Ist doch komisch, oder?

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Die Zugfahrt war lang gewesen. Nicht zeitlich, eigentlich nur zwei Stunden, aber in Bastis Kopf war sie eine Ewigkeit. Jedes vorbeiziehende Dorf, jede Reflektion in der Scheibe war ein Argument dafür, umzudrehen. Und jedes Mal, wenn sein Handy vibrierte.. Kevin, wieder irgendwas Süßes, Nettes, Lockeres. Das war sein Gegenargument. Ein Grund weiterzufahren und noch nicht Aufzugeben. Also fuhr er weiter. Richtung Berlin. Richtung Kevin.

„Bin gleich da", hatte er geschrieben, ohne wirklich zu wissen, wie er sich fühlte.

Als Kevin ihm die Tür öffnete, grinste er. Warm, wie immer. Offen. Komplett ahnungslos.

„Ey! Schön, dass du's gepackt hast! Komm rein."

Basti nickte nur, zog sich langsam die Jacke aus. Die Wohnung war warm. Kevin war warm. Und irgendwo in einem anderen Zimmer war Masha.

Das hatte er verdrängt.

„Alles okay?", fragte Kevin, als sie in Richtung Wohnzimmer gingen.

„Klar", log Basti, bevor er sich aufs Sofa plumpsen ließ.

„Ich hab uns was zu trinken geholt. Und ich dachte, wir können irgendeinen Trashfilm gucken, bisschen abschalten."

„Perfekt", murmelte Basti.

Und so saßen sie da. Zwei Stunden lang. Der Bildschirm flackerte, irgendein 2000er-Film mit absurden Frisuren lief, Kevin kommentierte wie immer jede zweite Szene, und Basti lachte an den richtigen Stellen, auch wenn er nicht alles hörte. Seine Gedanken waren zu laut. Und hinter einer Tür, wenige Meter entfernt, lag sie. Masha. Kevins Freundin. Das Mädchen, das an dem Platz war, an dem er selbst niemals stehen durfte.

Was machst du hier überhaupt, Basti?

Plötzlich ging die Tür auf. Leise, aber bestimmt. Schritte. Der Geruch von Parfum.

„Na, Basti. Wie geht's dir?", fragte Masha.

Es klang freundlich. Aber nicht echt. Irgendwas in ihrer Stimme zog ihm kurz die Luft weg.

Basti setzte sich aufrechter hin, zwang sich zu einem Tonfall, der normal klang. „Gut, danke. Und dir?"

Sie zuckte mit den Schultern, blieb aber stehen, direkt neben der Couch. „Ach, bisschen müde. War ja laut, als du gekommen bist."

Kevin drehte sich zu ihr. „Hab doch leise gemacht. Aber hey, Basti ist doch nicht oft hier."

„Ja, stimmt", sagte sie, und sah nur Basti an. „Er ist ja eher der Typ fürs Verschwinden."

Todesstille. Nach ein paar Sekunden rührte sich Kevin zu Wort. Er lachte unsicher. „Was meinst du denn damit?"

„Nichts", sagte sie, und setzte sich schließlich in den Sessel gegenüber. Ihre Beine übereinandergeschlagen, die Augen auf Basti.

Er fühlte sich wie unter einem Vergrößerungsglas. Auf dem Tisch eines Wissenschaftlers, der ihn gerade mit seinen 10 Lupen inspizierte. Ihm kroch langsam aber sicher eine Gänsehaut über den Rücken.

„Ich frag mich nur", begann sie leise, „was genau du dir eigentlich erhoffst, Basti."

Kevin erstarrte. „Was?"

„Ich mein ja nur...", fuhr Masha fort, „du kommst her, du hängst mit Kevin rum, du guckst ihn an wie—" Sie brach ab. Lächelte kurz. Falsch. „Ist doch komisch, oder?"

Basti spürte, wie sein Herz raste. „Ich hab keine Ahnung, was du meinst."

„Doch, hast du", sagte sie, jetzt leiser. „Du weißt es ganz genau. Du bist nicht hier, weil du mit Kevin nen Film gucken willst."

Kevin sah zwischen ihnen hin und her. „Was redest du, Masha?"

„Ich red davon, dass dein bester Freund in dich verliebt ist, und du's nicht siehst", sagte sie, mit einer Kälte, die Basti innerlich einfrieren ließ.

„Hör auf", sagte Basti schnell. „Das stimmt nicht."

„Ach nein?", Masha lehnte sich zurück. „Dann erklär mir, warum du jedes Mal abhaust, wenn wir uns treffen. Warum du verschwindest, wenn Kevin was von uns erzählt. Warum du monatelang kaum antwortest und dann plötzlich wieder auftauchst, sobald Kevin dir schreibt. Das ist nicht Freundschaft, Basti. Das ist Flucht."

„Masha, reicht jetzt", Kevins Stimme war schärfer als sonst.

Basti stand auf. „Du redest scheiße. Ich bin nicht... Ich hab nichts—"

„Nein?", fragte sie, hob leicht den Kopf. „Dann schau mir in die Augen und sag, dass du nichts für ihn empfindest."

Stille. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Oder eher, eine Feder.

Kevin flüsterte: „Masha..."

Aber Basti konnte nicht mehr. Alles drehte sich. Seine Gedanken übertönten inzwischen alles um ihn herum. Der Fernseher rauschte noch. Kevin saß da, mit dieser Mischung aus Überforderung und Sorge, und Masha, sie sah aus, als hätte sie das alles monatelang aufgestaut.

„Ich geh", murmelte Basti und griff nach seiner Jacke.

„Basti, warte—" Kevins Stimme schnitt durch den Raum, aber Basti war schon an der Tür.

„Lass mich einfach, okay?", brachte er noch hervor.

Dann fiel die Tür ins Schloss.

-

Kevin stand regungslos da. Der Film lief weiter. Der Raum fühlte sich plötzlich leer an.

„Was soll das?", fragte er schließlich, als er sich zu Masha umdrehte. „Was war das bitte für eine Aktion?" Er musterte sie präzise mit seinen Augen. Sie zitterte leicht. Es schien, als hätte sie diese Konfrontation selbst nicht so gewollt.

„Ich kann nicht mehr", sagte Masha leise. Auch ihre Stimme zitterte. „Ich seh doch, wie du ihn ansiehst, Kev. Du merkst es nur nicht. Aber du verlierst dich in ihm. Jeden Tag mehr."

„Ich liebe dich", sagte Kevin. „Ich bin mit dir zusammen."

„Aber dein Herz ist bei ihm", flüsterte sie. „Und ich steh hier. Und fühl mich jeden Tag mehr wie... wie ein Platzhalter."

„Das ist nicht fair", sagte Kevin, aber er wusste selbst nicht mehr, ob er sich verteidigte, oder ihr zustimmte.

„Nein. Aber es ist die Wahrheit."

Mit diesen Worten drehte Masha sich um und stürmte in das Schlafzimmer.

Kevin stand noch eine Weile da. Sein Kopf drehte sich. Er wagte es nicht sich nur einen Zentimeter zu bewegen.

Ich, gegen das was ich fühle. (Bastiplatte)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt