Die Sonne war bereits hinter den hohen Gipfeln verschwunden, im dichten Bergwald stimmten Vögel den Abendgesang an. Mit ihrem Hirtenstab bewaffnet erkletterte ein junges Mädchen den steilen Aufstieg. Schweißperlen standen auf ihrem von Pinkeln und Sommersprossen verzierten Gesicht. Sie musste sich beeilen, denn eigentlich hätte sie längst zu Hause sein sollen. Doch ein Unwetter am Nachmittag hatte die Ziegenherde aufgeschreckt. Deshalb musste sie den Berg hinauf, um die verlorenen Tiere einzufangen, bevor sie ein Opfer der hier lebenden Bestien wurden. Denn davon gab es eine Menge.
Wie alle Bewohner des Glimtals kannte sie die Geschichten über die hier hausenden Wesen: Dämonen aus anderen Welten, Geister der unglücklichen Seelen, die ihr Leben am Berg gelassen hatten, und natürlich all die weiteren Kreaturen, die sich in der Wildnis verbargen und nach Opfern suchten. Der Gedanke daran jagte ihr einen Schauer über den Rücken.
Viele Erzählungen mochten ein fantastisches Produkt langer Winternächte sein, in denen Menschen zusammen in Hütten hockten und sich draußen meterhoher Schnee auftürmte. Nichtsdestotrotz hatten diese Geschichten ihr Echo im Geist des Mädchens hinterlassen, das sehr wohl wusste, dass sich hinter vielen Märchen und Legenden ein wahrer Kern verbarg. Denn wenn man am Berg lebte, musste man sich der lauernden Gefahren stets bewusst sein.
Die Furcht vor diesen Kreaturen, egal, ob aus Hirngespinsten oder der Realität, wurde lediglich von der Angst überspielt, die ein Verlust der Ziegen mit sich brachte. Das Mädchen war eine einfache Hirtin und den Besitzern der Tiere zur Rechenschaft verpflichtet. Den Verlust eines einzigen Weidetieres bestrafte man bei den jungen Hirten gerne mit 20 Stockhieben auf den nackten Arsch.
Der Gedanke, was diese Besitzer mit ihr anstellen würden, wenn sie ein halbes Dutzend Ziegen verlor, trieb sie voran. Sie konnte nur hoffen, dass sich die zerstreute Herde auf einer der vertrauten Weiden sammelte, damit sie nicht den ganzen Berghang nach den Tieren absuchen musste. Immerhin gab es einen kleinen Lichtblick. Das Wetter war aufgeklart und der Vollmond stand bereits als silbergraue Silhouette am Himmel und wartete auf seinen großen Auftritt.
Endlich ließ das Mädchen den Wald hinter sich und erreichte eine saftige Wiese am Berghang. Hier hatten sich die entlaufenen Ziegen versammelt und grasten gemütlich. Erleichterung machte sich in ihr breit. Sie hatte es geschafft und wischte sich mit dem Ärmel ihres Wollkleids den Schweiß von der Stirn.
Mit schnalzenden Zungenlauten erregte sie die Aufmerksamkeit der Tiere. Diese hoben kurz den Kopf, machten allerdings keine Anstalten, mit ihrem saftigen Abendmahl aufzuhören.
Das Mädchen seufzte. Sture Biester. Obwohl Ziegen normalerweise gehorchten, hatten sie doch ihren ganz eigenen Kopf. Immerhin waren sie nicht verstreut, sondern auf einer Weide, welche die Hirten regelmäßig benutzten. Von hier gab es einen Abstieg mit nur leichtem Gefälle, der zwar etwas länger dauerte als der Aufstieg durch den Wald, doch er war dafür auch im Mondlicht einfach zu bewältigen.
Beiläufig blickte das Mädchen ins Tal und bemerkte dabei aufziehende Nebelschleier, wohl eine Folge des zurückliegenden Regens, was an sich nichts Ungewöhnliches war. Jeder hier draußen kannte das launische Wetter im Schatten des Glimspitzmassivs. Leider erschwerte es den Abstieg, denn wenn der Nebel dichter wurde, würden weder das Licht von Sonne noch von Mond ausreichen, um den rechten Weg zu finden.
Vermutlich war es das Beste, die Nacht über hier oben zu bleiben, um die kleine Ziegenschar am nächsten Morgen den Berg herunterzuführen, wo ihre Brüder und Schwestern mit der restlichen Herde warteten. Also machte sie sich daran, nach einer geeigneten Lagerstelle Ausschau zu halten. Rasch fand sie eine geschützte Stelle, die von den Hirten hier oben regelmäßig verwendet wurde. Hier gab es sogar etwas Brennholz, das man geschützt unter einem Felsvorsprung abgelegt hatte.
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Krystan Knight: Kissed by the Night (Blick ins Buch)
FantasyAls Verstoßene der Magierakademie macht sich die junge Kyri auf den Weg, den gefürchteten Werwolf zu erlegen, der die abgelegenen Ländereien ihres Vaters heimsucht. Aber sie will nicht nur den Tod der Bestie, sondern auch den Respekt ihrer Ränke sch...
