Was fehlt?

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Kevin verstand es nicht.

Seit Tagen, vielleicht Wochen, war da etwas anders mit Basti. Es war nichts Konkretes, eher ein Gefühl. Wie wenn man in einen Raum kommt, den man in- und auswendig kennt, und trotzdem spürt, dass irgendetwas fehlt. Ein Bild an der Wand. Der Geruch von Kaffee. Oder ein Mensch.

Basti war... da. Irgendwie. Aber eben nicht richtig.

Im Discord meldete er sich nur noch sporadisch. Kein nächtliches „Bin wach, komm mal rein" mehr. Keine dummen Reactions auf Kevins Insta-Stories. Keine dreisten, ironischen Voicememos, die früher völlig selbstverständlich gewesen waren.

Und im Stream? Klar, manchmal tauchte Basti noch im Chat auf. Ein „W" hier, ein sarkastisches „lost" da. Aber Kevin spürte, dass es nur Fassade war.

„Hat Basti keinen Bock mehr auf dich?" hatte Faister gestern im Call gefragt. Kevin hatte gelacht, zu laut vielleicht.

„Digga, laber keinen. Der schneidet gerade an so 'nem Projekt, der ist einfach busy."

Aber irgendwie hatte es sich falsch angefühlt.

Kevin lehnte sich auf seinem Schreibtischstuhl zurück, ließ sich leicht drehen. Draußen war es dunkel, die Straßenlaterne warf ein blasses Licht durch sein Fenster. Auf dem Display flackerte Discord. Basti war nicht online.

Früher war er fast immer online.

Kevin klickte auf ihren privaten Chat. Die letzten Nachrichten:

Kevin
„Wie läuft dein Video?"

Basti
„Geht. Noch nicht fertig."

Kevin
„Brauchst du Hilfe bei irgendwas?"

Basti
„Nee, passt. Danke, Bro."

Bro.

Früher hatte Basti das oft gesagt. Jetzt klang es irgendwie... mechanisch. Wie eine Sicherheitsdistanz. Als müsste er Kevin daran erinnern, was sie füreinander waren. Und was nicht.

Kevin kaute auf seiner Unterlippe herum, scrollte durch alte Nachrichten. Da war dieser eine Clip, den Basti ihm mal mitten in der Nacht geschickt hatte. Kevin hatte gelacht, sich halb verschluckt, geantwortet mit „Du bist so krank, ich liebe das". Und Basti hatte geschrieben: Ich weiß.

Es hatte sich früher so leicht angefühlt mit ihm. Ganz natürlich. Wie atmen.

Jetzt war da... Stille.

Und das Komische: Es hatte gar keinen offensichtlichen Grund gegeben. Kein Streit. Keine Ansage. Kein „Digga, ich brauch Abstand." Einfach nur... ein langsames Verschwinden. Wie wenn jemand jeden Tag ein bisschen mehr aus dem Bild tritt.

Kevin dachte an die Gespräche mit Masha. Sie war in letzter Zeit oft bei ihm, vor allem abends. Er mochte sie wirklich, keine Frage. Aber manchmal, wenn er ehrlich war, merkte er, dass er während ihrer Serienabende mit einem halben Gedanken woanders war. Dass er sich fragte, ob Basti gerade am PC saß. Ob er zu müde war, um zu schreiben. Oder einfach keinen Bock hatte.

Oder ob irgendwas passiert war.

Kevin tippte eine neue Nachricht.

Kevin:
„Basti..."

Er starrte auf das blinkende Eingabefeld. Dann tippte er weiter.

„Irgendwas ist anders, oder? Falls ich was falsch gemacht hab, sag's bitte. Ich check's halt echt nicht."

Er hielt inne. Stellte sich kurz vor, wie Basti das lesen würde. Ob er seufzen würde. Oder den Kopf schütteln. Oder einfach nur... nichts sagen.

Nach einer Minute löschte er die Nachricht wieder. Stattdessen schrieb er:

Kevin:
„Meld dich mal, wenn du Bock hast. Chilliger Call oder so. Kein Stress."

Dann klappte er den Laptop zu. Lehnte sich zurück. Und fragte sich, wann genau der Moment gewesen war, an dem Basti aufgehört hatte, mit ihm zu lachen.

Ich, gegen das was ich fühle. (Bastiplatte)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt