Perlenmeer Kapitel 15

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Ich mochte die Rolle von Dorothy. Ich hatte das Casting zum Theaterstück hinter mir und sie liessen mich keine Minute vortragen, da stand Alice auf und meinte: „Du bist dabei!“

Bisher hatte ich noch nie darüber nachgedacht, in einem Theaterstück mitzumachen. Eine Person zu spielen, dich ich gar nicht war. Aber es war jetzt genau das was ich brauchte. Mich in eine andere Welt flüchten zu können. Alice stand auf und war mit einem Satz auf der Bühne neben mir, wo ich stand und mein Blatt sinken liess, mit dem Dialog, den ich hatte vorlesen müssen.

„Hier ist das Drehbuch zum Stück. Morgen treffen wir uns alle hier. Um vier. Ist das okay?“ Ich nickte und nahm das dünne Heft entgegen.

„Gut. Danke schön, bis dann!“ Ich lächelte sie an und verabschiedete mich von den zwei anderen, die im Publikum sassen und das Casting ebenfalls zu leiten schienen.

Ich verliess den Saal mit dem Drehbuch unterm Arm und holte einmal tief Luft, fuhr mir durch mein langes Haar und ging dann nach draussen.

Meine Mittagspause war für das Casting drauf gegangen, es störte mich aber nicht sonderlich. Nur noch so, um euch alle aufzuklären: Yuri ist beim Autokino nicht mehr aufgetaucht. Und angesehen hat er mich heute auch nicht.

Momentan hoffte ich einfach darauf, dass ich meine Gefühle für ihn wegstecken konnte. Vergessen. Oder dass das in mir drin kaputt ging. Für immer. Damit es nicht mehr weh tat, wenn ich ihn sah.

Bisher aber war noch nichts in diese Richtung vorgefallen, leider.

Weil ich keine Lust mehr hatte, meine Freunde zu suchen um die restlichen zehn Minuten mit ihnen zu verbringen bevor die nächste Stunde losging, verzog ich mich einfach bereits ins Chemiezimmer. Da wo wir nachher Schule hatten. Ich setzte mich an meinen Lieblingsplatz am Fenster und packte schon mal die benötigten Materialien aus und wartete dann. Es war ganz still. Wahrscheinlich waren alle noch in der Cafeteria oder draussen. Die Gänge waren leer. Das Zimmer war ganz leer. Nur ich. Hier. Allein. Ich sass regungslos an meinem Platz und atmete ein und aus. 84 Herzschläge in der Minute.

Ich dachte an Dorothy und wie sie mit ihren roten Zauberschuhen über die gelben Steinpflaster ging ...

„An was denkst du?“

Ich öffnete meine Augen und sah auf.

Jemand sass auf dem gegenüberliegenden Tisch und sah mich an.

„Was bedeutet der schwarze Kreis in deinem Nacken?“, fragte ich leise.

„Das Universum.“

Es klingelte und die Schüler strömten in das Zimmer hinein.

Yuri richtete sich auf und setzte sich an einen Platz ohne mich auch nur noch einmal anzusehen.

War das gerade echt gewesen, oder hatte ich mir das eingebildet?

Überrascht drehte ich mich zu ihm um und sein wachsamer Blick streifte mich einmal. Ganz kurz. Aber ich wusste: Der dreisekündige Moment vor dem Klingeln zum Unterricht war echt gewesen.

Ein Schauder lief mir über den Rücken.

Das Universum.

Einen schwarzen Kreis das Universum.

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