Wenn der Regen fällt

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Es regnete.
Ich erinnere mich noch gut an den Augenblick, in dem ich Killian Rider das erste Mal sah. Es war kein schöner Augenblick. Eher beängstigend. Erdrückend. Grauenvoll. Ich stand auf der Westminster Bridge, umringt von unzähligen Menschen. Und doch bekam keiner mit, wie mein Exfreund mich gegen das Treppengeländer schubste und versuchte, mich zu küssen. Ich wollte das nicht. Ich konnte seinen widerlichen Atem riechen. Er stank nach Alkohol. Wieder mal.

Für alle anderen sahen wir womöglich aus wie ein ganz normales Paar, das sich auf der Brücke küssen wollte. Doch keiner sah meinen stummen Hilfeschrei. Keiner bemerkte, dass ich das alles nicht wollte. Und dass mir kein Ton über die Lippen kam. Ich presste meine Hände gegen seinen Brustkorb, versuchte, ihn von mir wegzuschieben. Doch er war zu stark. Ich drehte das Gesicht weg, spürte seinen Atem auf meiner Wange.

Und dann bemerkte ich ihn. Er war noch ein paar Meter von uns entfernt und unsere Blicke trafen sich. Er musste die Panik in meinen Augen erkannt haben, denn ich sah, wie sich seine weiteten und er seine Schritte beschleunigte. Einen Atemzug später wurde Michael von mir weggerissen und ich durch den Körper des Fremden abgeschirmt. Ich fühlte mich wie betäubt und bekam das folgende Wortgefecht nicht mit.

Als ich vor über vier Wochen mit Michael Schluss gemacht hatte, glaubte ich nicht daran, ihn jemals wiederzusehen. Wir waren nicht lange ein Paar gewesen und der Schmerz, ihn zu verlieren, war kaum spürbar. Er wollte ein Date, ich hatte ihm eine Chance gegeben. Er wollte mehr, ich hatte es mit ihm versucht. Er schien nett zu sein, doch schon bald erkannte ich, dass das nur der äußere Schein war. Er war krank. Er brauchte den Alkohol. Ohne ihn ging gar nichts. Keine Ahnung, wie mir das bei unseren Dates entgehen konnte. Vielleicht war er auch bewusst nüchtern gewesen? Seine Sucht war nicht zu zügeln und ich beendete, was für mich nie da gewesen war. Ich liebte ihn nicht, hatte es nie getan. Doch für ihn war die Sache offensichtlich nicht vorbei.

Er hatte mir aufgelauert, als ich von der Arbeit kam. Der Schock über sein plötzliches Auftauchen hatte mich gelähmt, denn ich hatte nicht damit gerechnet, ihn nochmals wiederzusehen.

»Alles in Ordnung mit Ihnen?«

Eine sanfte, tiefe Stimme riss mich aus meinen Gedanken und ließ mich blinzeln. Von Michael war keine Spur mehr zu sehen. Stattdessen blickte ich in Augen, die so blau waren wie der Ozean und mich besorgt musterten. Der Mann vor mir war hoch gewachsen und in dunklen Farben gekleidet. Ich konnte das Leder seiner Jacke riechen. Ein Dreitagebart zierte sein attraktives Gesicht und seine schwarzen Haare klebten ihm durch den Regen feucht an der Stirn. Diese legte sich in Falten, sein Blick wurde fragend.

»Miss?«

Ich erwachte endlich aus meiner Starre und schüttelte den Kopf, wie um meine Gedanken zu verscheuchen.

»Es geht mir gut, danke.« Mir war kalt und ich war bis auf die Knochen durchnässt, da ich meinen Regenschirm im Büro vergessen hatte. Allerdings hätte der mir bei Michaels Übergriff auch nicht viel geholfen, es sei denn, ich hätte ihm damit eins übergebraten.

»Kommen Sie. Sie sollten aus den Regen raus, sonst fangen Sie sich noch was ein.«

Er stellte sich mir als Killian Rider vor. Dieser Name erschien mir passend für meinen ganz persönlichen Helden. Er passte zu ihm. Stark, düster und irgendwie mysteriös. Trotz seiner dunklen Erscheinung war er ganz anders, als ich zunächst gedacht hatte. Er war zuvorkommend, höflich und aufmerksam. Er lud mich nach den Ereignissen auf der Westminster Bridge zu einem Kaffee ein. Obwohl er mich interessiert musterte, machte er keine Anstalten, weiterzugehen. So war ich schließlich diejenige, die ihn um ein weiteres Treffen bat. Ich wollte mir von meinem idiotischen Ex nicht das Leben vermiesen lassen und war nicht abgeneigt, jemand neuen kennenzulernen. Vor allem nicht, wenn er so war wie Killian. Selten hatte ich einen Menschen getroffen, der mich derartig faszinierte. Die Art, wie er sich bewegte, war elegant. Die Art, wie er sprach, bedacht und intelligent. Wir saßen stundenlang in diesem Café und redeten über alles mögliche.

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