Annehmen wär schlimmer

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Seit drei Tagen hatte Basti keine Nachricht mehr geöffnet.
Nicht von Kevin. Nicht von sonst wem.
Sein Handy vibrierte immer noch manchmal, aus Gewohnheit ließ er den Ton an, aber er schaute nicht mehr hin. Oder wenn doch, dann nur mit dem Gefühl im Bauch, dass der Bildschirm gleich in Flammen aufgehen könnte.

Kevin hatte versucht, ihn anzurufen. Gestern. Nur einmal.
Der Name stand auf dem Display, so deutlich wie ein Schlag ins Gesicht.
„Kev", mit einem kleinen Blitz-Emoji dahinter. Basti hatte ihn so eingespeichert, irgendwann, als sie mal „Pokémon GO" gespielt hatten und Kevin fast in eine Baustelle gerannt war.
Früher hätte er gelacht, wenn er den Namen gesehen hat.
Jetzt hatte er das Handy einfach umgedreht.

Nicht annehmen war hart.
Aber annehmen wär schlimmer gewesen.

Denn was sollte er sagen?
„Hey, sorry, dass deine Freundin recht hatte und ich in dich verknallt bin?"
„Hey, cool, dass du mich trotzdem magst, aber ich kann dir nicht mehr in die Augen schauen?"

Basti saß auf seinem Bett, das Licht war aus, der Raum fast dunkel. Nur die Lichterkette über seinem Schreibtisch glimmte noch schwach. Er hatte sie nie abgehängt. Kevin hatte sie ihm mal geschenkt. „Damit du beim Streamen nicht aussiehst wie ein Höhlenmensch."

Jetzt streamte er gar nicht mehr. Nicht seit diesem Abend. Sogar seine Streak, die er seit Jahren hielt starb, mit seiner Hoffnung Kevin näher zu stehen, als er es jetzt schon tat.

Er schob das Handy zur Seite, stand auf und ging ein paar Schritte durch den Raum.
Das Fenster war einen Spalt offen. Kalte Luft kroch in seine Lunge, als wollte sie alles runterkühlen, was in ihm kochte.

Er dachte an Kevins Gesicht, als Masha das alles gesagt hatte.
Nicht wütend. Nicht enttäuscht. Einfach... überrascht. So, als hätte jemand ihm eine Wahrheit hingelegt, von der er gar nicht wusste, dass sie möglich war.

Natürlich war er überrascht. Wer will schon hören, dass der beste Freund Gefühle hat, während man selbst in einer Beziehung steckt?

Basti hasste sich dafür.
Nicht für die Gefühle. Die konnte er nicht steuern.
Aber dafür, dass er geblieben war. Dass er da auf der Couch gesessen und gehofft hatte, Kevin würde ihn ansehen. Wirklich ansehen.
Dass er überhaupt gefahren war, obwohl er wusste, dass Masha da ist.
Er hatte geglaubt, er könnte das aushalten.
Er hatte sich geirrt.

Und jetzt?

Jetzt war da nur Stille.
Kevins Anrufversuch lag wie ein Schatten über allem.
Nicht angenommen. Nicht beantwortet.
Aber gelöscht hatte er ihn auch nicht.
Er tippte ein paar Mal auf den Bildschirm, nur um den Namen nochmal zu sehen.
„Kev", mit dem kleinen Blitz.

Basti legte sich wieder aufs Bett, die Decke über den Kopf gezogen.
Vielleicht würde morgen ein besserer Tag.
Vielleicht würde Kevin's Stimme aus seinem Kopf verschwinden.
Oder vielleicht... würde sie einfach bleiben.

Ich, gegen das was ich fühle. (Bastiplatte)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt