SIEBZEHN.

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„Laureen, bitte iss das."

Die sanfte Stimme erklang wieder einmal. Sie war das einzige, was mich daran erinnerte, dass ich ja doch noch da war. Dass ich doch noch lebte und andere mich sehen konnten.

Mein Blick wanderte langsam zu dem Teller nach unten.

„Bitte, Lo, ich bitte dich..."

Mechanisch griff ich nach der Gabel und spießte die ersten Nudeln auf. Ich schob sie mir in den Mund, kaute sie und schluckte sie, ohne irgendetwas zu schmecken.

So machte ich es weiter, bis der Teller leer war.

„Danke, Honey", hauchte sie, nahm den Teller und verschwand.

Ich bewunderte sie. Dieses Mädchen. Sie hielt es schon so lange mit mir aus und hatte mich bisher noch nicht rausgeschmissen. Sie hatte mich bisher auch noch nie angeraunzt oder war ungeduldig geworden. Sie war ein Engel, und ich wusste nicht einmal ihren Namen. Sie war ein Mensch ohne Gesicht für mich. Sie waren alle gleich in meinen Augen. All die Leute, die hier ein und aus gingen und immer mal wieder vorbeischauten, waren das für mich.

Ich kannte niemanden mehr.

Ich konnte mich an niemanden mehr erinnern.

Waren sie einmal wichtig in meinem Leben gewesen?

Hatte ich viel mit ihnen zu tun gehabt?

Ich wusste es nicht.

Ich kannte ja nicht einmal mich selbst mehr.

Ich saß auf dem Fensterbrett und starrte in die Dunkelheit nach draußen.

Ich bewegte mich nicht, ich dachte nicht, ich fühlte nicht. Ich saß einfach nur da.

Irgendwann hörte ich die Geräusche, die ich jeden Abend hörte, wenn die beiden sich bettfertig machten.

Irgendwann ging das Licht aus.

Und ich saß hier in der vollkommenen Dunkelheit.

Die Farbe meiner Seele, die Farbe meines Lebens.

Schwarz.

Und nirgends war ein Licht zu sehen.

Ich saß hier und würde hier in zehn Jahren noch sitzen.

Und wie jeden Abend schlief ich irgendwann im Sitzen ein.

Und wie jede Nacht wachte ich jede halbe Stunde auf.

Seit drei Monaten wurde ich von Alpträumen geplagt. Jede. Nacht. Und es war immer derselbe Traum.

Ich hörte ihn schreien. Er schrie um sein Leben. Markerschütternd. Sein Schrei riss mir das Herz auf und ich stolperte. Ich rannte zu ihm, ich wollte ihn retten! Es durfte ihm nichts passieren! Nein! Nicht mein Engel!

Und jedes Mal kam ich zu spät.

Jedes Mal lag er dort schon und war t....

Ich konnte das Wort nicht einmal denken. Ich konnte nicht. Ich wollte nicht. Es ging nicht.

Bitte, irgendwer musste mich umbringen... ich konnte nicht mehr, ich war am Ende. Das war doch kein Leben mehr, was ich hier machte!

Ich war eine bloße, menschliche Hülle ohne Seele.

Nach ein paar Stunden war ich vollends wach. Körperlich. Nicht geistig, versteht sich.

Nach einiger Zeit war die junge Frau wie immer vor dem Mann wach und stand auf. Sie machte sich fertig, steckte ihre pechschwarzen Haare hoch und ging in die Küche.

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