Orange

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Die Bahn fuhr träge über die Gleise, wieder irgend eine Störung, weshalb es nur schleppend voran ging. Aber dies war mir in diesem Moment egal, ich war einfach nur froh diesen langen, stressigen Tag hinter mir zu haben und genoss es endlich in Ruhe zu sitzen. Mein Körper versank förmlich im Sitz, auch meine Muskeln entspannten sich mit der Zeit und meine Augen wurden immer schwerer, ich war kurz davor einzunicken - wäre da nicht dieser instinktive Schauer gewesen. Jemand beobachtet mich. Aus dem Augenwinkel beobachtete ich diese Person. Ich war zu schüchtern, direkt zurück zu starren, auch wenn dies vermutlich das Starren unterbunden hätte. Er saß ein Abteil weiter, jedoch auf derselben Seite wie ich. Er wirkte wie aus einer anderen Zeit, trug einen großen, schwarzen Mantel mit orangefarbenen Akzenten und einen Hut wie aus einem alten Film. Doch was mich schaudern ließ, war seine Mimik, sein Blick war weiterhin komplett auf mich gerichtet und er lächelte schelmisch. Durchgehend, während ich ihn aus dem Augenwinkel musterte, hielt er diesen Blick aufrecht, seine Mimik war wie versteinert, er blinzelte nicht einmal. Mir wurde übel. Ich wandte meinen Blick ab und sah aus dem Fenster. Die dunkle Landschaft brachte mich dazu, mich wieder etwas zu beruhigen, aber ich spürte seinen Blick weiterhin, wie ein unsichtbarer Scheinwerfer, der direkt in mein Gesicht schien. Nach einer gefühlten Ewigkeit hielt ich es nicht mehr aus. Ich wagte einen direkten, aber flüchtigen Blick in seine Augen. Seine Iris war orange. Aber nicht ein mattes, lebloses Orange, sondern ein intensives, fast schon lebendig wirkendes Orange, fast wie glühendes Metall, welches mich komplett in seinen Bann zog. Ich konnte meinen Blick kaum abwenden, als wäre ich in einem Strudel gefangen. Als es mir dann nach einer schieren Ewigkeit gelang, hatte sich alles um mich herum verändert. Die Bahn war - weg? Die Lichter, die Werbung um uns, die Sitze, die anderen Menschen, die dunkle Landschaft, alles war verschwunden. Ich stand im Nichts. Ich stand? Saß ich nicht gerade eben noch? Mir gegenüber war nur der komische Typ, der mich weiterhin pausenlos anstarrte. Mein Herz raste. War ich eingeschlafen? Träumte ich? Aber es fühlte sich alles so real an. Als ich mich weiter umsah, bemerkte ich eine gigantische blaue Kugel über uns. In ihrem Kern war etwas Schwarzes. Dieses schwarze etwas schien sich zu bewegen, aber nur hin und wieder. Mein Blick wanderte von der blauen Kugel zu dem Typen vor mir. Erst jetzt konnte ich ihn genauer betrachten, da keine Sitze und andere Menschen zwischen uns waren. Seine komplette Kleidung war Schwarz mit orangefarbenen Akzenten. Seine langen, orangefarbenen, gelockten Haare fielen unter seinem Hut nach hinten. Auch wenn sein Outfit von wie vor zweihundert Jahren wirkt, so war er doch ziemlich jung, vielleicht Mitte zwanzig? Sein Gesicht war frei von Narben oder anderweitigen Unreinheiten, er würde sicher ein perfektes Model abgeben, wären da nicht diese viel zu intensiven Augen und das schelmische Grinsen. In seiner linken Hand trug er einen schwarzen Gehstock, ebenfalls mit orangenen Elementen verziert. Plötzlich fing er an, sich von mir weg zu drehen. "Hahahaha!" sein schrilles Lachen riss mich komplett aus meinen Gedanken "Bezaubernd!". Er hatte sich der blauen Kugel zugewandt und seine Arme ausgebreitet, als würde er mir sein Reich präsentieren. Sein Gesicht war verzerrt in einer Mischung aus schierem Wahnsinn und Triumph. Seine langen Haare waren nun sichtbarer als je zuvor. "Wo - wo sind wir?" brachte ich stotternd hervor. Er wandte sich wieder in meine Richtung, sein schelmisches Grinsen war zurück. "Genau hier drin", flüsterte er mit einer Lautstärke, als wäre er direkt in meinem Gehirn und zeigte mit seinem Stock auf mein Gesicht. "In mir?!" fragte ich, mein Herz begann immer schneller zu schlagen. Er verdrehte die Augen und schien enttäuscht. "Nein, du intelligenz verminderter Einfaltspinsel. In deinem Auge." "Das ist unmöglich!", rief ich, aber meine Worte klangen hohl und kaum wie ein tatsächlicher Ruf. Er ignorierte mich und ging ein paar Schritte in Richtung der blauen Kugel. Dann stoppte er abrupt und stieß mit seinem Gehstock vor sich ins Nichts. Plötzlich spürte ich ein komisches Gefühl im rechten Auge, als wäre mir eine Fliege hinein geflogen. "Wa - was?" meine Stimme zitterte. Er sah mich kalt an, selbst sein schelmisches Grinsen war einer steinernen, kalten Fassade gewichen. "Enttäuschend. Ich dachte, du wärst interessanter." murmelte er mehr zu sich selbst als zu mir. "Du bist es nicht Wert, Teil meiner Sammlung zu werden.". "We - welche Sammlung?" fragte ich, doch er ignorierte diese Frage. Stattdessen drehte er sich wieder in Richtung der blauen Kugel. Plötzlich herrschte eine Art Windstrom und er schien zu schweben. Alles schien in seine Richtung gezogen zu werden, ich hatte Mühe mich dagegen zu wehren. Als ich nach oben schaute, sah ich, wie auch langsam die blaue Kugel von dem Sog erfasst wurde. Partikel für Partikel schien abgetragen zu werden und in Richtung des Typen zu fliegen, als wäre er ein schwarzes Loch, das alles aufsaugt. Und dann fingen sie an. Die immensen Schmerzen im rechten Auge. Ich schrie. Meine Beine gaben unter mir nach und ich fiel. Mein Kopf brannte förmlich und meine Gedanken verschwammen ineinander. Irgendwann hörten die Schmerzen auf und alles war in Dunkelheit gehüllt. Ich versuchte meine Augen in die Richtung zu positionieren, wo der Typ stand. Aber da war nichts mehr. Plötzlich kamen zwei orangefarbene Kreise auf mich zu, in deren Mitte ein schwarzer Punkt loderte. Sie kamen immer näher und näher, bis - ich saß im Zug. Doch etwas war anders. Hatte ich all dies geträumt? Mein Kopf war noch ganz benebelt, als wäre ich gerade erst aufgewacht. Es war still. Zu still. Der Zug stand. Ich wollte mich umsehen, doch mein Kopf fühlte sich schwer an. Plötzlich durchzog ein stechender Schmerz meine rechte Hälfte des Kopfes. Ich verlor das Bewusstsein.

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