Bruchstellen

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Masha kam gegen Mittag zurück. Sie war mit zwei Tüten beladen, irgendwas aus einem fancy Asia-Fusion-Laden, den sie entdeckt hatte. Kevin stand gerade in der Küche, machte sich einen Toast mit viel zu viel Frischkäse, als sie reinkam, und begrüßte ihn mit einem flüchtigen Kuss auf die Wange.

„Hab dir auch was mitgebracht", sagte sie, stellte die Tüten ab und wühlte darin, während sie sich gleichzeitig die Sneakers vom Fuß streifte.

„Was scharfes, oder?", fragte Kevin und setzte sich auf die Lehne des Sofas, sein Handy in der Hand.

„Natürlich. Ich kenn deinen zerstörten Magen doch."

Sie grinste, und Kevin grinste zurück, aber sein Kopf war woanders. Noch immer. Seit der Nachricht von Basti letzte Nacht hatte er dieses dumpfe Gefühl im Bauch. Als hätte er irgendwas übersehen. Oder falsch verstanden.

Er hatte geantwortet, klar. Locker. So wie immer. Aber es ließ ihn nicht los.

„Sag mal", begann er vorsichtig, „findest du eigentlich, dass ich zu viel Zeit mit Basti verbringe?"

Masha hielt inne, nur ganz kurz, aber Kevin bemerkte es. Dann zuckte sie die Schultern. „Hm. Also... du hängst halt viel mit ihm ab, klar. Aber das ist ja nichts Neues, oder?"

„Ja. Schon. Ich frag nur, weil... keine Ahnung, irgendwie ist er anders. Er zieht sich zurück. Und ich versuch halt rauszufinden, ob ich irgendwas falsch gemacht hab."

Masha setzte sich zu ihm, öffnete eine der Boxen und reichte ihm Stäbchen. „Du hast doch nix falsch gemacht, Kev."

„Trotzdem. Ich mein, du warst ja schon öfter dabei, wenn wir im Call waren oder wenn ich Videos mit ihm geschnitten hab. Hast du da irgendwas... weird gefunden?"

Sie biss auf ein Stück Kimchi, kaute, überlegte. Dann: „Weißt du, was mir aufgefallen ist? Manchmal guckt er dich an, als würde er sich selbst verbieten, zu viel zu sagen."

Kevin blinzelte. „Hä?"

„Nicht negativ gemeint. Es ist nur... ich glaub, er denkt viel. Sehr viel. Über dich. Über alles."

Kevin sagte erstmal nichts. Masha aß weiter, ohne ihn anzusehen. Und irgendwas daran fühlte sich plötzlich komisch an.

„Magst du ihn eigentlich?", fragte er dann.

Diesmal zögerte sie. Länger.

„Ich respektier ihn", sagte sie schließlich. „Aber mögen? Hm. Manchmal fühlt's sich an, als würde er eine andere Version von dir kennen als ich. So eine... tiefere. Ich weiß nicht. Vielleicht bin ich da auch zu empfindlich."

Kevin starrte auf die Box mit Reisnudeln in seiner Hand, aber er hatte keinen Appetit mehr.

„Du denkst, er fühlt was für mich?", sagte er leise. Die Worte kamen schneller, als er sie stoppen konnte.

Masha sah ihn jetzt direkt an. Keine Wut, kein Schock. Nur dieses stille, unangenehme Ernstnehmen.

„Ich hab's manchmal gedacht", sagte sie ehrlich. „Aber nie gesagt, weil... na ja. Er zeigt's ja nicht. Und du hast's auch nie so gesehen, oder?"

Kevin schüttelte langsam den Kopf. „Nee. Ich mein... ich weiß nicht. Vielleicht...? Keine Ahnung. Ich hab nie drüber nachgedacht. Das wär doch total..." Er verstummte.

Nicht weil der Satz zu absurd war. Sondern weil er auf einmal nicht mehr absurd genug klang.

Er erinnerte sich an all die Calls, in denen Basti mitten im Satz stockte, wenn Kevin was Persönliches erzählte. An diese kurzen, komischen Blicke. An das eine Mal, wo Basti mitten im Lachen plötzlich still wurde, als Kevin von einem Date mit Masha erzählt hatte. An die Art, wie Basti manchmal übertrieben neutral blieb, wenn sie als Paar in Clips auftauchten.

Es passte zusammen. Alles. Zu gut.

Und trotzdem wollte er es nicht glauben.

„Wenn's so wär", sagte er langsam, „warum hat er nie was gesagt?"

Masha zuckte die Schultern. „Weil du vergeben bist. Weil du ihn deinen besten Freund nennst. Weil er nicht zwischen uns stehen will."

Kevin lehnte sich zurück und fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht. Ein Kloß hatte sich in seinem Hals gebildet. Ein stilles Gefühl von Schuld, aber nicht, weil er etwas falsch gemacht hatte. Sondern weil er vielleicht etwas zu spät verstanden hatte.

„Und du... wärst du sauer, wenn's so wär?", fragte er schließlich.

Masha dachte kurz nach. Dann schüttelte sie den Kopf. „Nein. Traurig vielleicht. Weil ich's gespürt hab. Weil du's nicht hast. Und weil ihr einfach... was Eigenes habt. Was, wo ich nicht reinkomme."

Kevin starrte auf sein Handy. Basti war online. Schon wieder. Und wie so oft sagte er nichts.

Wie lange schon?, fragte Kevin sich. Wie lange hat er sich das angetan? Wie lange hab ich's übersehen?

Und dann dachte er etwas, das ihm sofort Angst machte:

Was, wenn ich ihn verliere, ohne überhaupt zu wissen, was ich ihm bedeute?

Ich, gegen das was ich fühle. (Bastiplatte)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt