Brief an die Schüchternheit

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Liebe Schüchternheit,

Wir kennen uns schon so lange und doch weiß ich nicht, wie ich diesen Brief beginnen soll. Wahrscheinlich kennst du mich schon besser als ich dich, doch ich weiß nicht mehr, wie mein Leben vor dir war.
Früher nannte man mich „Plappermaul", als ich noch in der Grundschule war. Ich redete viel und gerne, musste zu allem meinen Senf abgeben oder einen dummen Spruch ablassen. Aber dann kamst du und alles wurde anders.
Du hast mein Herz zum Rasen und meine Hände zum Schwitzen gebracht,
hast mich ganz rot werden lassen, wenn du in meiner Nähe warst.
Du hast dich in meine Träume und Gedanken geschlichen, hast mir versprochen, mich vor Fehlern zu bewahren.
Ich habe auf dein Wort gehört und dir vertraut, als du mir zuflüstertest, was andere Menschen von mir denken. Du hast behauptet, du könntest Gedanken lesen und ich habe es geglaubt.
Ich habe dir geglaubt, als du sagtest, niemand könne mich leiden.
Ich habe dir geglaubt, als du sagtest, alle wären genervt von mir
Ich habe dir geglaubt, als du sagtest, hinter meinem Rücken würden sie über mich lästern.
Du hast mir Schauergeschichten davon erzählt, wie die Welt untergeht, nur weil ich mit den Händen esse oder das falsche Getränk bestelle. Hast mir weisgemacht, der Boden würde mich auffressen, wenn ich etwas Falsches sagte.
Ich habe dir geglaubt.
Wenn ich unsichtbar wäre, dann wäre alles gut, hast du geflüstert, hast mich davon träumen lassen, ein gesichtsloser Niemand zu sein und ich - Ich habe mich davon täuschen lassen und bin mit dir abgetaucht.
Bis ich ein Niemand war.

Und du hast deine Krallen ausgefahren und mich in ihnen eingeschlossen, sodass ich nicht mehr entkommen konnte.
Du hast meine Lippen verschlossen und mir damit verboten, zu sprechen.
Du hast meine Augen unruhig werden lassen, sodass ich niemanden mehr anblicken konnte.
Sodass ich nur noch Augen für dich hatte.
Du hast dich in meinem Kopf versteckt und immer, wenn ich glaubte, du seist gerade nicht da und ich könnte etwas sagen, tauchtest du in jenem Moment auf, in dem ich den Mund geöffnet hatte. Du sprangst auf meinem Gehirn herum als wäre es ein Trampolin und drücktest dadurch jeglichen Gedanken heraus, bis meine Aufmerksamkeit ganz allein dir galt.
Alles, was ich sagen wollte, war vergessen, meine Gabe, formulieren zu können, war dahin.
Du hast meinen Mund verhext, sodass nur noch Dummheiten heraus kamen. Jedes Wort klang zu laut, jedes Lachen zu schrill, jede Ernsthaftigkeit wie ein Witz und jeder Witz wie humorloser Schwachsinn.
Ich habe dich so nah an mich herankommen lassen, bis ich mich nicht mehr aus deinen Krallen befreien konnte.
Erst, als du mir mit deinen spitzen Fingern den Brustkorb verengt und die Kehle zugeschnürt hast, wurde mir klar, dass du kein Helfer und kein Traum, sondern ein Monster bist.
Du hast mir mein Ich gestohlen.

Deine Krallen halten mich so fest im Griff, dass ich mich nicht mühelos aus ihnen befreien kann. Sie wollen mich weiter in die Tiefe ziehen, immer weiter, aber das lasse ich nicht mehr mit mir machen. Eine Kralle habe ich schon lösen können, denn heute zeige ich anderen diesen Text.
Du bist ein Teil von mir geworden, aber besiegt hast du mich nicht.
Irgendwann werde ich dich zurückstoßen und vernichten können,
irgendwann werden meine Lippen wieder frei sein, sodass ich mühelos mit anderen reden kann.
Vielleicht nicht heute und auch nicht morgen, aber am Ende werde ich die Siegerin sein!

In ewigem Hass

Christina

Fortsetzung folgt...
Brief an die Schüchternheit
Letzte Aktualisierung: Jun 30, 2015
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