht geschlafen, nicht wirklich. Die Stunden waren an ihm vorbeigezogen wie ein Film, in dem er keine Rolle spielte. Irgendwo zwischen Müdigkeit und diesem schwebenden Gefühl, dass etwas nicht stimmte, war sein Handy plötzlich aufgeleuchtet.

Wir müssen reden.

Er hatte den Satz viermal gelesen, dann das Display ausgeschaltet. Dann wieder angeschaltet. Es war Kevins Nummer. Keine Emojis. Nur diese drei Worte. Und Basti wusste nicht, was genau daran ihm den Boden wegzog: dass Kevin überhaupt schrieb, oder dass er nichts schrieb, das irgendeine Richtung erkennen ließ.

Er saß auf dem Bett, die Beine angewinkelt, den Rücken gegen die Wand gelehnt. Die Decke lag verkrumpelt neben ihm, das Zimmer wirkte aufgeräumt, fast zu ordentlich für den Zustand, in dem er sich befand. Alles war in Bewegung, aber nichts außen.

Er antwortete nicht. Noch nicht.

Irgendwas an der Nachricht fühlte sich falsch an. Nicht feindlich. Nicht kalt. Nur... fremd. Wie etwas, das zwischen den Zeilen brannte, aber ohne sich zu zeigen.

Was genau sollte dieses Gespräch sein? Ging es um sie? Um Masha? Um das, was unausgesprochen zwischen ihnen allen in der Luft hing?

Basti fuhr sich durchs Haar, drückte sich von der Wand ab und stand langsam auf. Er ging ein paar Schritte durchs Zimmer, ohne Ziel. Dann blieb er am Fenster stehen, sah hinaus auf den leeren Innenhof. Kein Licht brannte mehr, nirgends. Alles schlief. Außer ihm.

Er spürte, wie sich ein Druck in seiner Brust ausbreitete. Es war kein richtiger Schmerz, mehr ein Unbehagen, das sich nicht abschütteln ließ. Vielleicht war es auch Wut. Oder Angst. Oder beides.
Denn tief in sich wusste er, dass sich etwas verändert hatte. Dass irgendetwas in Bewegung geraten war, ohne dass er mitgegangen war.

Kevin schrieb ihm selten direkt. Und wenn, dann nie so. Nie ohne Kontext. Nie ohne einen dieser kleinen Versuche, die Dinge leichter zu machen. Ein Smiley. Ein dummer Spruch. Irgendwas. Aber hier war nichts.

Er ging zurück zum Bett, ließ sich aufs Laken sinken und starrte an die Decke. Es war merkwürdig, wie viel Gewicht vier Wörter haben konnten, wenn man sie im richtigen Moment bekam. Oder im falschen.

Er hatte Kevin nie direkt gefragt, was das zwischen ihnen war. Hatte es nicht gewagt, obwohl da Momente gewesen waren – Blicke, Berührungen, Sekunden zu lang. Aber jedes Mal war es wieder weggepackt worden, weggelacht oder übergangen, als wäre es nur Einbildung.

Aber es war keine Einbildung.

Nicht für ihn.

Vielleicht war genau das der Grund, warum ihn diese Nachricht so aus dem Gleichgewicht brachte. Weil sie klang wie ein Schnitt. Oder ein Geständnis. Oder beides.

Er griff wieder nach dem Handy, ließ den Daumen über das Display gleiten, öffnete den Chatverlauf. Nichts davor. Die letzte Nachricht war Tage alt, irgendwas Belangloses. Und jetzt das.

Er tippte langsam:
Okay. Wann?

Dann schickte er es ab.

Keine Antwort. Nicht sofort. Nur das bekannte Blau auf dem Display. Gelesen.

Basti ließ das Handy sinken. Es war, als würde er durch eine Tür gehen, ohne zu wissen, was dahinter lag. Vielleicht war das Gespräch längst überfällig. Vielleicht kam es zu spät. Vielleicht war es das Letzte.

Er wusste es nicht.

Aber er wusste, dass er hingehen würde. Egal, wie sehr es ihn verunsicherte.

Denn irgendwann, das war ihm in dieser Nacht klar geworden, musste irgendwer den ersten Schritt machen. Auch wenn man Angst davor hatte, was man dabei verlieren konnte.

Oder was man dabei fand.

Ich, gegen das was ich fühle. (Bastiplatte)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt