Heute wäre Kaja am liebsten durch den Innenhof von Schwarzburg gehüpft. Nur wenige Schritte trennten sie von ein paar Stunden Freiheit, aber sie setzte die Füße vorsichtig auf die Steine, die aus dem Matsch ragten. Es war nicht schade um ihr verwaschenes Kleid, das sie nur zur Arbeit trug, doch sie konnte es nicht leiden dreckig zu werden. Schon, wenn sie sauber war, hielten sie alle für ein Kind. Sie war klein und in ihrem Gesicht wirkten die grauen Augen und der Mund zu groß.
Sie betrat den Außenhof. Trotz der frühen Morgenstunde wartete eine Menschenschlange vor dem Haupttor, um von Torhüter Archen hinausgelassen zu werden. Schwarzburg war ein wichtiger Handelsposten auf der Nord-Süd-Achse des Königreichs Mosurav. Die letzte Station in der Provinz Surien, bevor man nach Morient einreiste, und die schönste Burg des Nordens. Trotzdem waren nur Teile des Innenhofs gepflastert und im Außenhof versank man, nach Regenschauern, knöcheltief im Schlamm.
Kaja stellte sich an. Hoffentlich dauerte es nicht zu lange, bis sie an die Reihe kam. Ein Wachhund von Archen beschnupperte sie, bevor er gähnte und sich vor ihre Füße legte. Seine Ohren zuckten gelegentlich, um die Fliegen abzuwehren, die sich auf dem zottligen Fell niederließen. Kaja hielt sich die Nase zu. Sie stupste den riesigen Hund sanft mit der Schuhspitze an, aber er rührte sich nicht. Sie wich ein paar Schritte zurück, als Fluchen die Ruhe durchbrach.
„Pestilenz und Pocken! Das nennst du Zoll? Das ist Diebstahl! Und das für Führer?" Vorne am Tor stand ein Händler, gewandet in seidene Roben, die über seinen Bauch spannten. Sein frisierter Bart zitterte vor Empörung, während er Archen weiter anschrie: „Für so viele Dukati kann ich mir ein Heer kaufen. Ich gebe mein hartverdientes Geld nicht irgendwelchen dreckigen Hinterwäldlern."
Er klang wie ein reicher Pinkel aus der südlichen Provinz Avensens. Tatsächlich hatte er drei vollbepackte Wagen bei sich. Kaja seufzte. Jeder Schwachkopf wusste, dass der Händler keinen Verhandlungsspielraum hatte. Die einzigen zwei Wege in die nördliche Provinz Morient führten entweder durch den Höllenschlund, ein Labyrinth von Tunneln, oder über das Bergmassiv Säulen der Hölle. Beide waren zu gefährlich, ohne erfahrene Führer, die man nur hier anheuern konnte. Wenn er nicht umkehren wollte, würde er zahlen müssen. Sein Fluchen würde nur den Preis in dei Höhe treiben und die Ausreiseformalitäten verlangsamen. Ausgerechnet am ersten schönen Tag seit Wochen, verschwendete so einer die Zeit von allen. An ihrem Tag! Kaja verdrehte die Augen flehentlich nach oben.
Da sah sie es. Ein Schatten raste auf sie zu. Ihr Atem stockte.
Reflexartig hob sie die Hände vors Gesicht - ein Ball prallte an ihrem Arm ab und klatschte in eine Matschpfütze, die den Hund vollspritzte. Er jaulte auf, rannte zu Archen und schüttelte den Schlamm aus seinem Fell in alle Richtungen. Direkt auf die Wartenden in der Nähe. Alle Augen waren auf sie gerichtet. Hitze schoß in Kajas Kopf. Sie zupfte ihre Haare tiefer über die Ohren, während ein Sturm von Beschweden über sie hereinbrach.
„Entschuldigt, das war ich. Ein Versehen", beschwichtigte Darien die Wartenden in der Handelssprache, die alle verstanden. Kaja hatte nicht bemerkt, dass er den Außenhof betreten hatte, aber sie hätte sich denken könnnen, dass dieser Streich auf seinem Mist gewachsen war.
Der Sohn des Schmieds war nur drei Winter älter als ihre fünfzehn. Und trotzdem ließ sein entwaffnendes Lächeln und wortreichen Entschuldigungen, die Proteste der Erwachsenen verstummen. Kaja hätte zu gern gewusst, wie er das anstellte. Ob es an seinem Charme oder doch eher an seinen Muskeln lag, die er vom Schmieden hatte?
Archen führte die Verhandlung weiter, als sei nichts gewesen - ein bisschen Dreck und Gestank scherten ihn nicht. Auf seiner ockerfarbenen Uniform war das Wappen von Schwarzburg nicht mehr von den anderen Flecken zu unterscheiden. Sein Hund suchte sich ein schattiges Plätzchen und döste mit der Schnauze auf den Pfoten. Es war nicht das erste Mal, dass die Kinder der Feste Schlammball spielten.
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Quellen der Traurigkeit - Die Legende von Kaya Band 1
FantasyNach dem Angriff auf Kajas Zuhause, ahnt niemand, welche Gefahr das Reich Mosurav erwartet. Die Macht, die durch ihre Venen kursiert, rückt sie ins Visier von Fanatikern, die in ihr die Erfüllung einer alten Prophezeiung sehen. Zusammen mit der Heil...
