Mehr als du denkst

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Es war fast Mitternacht.
Die Nachricht war raus. Und gelesen.
Aber keine Antwort.

Wieder nicht.
Langsam drehte ich durch.

Ich saß auf dem Sofa, die Playlist war aus, aber ich hatte sie sowieso schon seit drei Liedern nicht mehr gehört. Mein Blick klebte am Handy, obwohl ich mir hundert Mal gesagt hatte, dass ich es weglegen soll.

Aber ich konnte nicht.
Nicht, wenn er einfach so verschwinden konnte.
Nicht, wenn alles gerade so auseinanderfiel, und keiner sagte warum.

Ich hörte eine Tür im Flur.
Masha.

Ich zuckte leicht zusammen. Sie hatte sich in den letzten Tagen kaum blicken lassen. Seit dem Abend, an dem sie Basti konfrontiert hatte, war sie seltsam still. Nicht sauer. Nicht laut.
Nur... irgendwie auf Abstand.

Vielleicht war es meine Schuld.
Ich hatte sie nicht verteidigt.
Nicht eingegriffen.
Nichtmal richtig gefragt, was eigentlich ihr Problem mit Basti war.

Jetzt trat sie in den Raum, sah mich an, sah das Handy in meiner Hand.

„Wartest du auf eine Nachricht von ihm?" fragte sie leise, ohne Vorwurf. Nur trocken.

Ich sah sie an. „Was meinst du?"

„Du weißt genau, was ich meine."
Sie blieb stehen. Ihre Arme verschränkt, ihre Augen müde.

Ich antwortete nicht.
Was hätte ich sagen sollen?
Ja, ich warte.
Ja, ich hoffe, dass mein bester Freund mir endlich sagt, warum er mich aus seinem Leben ausschließt.

Oder... ob er jemals wieder Teil davon sein will.

„Du liebst ihn vielleicht mehr, als du denkst, Kevin", sagte sie plötzlich.
Ohne jeden Übergang. Einfach so.
Ein Messer, das langsam reinging.

„Was?" Ich runzelte die Stirn, war überrascht. „Wovon redest du?"

„Von dir. Von Basti."
Sie atmete durch. „Du merkst es nicht mal, oder? Wie du über ihn redest. Wie du dich verhältst, wenn er nicht antwortet. Wie du mich ansiehst, wenn ich überhaupt seinen Namen erwähne. Du bist nicht mehr richtig bei mir, Kevin. Du bist die ganze Zeit bei ihm."

Ich stand auf. Ich konnte nicht ruhig sitzen, wenn sie sowas sagte.

„Das ist mein bester Freund. Natürlich ist mir das wichtig, wenn er sich einfach zurückzieht, ohne ein Wort!"

„Du würdest für keinen anderen so kämpfen wie für ihn."
Sie sah mich an, ruhig, fast traurig. „Du hast ihm eine Nachricht geschrieben, in der du schreibst, dass ihr kaputtgeht. Nicht, dass die Freundschaft kaputtgeht. Du hast ihr gesagt, dass ihr kaputtgeht. Merkst du das eigentlich?"

Ich schluckte. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
Weil sie recht hatte.
Weil ich es selber nicht gemerkt hatte.

„Ich... ich mach mir einfach Sorgen, okay? Ich kenn ihn schon ewig. Und... es fühlt sich falsch an, dass er einfach so abtaucht."

Masha schüttelte langsam den Kopf.
„Es fühlt sich falsch an, weil er dir fehlt. Mehr, als du dir eingestehen willst."

Ich sah sie lange an.
Irgendwo in mir wollte ich widersprechen.
Aber ich wusste nicht mehr, ob ich konnte.

Sie wandte sich ab. „Weißt du... ich hab's damals gespürt. Schon in der ersten Woche, in der ich bei dir war. Dieses Ungleichgewicht. Als würde ich gegen eine Erinnerung ankämpfen, die noch da ist. Nur eben in echt."

Ich presste die Lippen aufeinander.
„Was willst du jetzt damit sagen?" fragte ich leise.

Sie drehte sich nochmal zu mir um. Und diesmal war keine Wut mehr da. Kein Frust.

Nur Traurigkeit.

„Ich glaub, du musst dir selbst ehrlich antworten, Kevin. Nicht mir. Nicht Basti. Nur dir."

Dann ging sie.
Einfach so.

Ich blieb zurück. Und starrte wieder auf mein Handy.
Immer noch keine Nachricht.

Irgendwann, viel später, als draußen schon die ersten Vögel zwitscherten,öffnete ich den Chat.
Ich tippte fast schon mechanisch.

„Ich weiß nicht, was du fühlst. Aber ich weiß, was ich nicht will. Ich will nicht, dass du aus meinem Leben verschwindest. Ich will nicht, dass wir so enden."

Ich tippte weiter.

„Wenn du's mir nicht sagen kannst, okay. Aber sag mir wenigstens, ob ich dir noch was bedeute. Irgendwas."

Ich hielt inne. Sah auf die Worte.

Dann löschte ich sie.
Und schloss einfach den Chat.

Ich wusste:
Der nächste Schritt gehörte nicht mir.
Aber verdammt, ich hoffte, dass er ihn macht.

Ich, gegen das was ich fühle. (Bastiplatte)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt