27. gemähter Grashalm

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Nachdem Alia in der Straßenbahn verschwunden war, stand ich erst einmal eine Weile wie erstarrt da und schaute der davonfahrenden Bahn nach. Ich hatte noch nicht so wirklich realisiert, was ich gerade getan hatte. Mein Verstand war nicht so wirklich aktiv und so lief ich einfach unbekümmert zu meiner Straßenbahn - Cole hatte netterweise den Wagen mit unseren Instrumenten zu sich gefahren - und fuhr nach Hause.

Erst am nächsten Morgen, als ich mit doch ziemlich brummenden Schädel aufwachte, wurde mir klar, was für eine Scheiße ich in der Nacht gebaut hatte. Ich hatte Alia doch ernsthaft geküsst. Mir hätte eigentlich klar sein müssen, dass sie das nicht toll finden würde. Nun hatte ich mir wahrscheinlich jede Chance komplett versaut. Entnervt sprang ich unter die Dusche, wo das Wasser erst einmal viel zu heiß aus dem Duschkopf schoss und meine Haut verbrannte. Mein Toast später war auch verbrannt. Scheiße, heute schien wirklich gar nichts zu klappen.
Immerhin kam ich noch pünktlich im Paradise an, allerdings mit einem falsch herum angezogenem Hemd.

"Na, ne wilde Nacht gehabt?", begrüßte mich Paolo grinsend und deutete auf mein Hemd.

Verdutzt schaute ich an mir herunter und bemerkte ebenfalls, was er sofort gesehen hatte.

"Scheint so", murmelte ich verärgert und zog mich hinter dem Tresen schnell richtig an. Zum Glück waren noch keine Gäste da, da das Restaurant erst in einer halben Stunde öffnen würde. Paolo und ich hatten nun die Aufgabe, den Raum herzurichten und für den erwarteten Sonntagmittagansturm fertigzumachen.

So brachte ich den Sonntag irgendwie herum. Der Tag war zwar einer meiner Pechtage, da wirklich alles schief zu gehen schien, was schiefgehen konnte, doch der Gedanke an Alia, ließ mich die Dinge nicht ganz so schlimm sehen. Das, was ich da angerichtet hatte, war vermutlich noch schlimmer.

Als ich Abends nach Hause kam, war mein ehemals weißes Hemd mit roten, braunen und gelben Soßenflecken verziert und ich stank gewaltig nach Braten. Beim Öffnen der Tür blinkte mir schon der Anrufbeantworter entgegen. Seltsam, mich rief so gut wie niemand auf dem Festnetzanschluss an, außer meine Eltern, die ihn mir geschenkt hatten. Mist, meine Eltern.
Seit meinem überstürzten Aufbruch von meinem Geburtstag vor etwa zwei Monaten, hatte Funkstille zwischen uns geherrscht. Sie hatten nichts von mir wissen wollen und freiwillig musste ich ihnen definitiv nichts erzählen. An dem Tag hatte ich Alia zum ersten Mal gesehen. Ich konnte mich noch ganz genau an die Fahrt mit ihr neben mir erinnern. So, als wäre es gestern gewesen.

Gedankenverloren drückte ich den Abhörknopf am Anrufbeantworter.

"Hallo Bennet", schallte mir die durchdringende Stimme meiner Mutter entgegen. "Ich hoffe, du hast dich von deiner aufmüpfigen Phase erholt und gedenkst, uns bald mal wieder zu besuchen. Und deine Position an der Hochschule hast du hoffentlich auch verbessert. Du übst doch fleißig, ja?"

Wie sehr sie mich nach diesen paar Worten schon wieder nervte. Zwei Monate ohne Kontakt und das Erste was ihr einfiel, war mich zu fragen, wie erfolgreich ich war. Vor lauter Wut hätte ich die Nachricht fast gelöscht, ohne sie ganz anzuhören, doch bis ich die komplizierte Bedienung dieses komischen Gerätes raus hatte, war meine Mutter schon fertig mit ihrer "netten" Nachricht.

" ... und du denkst doch bitte dran, dass in vier Wochen die Hochzeit deiner Cousine ist." Piep.

Ich beschloss, nicht zurückzurufen und mich bis zu der Hochzeit meiner Cousine, die ich tatsächlich vergessen hätte in Schweigen zu Hüllen. Von Angesicht zu Angesicht mit meinen Eltern würde das leider nicht ganz so einfach sein. Hoffentlich würde mein Bruder auch dort sein. Schnell schrieb ich ihm eine SMS und fragte gleich noch nach Charly und dem noch ungeborenen Kind.

Montagmorgen plagten mich meine Gedanken bezüglich Alia nochmal besonders. Gleich in der ersten Stunde würde ich mit ihr an dem Projekt arbeiten müssen und ich befürchtete schon jetzt eine unangenehme Totenstille zwischen uns, wobei sie mich dich ganze Zeit vorwurfsvoll anschauen würde. Jack bemerkte auch, dass ich besonders nervös war, doch als er nachfragte, antwortete ich ihm nicht. Ich glaubte nicht, dass er das besonders gut aufnehmen würde. Immerhin hatte er ein gewisses Schutzbedürfnis gegenüber Alia, auch wenn er das bei der momentanen Lage zwischen ihr und ihren Freunden nie zugeben würde.

Ein Abend frisch gemähtes GrasLies diese Geschichte KOSTENLOS!