Und plötzlich ergibt alles Sinn

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Ich hatte das Handy schon eine halbe Stunde in der Hand, bevor ich mich traute, die Nachricht ein zweites Mal zu lesen.

Basti hatte endlich geschrieben.

Nicht lang. Keine halbe Lebensbeichte.
Aber es war genug.
Genug, um mein Herz zum Stolpern zu bringen.

„Ich hab mich verändert. Und ich weiß, dass du das merkst. [...] Ich versuche ehrlich zu sein, ohne dir zu sagen, was los ist. Klingt das dumm? Wahrscheinlich. Aber es ist das Einzige, was ich gerade hinkriege."

Ich las es wieder.

Dann nochmal.

Und noch einmal.
Diesmal langsam.
Wort für Wort.
Buchstabe für Buchstabe.

Ich hatte in den letzten Tagen so viel darüber nachgedacht, dass meine Gedanken inzwischen wie festgefahren wirkten. Immer dieselben Schleifen.
Was hab ich falsch gemacht?
Warum zieht er sich zurück?
Warum ist er auf einmal... so anders?

Ich hatte mich durch jeden verdammten Moment gehangelt, in dem ich das Gefühl gehabt hatte, dass zwischen uns was kippt. Und ich hatte mir eingeredet, es sei meine Schuld.

Bis Masha.

Bis sie ihn konfrontiert hatte.
Bis sie ausgerechnet mir sagte, ich solle mal darüber nachdenken, warum er auf Abstand geht.

Und dann diese Sätze.

„Ich brauch keinen Abstand, weil du was falsch gemacht hast. Ich brauch Abstand, weil ich was nicht richtig hinkrieg."

Ich las sie und es war, als würde sich in mir etwas umdrehen.
Nicht unangenehm.
Aber so... endgültig.
Als hätte mein Kopf gesagt:
Du weißt, was los ist. Sag es dir einfach laut.

Ich stand auf. Ging in die Küche. Machte mir einen Kaffee, obwohl es fast Mitternacht war.
Der Dampf aus der Tasse stieg auf, wie Nebel in meinem Kopf, der sich endlich lichtete.

Ich kannte Basti.
Ich kannte ihn gut.
Vielleicht besser als alle anderen.

Ich kannte ihn, wenn er so tat, als wär ihm was egal, aber die ganze Nacht nicht schlafen konnte.
Ich kannte ihn, wenn er einen Witz machte, nur um die Aufmerksamkeit von seinem Blick abzulenken.
Und ich kannte ihn, wenn er sich vor der Wahrheit drückte, weil sie größer war als er selbst.

Und diesmal...
Diesmal war es nicht einfach nur irgendwas.

Diesmal war es ich.
Ich war die Wahrheit, vor der er flüchtete.

Und plötzlich ergab alles Sinn.

Die Blicke. Die Gespräche, die sich auflösten, sobald Masha den Raum betrat.
Die Stille, die immer schwerer wurde, je länger wir sie nicht ansprachen.
Sein Versuch, mich wegzuschieben, ohne mir wehzutun.

Und mein ständiges Gefühl, zwischen zwei Menschen zu stehen, die sich gegenseitig nicht ertragen konnten, ohne je wirklich einen Streit gehabt zu haben.

Ich ließ mich an die Wand in der Küche sinken, setzte mich auf den kalten Boden.
Die Kaffeetasse in den Händen.
Meine Gedanken im Schleudergang.

Er hatte es nicht gesagt. Nicht direkt.
Aber ich hatte nie etwas so deutlich gelesen.

Er hatte Gefühle. Für mich.
Und er hatte Angst, dass ich es wüsste.

Ich schloss die Augen.
Und was ich dann fühlte, war kompliziert. Nicht Ablehnung, nicht Wut. Auch kein Mitgefühl allein.

Es war... Verlust.
Aber ein stiller.
Als hätte ich etwas verloren, das ich nie wirklich hatte, weil ich es nie bemerkt hab.

Und da war auch... eine Art Schmerz.
Weil ich ihn hatte straucheln lassen, ohne es zu merken.

Ich hatte Masha gefragt, was sie wusste, und sie war ausgewichen.
Jetzt wusste ich, warum.
Vielleicht hatte sie's geahnt. Vielleicht sogar früher als ich.

Und ich?

Ich hatte's übersehen.
Ich hatte's verdrängt.
Und dann war ich weiter mit ihr zusammen, hab Basti zu dritt eingeladen, als wär das alles normal.

Aber es war nie normal.

Nicht für ihn.

Ich stand auf, lief zurück ins Wohnzimmer, ließ mich aufs Sofa fallen.
Der Fernseher war noch an. Irgendein YouTube-Video lief weiter, auf Pause geschaltet, seit Stunden.

Ich nahm das Handy.
Öffnete den Chat.
Starrte auf die Nachricht.

Ich wollte schreiben.
Wollte irgendwas sagen.
Aber ich wusste, wenn ich ihm jetzt antworte, würde ich's kaputtmachen.

Er war an seinem Limit.
Er hatte mir so viel gesagt, wie er konnte, und jetzt war ich dran, das zu respektieren.

Also ließ ich den Cursor blinken.
Tippte nichts.
Schloss den Chat.

Ich war mir sicher.
So sicher wie noch nie.

Er hat sich in mich verliebt.
Und jetzt hatte er Angst, mich zu verlieren.


Ich wusste nur nicht, ob es nicht vielleicht schon zu spät war.

Ich, gegen das was ich fühle. (Bastiplatte)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt