„Wenn du's mir nicht sagst"

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Ich hatte mein Handy die ganze Zeit in der Hand.

Nicht, weil ich darauf wartete, dass Kevin antwortet.
Nicht wirklich.
Aber vielleicht doch.
Aber auch nicht wirklich.

Ich hatte ja schließlich dieses dämliche Meme geschickt.
Ungewollt.
Oder unbewusst gewollt?
Was auch immer.

Jedenfalls hatte ich es nicht mehr gelöscht bekommen.
Und natürlich hatte er es gesehen.

Aber dann kam: Nichts.

Fast zwei Stunden war der Chat ruhig geblieben, und ich hatte mir eingeredet, dass das gut war. Dass es besser war, wenn er es einfach ignorierte, weil dann konnte ich auch wieder ignorieren, was in mir vorging.

Doch dann vibrierte das Handy in meiner Hand.
Und ich wusste sofort: Er ist's.

Ich las die Nachricht nicht direkt.
Ich starrte einfach nur auf die kleinen Vorschauzeilen, während mein Herz raste.
Dann tippte ich sie doch an.

Kevin:
„Brudi. Ich weiß nicht, was los ist. Aber ich halt's nicht mehr aus. Ich will nicht, dass wir kaputtgehen."

Ich blinzelte.
Da stand es.
Kaputtgehen.
Nicht die Freundschaft. Einfach wir.

Als hätte er schon mehr geahnt.

Kevin:
„Und bitte sag mir nicht, dass alles okay ist. Ich merk doch, dass du mich meidest. Ich hab versucht, dir Raum zu lassen. Aber ich fühl mich wie ein Fremder für dich. Und das tut weh."

Mein Herz tat weh.

Ich legte das Handy weg. Nahm's wieder in die Hand. Legte es wieder weg.
Ich stand auf, lief im Zimmer auf und ab, als würde Bewegung helfen.

Aber nichts half.

Da war kein Textbaustein für das, was ich ihm eigentlich sagen wollte.
Weil es nicht in ein paar Zeilen passte.
Weil es nicht fair war.
Weil es falsch war.

Oder?

Ich wollte nicht, dass er mich hasst.
Nicht, dass er sich ekelt oder denkt, dass alles eine Lüge war.
Dass ich sein Vertrauen ausgenutzt hatte, um... um irgendwas zu fühlen, was ich nicht fühlen durfte.

Und dann, als hätte er gespürt, dass ich mit mir kämpfte, kam die nächste Nachricht:

Kevin:
„Sag's mir einfach. Wenn's was mit Masha ist. Wenn's was mit mir ist. Ich halt dieses Warten nicht mehr aus."

Ich fühlte, wie mir plötzlich alles zu viel wurde.

Ich stützte mich am Schreibtisch ab.
Mir war schlecht.
Ich atmete flach.

„Wenn's was mit mir ist."

Ich lachte kurz. Trocken. Verzweifelt.

Wenn er wüsste.

Ich war kurz davor, es einfach rauszuhauen. Alles.
„Ja, es hat mit dir zu tun."
„Ja, ich glaub, ich fühl mehr als ich sollte."
„Ja, ich bin deswegen auf Abstand, weil ich sonst durchdreh, wenn ich euch zusammen seh."
„Ja, ich hasse es, wie gut du aussiehst, und wie gut du bist, und wie sehr ich dich manchmal einfach nur festhalten will."

Aber stattdessen...
Starrte ich einfach auf das Blinkzeichen im Chatfenster.

„Kevin schreibt..."

Er hatte es wieder gelöscht.
Stille.

Ich tippte auf das Antwortfeld. Schrieb:

„Ich kann grad nicht reden. Alles gut. Mach dir keinen Kopf."

Ich sah auf die Nachricht.
Sah, wie falsch sie war.
Wie gelogen.

Ich löschte sie wieder.

Dann legte ich das Handy weg.
Und schloss die Augen.

Ich wusste: Ich konnte so nicht ewig weitermachen.

Aber ich konnte auch noch nicht aufhören.

Ich, gegen das was ich fühle. (Bastiplatte)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt